Filmkritik: UNDERWORLD: AWAKENING (USA 2012)

INHALT

15 Jahre sind vergangen, seitdem die Todeshändlerin Selene und ihr Geliebter, der Mensch-Lykaner-Hybride Michael, den Vampir-Ältesten Marcus vernichtet haben. In dieser Zeit haben die Menschen die Existenz von Vampiren und Lykanern entdeckt und einen bedingungslosen Krieg gestartet, der beide Spezies auslöschen soll. Vampirin Selene, die während des Genozids gefangen genommen wurde, erwacht nach mehr als einem Jahrzehnt und stellt zu ihrem Entsetzen fest, dass sie eine Gefangene im hermetisch versiegeltem Labor von Antigen ist, einem mächtigen Biotech-Konzern, der sich der Entwicklung eines Impfstoffes verschrieben hat. Damit soll der Virus bekämpft werden, welcher Vampire und Lykaner erschaffen hat. Selene bricht es das Herz, als sie von Michaels Tod erfährt. Doch für Trauer bleibt ihr keine Zeit, denn noch größer ist der Schock der Entdeckung, dass sie eine Tochter zur Welt gebracht hat, als sie kryokonserviert war…

REVIEW

Und die Vampirjagd geht weiter! Doch einiges hat sich geändert. In den ehemals prunkvollen Blutsauger-Residenzen tropft heute das Wasser modrig von der Decke, die Wolfsmenschen Lykaner mussten sich wie Ratten in den Untergrund verziehen und Todeshändlerin Selene hängt eingefrorern und kopfüber im Versuchslabor, bis…

Von Sequels und Prequels. Als vor einigen Jahren der Vampir-Hype in allen möglichen Variationen die Leinwände erklomm, war auch Kate Beckinsale im engen Latex-Kostüm Leitfigur der Euphorie rund um die Blutsauger. Lens Wiseman, ihr Ehemann und zugleich UNDERWORLD-Schöpfer und Regisseur der ersten beiden Teile UNDERWORLD und UNDERWORLD EVOLUTION aus den Jahren 2003 und 2006, hatte sich nach Teil 2 entschieden das Zepter aus der Hand zu geben. Doch um nicht aus dem Rhythmus zu kommen, gab es 2009 das Prequel UNDERWORLD – AUFSTAND DER LYKANER, ohne Beckinsale. Dann waren wieder drei Jahre um und die Sterne standen günstig, Misses Beckinsale noch einmal erfolgreich in den eigens neudesignten Latex-Anzug zu zwängen, samt Leder-Korsett und glitzernden Silber-Granaten. Aufgrund Lens Wisemans aktuellem Projekt, dem TOTAL RECALL-Remake mit Colin Farrell und der wenigen Zeit, die er dadurch zur Vefügung hat, wurde die Regie von UNDERWORLD AWAKENING den beiden Hollywood-Newcomern Måns Mårlind und Björn Stein übergeben. Entstanden ist ein brutaler Science-Fiction-Thriller mit Fantasy-Elementen und voller Action, die kaum Zeit zum Durchatmen gewährt. Die pausenlose Unterhaltung scheint von der hinterherhinkenden Handlung auch die sinnvollste Ablenkung zu sein.

Von Fantasy zu Science-Fiction.
Auch wenn die zeitlosen Archetypen des impulsiv zerstörerischen Werwolfs und düster erotischen Vampirs erhalten geblieben sind, wurde der restliche mythologische und mystische Überbau abgeschüttelt. Nicht die Welt der Kreaturen dominiert das neue UNDERWORLD-Sequel, sondern die Welt der Normalsterblichen und Menschlichen. So ist der vierte Teil der Vampir-Reihe auch zugleich der erste, der einen Menschen (mehr oder weniger) ausführlich charakterisiert. Michael Ealy (zu sehen als David „Hank Moody“ Duchovnys Konkurrent in „CALIFORNICATION“) ist der zwischen sensibel und abgebrüht schwankende Detective Sebastian. Er lässt die Zuseher das erste Mal die Dynamik zwischen den Überwesen und den gewöhnlichen Menschen beobachten, sprich zwischen ihm und Selene. Sie könnte ihn ohne Mühe beiseite schleudern, nimmt aber seine Hilfe an. Vampire und Werwölfe werden vom Rest der Bevölkerung bloß noch als zu heilende Viren-Opfer gesehen. Zwischen Vampir-Lykaner-Hybriden und Über-Lykanern konzentriert sich der finstere Actionfilm also auf den mächtig bösen Bio-Tech-Konzern Antigen und dessen üble Machenschaften. An die Fantasy-Reihe wurde so ein Science-Fiction-Film angehängt und balanciert mehr wackelig als gekonnt zwischen dem treu Bleiben den Vorgängerfilmen gegenüber und dem Erneuern der Geschichte durch zeitgenössische Wissenschaftlichkeit.

Von Beckinsale, Herz und Seele der UNDERWORLD-Reihe, werden als Todeshändlerin Selene zwei neue Vampir-Kämpfer in die UNDERWORLD-Saga geführt. Die neuen Charaktere lassen dank dem unbefriedigenden, offenen Ende eine gemeinsame Fortsetzung erahnen. Theo James, britischer Hollywood-Neuling, steht Beckinsale ebenso zur Seite, wie die junge India Eisley, welche schon seit ihrem zehnten Lebensjahr vor der Kamera steht. Beckinsale hat das Mädchen, schon bevor sie überhaupt wusste, dass diese in UNDERWORLD AWAKENING ihre Tochter spielen würde, als „perfekten Mini-Me“ bezeichnet. Weiters machen einen Großteil der Figuren die animierten Lykaner aus, wenn sie sich in rasende Bestien verwandeln. Leider bieten weder die Special Effects noch das 3D Neuheiten oder besonders originelle Szenen. Auch der Über-Lykaner bleibt bloß eine großgewachsene Version seiner niederen Artgenossen. Schön anzusehen sind die ausschweifenden Actionsequenzen jedoch allemal, besonders wenn die ästhetischen Kämpfe durch die schimmernden Granaten in einen silbrig glitzernden Schleier gehüllt werden. Die flotte und teils atemberaubende Kampf- und Schnitt-Choreografie lässt schnell das fahle Gerede dazwischen vergessen.

Von Resident Evil und Viren-Seuchen. Alles in allem erinnert UNDERWORLD AWAKENING zwar nicht von seiner Aufmachung des düsteren, blau-schwarzen Designs samt grauen Betonbauten, aber aufgrund seiner neuartigen Sci-Fi-Story, an die RESIDENT EVIL-Verfilmungen. Von dieser Zombie-Saga gibt es bereits ebenfalls vier Stück. Nicht nur ist Hauptdarstellerin Milla Jovovich mit RESIDENT EVIL 1, 4 (und 5) – Regisseur Paul W.S. Anderson liiert, auch spielt sie die übernatürliche Hauptrolle rund um einen bitterbösen Bio-Tech-Konzern, ihren mutierten Geliebten und dem bedrohlichen Virus, der alle Menschen in blutrünstige Kreaturen verwandelt. Kommt euch bekannt vor? Spätestens wenn ihr UNDERWORLD AWAKENING gesehen habt! Doch so wissen die Fans wenigstens ganz genau, was sie sich von der rasanten Science-Fantasy erwarten können und was nicht.

Fazit:
Durch die viele Action und wenige Handlung hinterlässt das Vampir-Erwachen UNDERWORLD AWAKENING bei den Zusehenden einen berauschenden, aber schnell verblassenden Eindruck. Etwas fehlt – seien es tiefgreifende Dialoge, interessante Charaktere oder ein roter Faden in der Story, doch der Film bietet nichts von dem. Dafür hat er jedoch ausgefeilte und atemberaubende IMAX-3D-Action zu bieten, die samt Beckinsales zweiter Latex-Haut die Fangemeinde mit Sicherheit zufriedenstellen wird. Werwölfe, Vampire und glitzernde Silbergranaten scheinen zumindest fürs schnelle Hinsehen hier komplett ausreichend zu sein.

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Filmkritik: IN TIME – Deine Zeit läuft ab (USA, 2011)

INHALT

In nicht allzu ferner Zukunft wird die offizielle Währung durch Zeit ersetzt. Mit 25 Jahren hören die Menschen auf zu altern. Sie sind genetisch so ausgestattet, dass sie nur noch ein Jahr lang überleben können, es sei denn sie schaffen es, sich einen Ausweg und somit mehr Zeit zu erkaufen. Die Reichen können sich Tausende Jahre und somit ewige Jugend und Unsterblichkeit erschleichen, während die Armen um jede einzelne Minute betteln müssen, um nur den Tag zu überstehen. In dieser Welt ist Will Salas einer der weniger Glücklichen. Jeden Tag erwacht er mit nicht mehr als 23 Stunden auf seiner tickenden Lebensuhr und muss sich jeden Tag aufs Neue das Leben erarbeiten. Als jedoch ein steinreicher Fremder in sein Leben tritt und kurz darauf stirbt, wird Will fälschlicherweise des Mordes bezichtigt. Er flieht in eine andere Zeitzone, um den Reichen alles abzunehmen, was sie haben…

REVIEW

Der neuseeländische Drehbuchschreiber und Regisseur Andrew Niccol hat eine Vorliebe für außergewöhnliche Welten mit Hang zur Sozialkritik. 1997 schickte er sein Publikum im Sci-Fi-Klassiker GATTACA in eine Welt voller Genmanipulation und perfekter Menschen. Mit THE TRUMAN SHOW schuf er ein Jahr darauf eine dystopische Zukunftsversion der totalen Überwachung eines Menschen und dem immer fortwährenden Reality-Wahn der Medien. Über zehn Jahre später konnte er für IN TIME, erneut ein Science-Fiction-Thriller aus eigener Feder, die beiden CHILDREN OF MEN – Produzenten Marc Abraham und Eric Newman an Land ziehen. Die Vorliebe dieser drei Männer für furchteinflößende Zukunftsvisionen prägen den Film.

Die Prämisse ist einfach. Zeit ersetzt Geld. Die Busfahrt kostet keine 10 Euro mehr, sie kostet zwei Stunden. Wer sich das nicht leisten kann, muss laufen – im wahrsten Sinne des Wortes. Zeit ist nicht nur Geld, Zeit ist Leben. Ausgehend von dieser originellen und visuell beeindruckend umgesetzten Zukunftsfantasie, erschöpft sich die daran angeknüpfende Story als plattes Roadmovie mit Tendenz zu ROBIN HOOD. Will Salas will genug Zeit für alle! Die reißerische Idee, welche in allen Filmen von Niccol im Mittelpunkt steht, würde sich wunderbar fortspinnen lassen und einen außergewöhnlichen Science-Fiction-Meilenstein erlauben. Jedoch sichert der Regisseur seinen Film lieber finanziell ab und versucht nicht weiter aus den typischen Storykonventionen auszubrechen. Niccol kehrt zudem die eine oder andere Erklärung unter den Tisch und bestückt sein Drehbuch mit zahlreichen Lücken im logischen Ablauf. Es scheint beinahe so, als wolle er einzelne, innovative Kniffe und gut durchdachte Szenen auf Biegen und Brechen aneinanderreihen. Dennoch wird es dem durchschnittlichen Sci-Fi-Blockbaster-Fan bei der furiosen Ausgangsidee und den souveränen Schauspielern ein Leichtes sein, darüber hinwegzusehen.

Hauptdarsteller Justin Timberlake, der sich spätestens seit THE SOCIAL NETWORK als ernsthafter Schauspieler wähnen darf, mimt Will Salas. Dieser ist einer von vielen mit Zeitknappheit geplagten Bürgern aus dem Ghetto. In einer Welt, wo die Menschen ab knackigen 25 Jahren nicht mehr altern, ist es schwer Schwester, Tochter und Mutter auseinanderzuhalten. So sorgt die Einstiegssequenz für einen Lacher, als Protagonist Will Salas die bezaubernde Olivia Wild, im wahren Leben jünger als Justin Timberlake, mit „Hi Mom!“ begrüßt und ihr einen Kuss aufdrückt. Amanda Seyfried hingegen spielt den ihrem Alter entsprechenden Sidekick von Timberlake mit feuerroter Perrücke. Sie war bei den Dreharbeiten die einzige tatsächlich 25-jährige unter den wichtigeren Rollen. Mit ihrer vorangegangenen, bunten Rollenauswahl an Teeniehorror (JENNIFER’S BODY), Musicalverfilmung (MAMA MIA!) und Werwolfromantik (RED RIDING HOOD) bewies sie nicht immer Stärke. Als entführte Milliadärstochter mit Rache- und Freiheitsgelüsten wirkt das junge Talent auch in IN TIME wie immer souverän, jedoch chronisch unterfordert. Der Funke zwischen dem Leinwandpärchen Seyfried und Timberlake scheint nicht überzuspringen, doch rein die Konvention scheint hier als Legitimation für ihre Beziehung auszureichen. Um den nötigen Geek-Faktor genregerecht mit in den Film zu bringen, übernimmt THE BIG BANG THEORY-Star Johnny Galecki die Rolle von Will Salas bestem Freund.

Auf der Seite der Bösewichte und Gegenspieler hat sich Niccol dann doch erlaubt, den 35-jährigen Cillian Murphey zu engagieren, um den gesetzestreuen Timekeepern eine kompetende Dimension zu eröffnen. Der spätestens seit seinem Durchbruch in Danny Boyles 28 DAYS LATER bekannte Ire mit dem soziopathisch bestechendem Blick und außergewöhnlichen Gesichtszügen zeigt auf beeindruckende und überzeugende Weise, wie man einen den speziellen Anforderungen des Drehbuchs gerecht wird und einen zweigeteilten Menschen darstellt – jung nach Außen und doch gealtert im Geist. Als einzige Figur, die sich treu an die Gesetze hält, wird der Timekeeper schon beinahe zum Sympathieträger, will er doch nur das System vor einem Zusammenbruch bewahren. Mit fröstelndem Lächeln und undurchschaubarem Blick steht ihm Multimilliardär Weis, gespielt von Vincent Kartheiser, als Nutznießer des Systems und eigentlicher Bösewicht zur Seite.

Fazit:

Andrew Niccols baut seinen Science-Fiction-Thriller IN TIME in alter Manier auf eine starke Idee auf, die den ganzen Film trägt. Auch wenn sich die Originalität schon nach kurzer Zeit in einer gängigen Hollywood-Story erschöpft. Justin Timberlake ist als Hauptrolle sicher richtig platziert, sowie Cillian Murphey als vielschichtiger Gegenspieler. Wer sich keine bahnbrechende Zukunftsvision mit all ihren sozialkritischen und –geschichtlichen Eigenheiten erwartet, wird von diesem rasanten und schön anzusehenden Spektakel sicher gut unterhalten werden.

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