OSCARS 2013 – Filmkritik: DJANGO UNCHAINED(USA 2012)

fünfstern

OSCAR-RENNEN:

5x nominiert, 2 x gewonnen:

Bester Nebendarsteller (Christoph Waltz), Bestes Originaldrehbuch (Quentin Tarantino), Bester Film, Beste Kamera, Bester Tonschnitt

INHALT

In den Südstaaten, zwei Jahre vor dem Bürgerkrieg, steht eines nachts der gequälte Sklave Django (JAMIE FOXX) dem deutschen Kopfgeldjäger Dr. King Schultz (CHRISTOPH WALTZ) Auge in Auge gegenüber. Schultz verfolgt die Spur der mordenden Brittle-Brüder, und nur Django kann ihn ans Ziel führen und jene identifizieren. Der unorthodoxe Schultz sichert sich Djangos Hilfe, indem er ihm verspricht, ihn zu befreien, nachdem er die Brittles gefangen genommen hat – tot oder lebendig. Nach erfolgreicher Tat löst Schultz sein Versprechen ein und setzt Django auf freien Fuß. Dennoch gehen die beiden Männer keine getrennten Wege, sondern nehmen gemeinsam die meistgesuchten Verbrecher des Südens ins Visier. Während Django seine überlebensnotwendigen Jagdkünste weiter verfeinert, verliert er dabei sein größtes Ziel nicht aus den Augen: Er will seine Frau Broomhilda (KERRY WASHINGTON) finden und retten, welche er einst vor langer Zeit an einen Sklavenhändler verloren hat. Ihre Suche führt Django und Schultz zu Calvin Candie (LEONARDO DI CAPRIO), dem abtrünnigen Eigentümer von „Candyland“, einer berüchtigten Plantage…

FILMKRITIK

Wenn sich Quentin Tarantino dem Thema Sklavenbefreiung annähert, dann wird es mit Sicherheit kein feinfühliges Historien-Drama á la Steven Spielbergs LINCOLN, sondern ein etwas derberer Befreiungsschlag mit blutbespritzten Baumwollplantagen und tabakvergilbten Zähnen. Django muss er heißen, der Protagonist, um Tarantinos geliebte Intertextualität zu wahren. Seine endlose Liebe zum Genre-Kino zeigt sich in der Anhäufung von Zitaten, Einstellungen und natürlich auch Darstellern anderer Filme. Erstmals trat die ikonische Figur von Django 1966 im ebenso betitelten Film auf, gespielt von Franco Nero, der sich natürlich einem Cameo in Tarantinos DJANGO UNCHAINED nicht verweigern konnte. Das neue Werk schließt an eine umfassende Serie zahlreicher Rip-off-Fortsetzungen an und formt Tarantinos längst überflüssigen, persönlichen Western-Beitrag.

Leider nicht vergleichbar mit der sprühend witzigen Unterhaltung und den unzähligen raffinierten Charakteren in INGLOURIOUS BASTERDS, erweist sich jedoch auch DJANGO UNCHAINED als weiterer gelungener Eintrag eines großen Regisseurs in die Filmgeschichte. Voller komödiantischer Qualität und mit viel Witz nähert sich Tarantino einem schwierigen, geschichtlichen Thema. Doch diesmal hält sich der Drehbuchschreiber und Regisseur an die für ihn untypische lineare, chronologische Geschichtenerzählung und folgt ausnahmslos seinem Protagonisten Django. Und das bei seinem längstem Spielfilm bisher. Dass sich hier ab und an ein paar überlange Dialoge, sowie unnötig scheinende Minuten einschleichen, ist Nebenprodukt dieser blutigen Geschichte ganz ohne Tarantinos beliebte Zwischentitel und Episoden.

Auch diesmal wieder darf Landsmann Christoph Waltz eine große Nebenrolle übernehmen, nämlich jene des liberalen Kopfgeldjägers, welcher es einem Afroamerikaner doch tatsächlich gestattet auf einem Pferd zu reiten und sich das Gewand selbst auszusuchen. Jamie Foxx als titelgebender Hauptcharakter mit weißer Riesenschleife jedoch verschwindet hinter den eindringlichen Performances seiner Kollegen und entwickelt sich beinahe unmerklich vom verängstigten Sklaven zum Ehemann auf Rachefeldzug. Unter die Haut geht hingegen das Spiel von Tarantinos Weggefährten Samuel L. Jackson, welcher sich selbst als Sklave daran ergötzt über andere Sklaven bestimmen zu dürfen und mit tiefster Hingabe und Untergebenheit seinem Besitzer Candie schon beinahe ein Klotz am Bein ist.

Stets brodelt die Unberechenbarkeit aller Charakter unter der Oberfläche und macht den Film zu einem spannenden, doppelten Spiel auf der Baumwollplantage „Candyland“. Leonardo DiCaprios Bösewichtenrolle des Plantagenbesitzers in vierter Generation lässt ihm alle Freiheiten voller Theatralität einem widerlichen Egotrip zu frönen und das Publikum ausnahmslos zu unterhalten. Mr. Calvin Candie ist gelangweilt von seinem Unternehmen und sucht Abwechslung in den brutalen Mann gegen Mann Mandingo-Kämpfen. Egal, ob hierbei Körperteile abgetrennt werden oder Candie einen seiner alten Sklaven von Hunden zerfleischen lässt – diese Brutalität, bei der man gerne den Blick von der Leinwand abwendet, um nicht jede Grausamkeit mitansehen zu müssen, öffnet die Augen gegenüber der tragischerweise nicht einmal übertriebenen Unmenschlichkeit des Sklaventums. Und am Ende bleibt ein over-the-top-Blutbad, das alle realistischen Ansprüche wieder zurücknimmt und DJANGO UNCHAINED als stilisiertes Manifest gegen die Unterdrückung lange nachwirken lässt.

Fazit:
DJANGO UNCHAINED ist ein weiterer, gelungener Versuch von Quentin Tarantino sich und seine Liebe zum Kino in einem Zitate-versehenen Stück Filmgeschichte zu verewigen. Auch wenn das Werk mit beinahe drei Stunden etwas lange geraten ist, führt Tarantino seine Sichtweise über die unmenschliche Sklavenhaltung und überfällige Befreiung unterdrückter Menschen mit viel Blut, Humor und Charakter zu einem darstellerischen Fest.

Filmkritik: MARVEL’S THE AVENGERS (USA 2012)

INHALT

Nick Fury, führender Kopf der mächtigen internationalen Friedensorganisation S.H.I.E.L.D., sieht sich gezwungen, das eine Team zusammenzustellen, welches die Welt vor dem Absturz in die Katastrophe bewahren kann und beginnt eine den Erdball umfassende, nie dagewesene Rekrutierungsaktion. Denn Thors rachsüchtiger Bruder Loki, der dank eines Kosmischen Würfels über unbegrenzte Macht verfügt, bedroht Weltfrieden und die globale Sicherheit. Doch bevor Iron Man, Thor, Black Widow, der unglaubliche Hulk, Captain America und Hawkeye als ultimatives Dreamteam auch nur die Chace zur Gegenwehr bekommen, müssen die Superhelden von Fury und seinem Vertrauten Agent Coulson überzeugt werden, miteinander zu arbeiten – und nicht gegeneinander…

REVIEW

Was haben IRON MAN 1 und 2, DER UNGLAUBLICHE HULK, THOR und CAPTAIN AMERICA gemeinsam, außer, dass sie ihren Helden im Titel tragen? Sie waren alle nur das Vorspiel für THE AVENGERS – ein Fest für alle Fans!

Hinter jedem Kinofilm steht eine treibende Kraft. Sei es ein kapitalistischer Produzent, ein sich selbst inszenierender Hauptdarsteller oder ein leidenschaftlicher Regisseur. Kevin Feige heißt der Studioboss von Marvel, der THE AVENGERS ermöglichte und dafür werden ihm noch sehr viele danken. Seine Dasein als Fanboy hatte er schon mit der Produktion von der X-MEN-Reihe, SPIDER-MAN und den FANTASTIC FOUR gezeigt. 2008 hatte er während der laufenden Verfilmung des nächsten Comic-Klassikers IRON MAN dann plötzlich die bahnbrechende Eingebung, die Zusammenführung der ikonischen Superhelden sofort anzudeuten, um Fan-Reaktionen abschätzen zu können. Und die Fans waren mehr als bereit für THE AVENGERS, als nach dem Abspann von IRON MAN plötzlich Samuel L. Jackson mit Augenklappe als Chef der Friedensorganisation S.H.I.E.L.D. vor dem eisernen Helden stand und ihm augenzwinkernd verkündete, dass er nur ein Teil eines noch viel größeren Universums sei, als er je gedacht hätte.

Beinahe ein halbes Jahrhundert ist es her, dass Comic-Götter Stan Lee und Jack Kirby 1963 das erste AVENGERS-Comicheft veröffentlicht haben. Damals noch aus Iron Man, Thor, Hulk, Ant-Man und Wasp bestehend (Captain America fand seinen Weg drei Augaben später ins Team), wurde es seit dem niemals wirklich still ums vielfältige Marvel-Universum. Und selbstverständlich lässt sich Stan Lee seinen äußerst kurzen Cameo-Auftritt auch in THE AVENGERS nicht nehmen. Haltet ausschau.

Joss Whedon, verantwortlich für die Geniestreiche „BUFFY“ und „FIREFLY“, war Feuer und Flamme für das Projekt. Nicht nur durfte er das Drehbuch schreiben zu einem Film, deren Comic-Vorlagen er als Kind nur so verschlang, auch würde er Regie führen und seine persönlichen Helden im neuen „Zeitalter der Comic-Adaptionen“ als erster zusammen auf die große Leinwand bringen. Und darin besteht die Stärke seines Drehbuchs und der Inszenierung. Denn nicht nur erarbeitete er gemeinsam mit den Darstellern deren Charaktere, auch fand er in der Dynamik ihrer erstmaligen Zusammenführung in dieser Konstellation die Stärke des gesamten Projekts. Denn wer sich denkt, es gäbe keine Weg Loki mit seinem mächtigen, güldenen Geweih, Captain America in seinen blauen Strumpfhosen und Iron Man als High-Tech-Superheld glaubwürdig nebeneinander zu stellen, der irrt sich. Mit Charme führt er die unterschiedlichen Charaktere in eine Geschichte voller überlebenswichtiger Notwendigkeit zusammen, welche neben all den visuellen und computergenerierten Effekten nicht das Wesentliche aus den Augen verliert – die Interaktion der Heldinnen und Helden, Agentinnen und Agenten und Bösewichte. Keine Explosion übertrumpft die Figur, welche sie verursacht hat und damit steht THE AVENGERS qualitativ mehrere Stufen über den gängigen Blockbustern.

THE AVENGERS unserer Zeit bestehen aus Steve Rogers aka Captain America – dem Praktischen, Tony Stark aka Iron Man – dem Zynischen, Thor – dem Göttlichen, Natasha Romanoff aka Black Widow – der Hinterlistigen, Clint Barton aka Hawkeye – dem Scharfsinnigen und natürlich Dr. Bruce Banner aka Hulk – der tickenden Zeitbombe. Beim Cast ihrer Superhelden haben die Verantwortlichen der Marvel-Verfilmungen nur selten an Qualität und Bekanntheitsgrad gespart. Angefangen bei Mark Ruffalo als besten Hulk-Darsteller seit Bill Bixby, führt die Reise von den perfekt besetzten Nebendarstellern Gwyneth Paltrow (IRON MAN 1 + 2) als Pepper Potts und Stellan Skarsgård (THOR) als Professor Erik Selvig hin zu den sich allmählich kennenlernenden Größen Robert Downey Jr. im Eisenanzug, Chris Hemsworth mit seinem Donner-Hammer und Chris Evans als muskelbepackter Naivling aus der Vergangenheit. Einen Bösewicht, wie er im Buche steht, liefert uns Tom Hiddleston (THOR) als Loki, Bruder von Thor, der rachsüchtig und eigensinnig die Welt mit seinem teuflischen Plan in den Untergang treiben will. Hiddleston weiß zugleich einen furiosen Ausdruck in seinen Augen mit einem psychopathischen Grinsen zu vermischen, was ihm Eigenschaften von Heath Ledgers Joker verleiht. Nicht zu vergessen ist die flinke Scarlett Johansson (IRON MAN) und Meisterschütze Jeremy Renner (THOR) als extra Draufgabe!

Die Eigenständigkeit der Charaktere, sowie die glaubwürdige, konfliktgeladene und explosive Zusammenkunft der mächtigen Kämpfer, ergibt eine ebenso humorvolle, wie spannende Charakterstudie. Diese löst sich nach und nach in ein Action-Spektakel auf, das seines gleichen sucht und ein gut eingesetztes 3D zu bieten hat. Die Fans bekommen einen Einblick in die Arbeit von S.H.I.E.L.D. in ihrem Helicarrier und den Agenten Coulson (Clark Gregg), Hill (Cobie Smulders von „HOW I MET YOUR MOTHER“) und natürlich Nick Fury (Samuel L. Jackson) als integre und an das gute glaubende Friedensorganisation. (Denn der Präsident ist bezüglich der Verschonung Unschuldiger etwas anders gestrickt.)

Neben einem nicht zu übersehenden Heldentum und Heroismus bleibt THE AVENGERS immer so weit selbstironisch und voller knackiger Witze und Selbstverweise, dass die Balance zwischen ernst und lustig in einer Waagschale bis aufs Milligramm gleichwertig sein müsste. Für die wahren (Film-)Fans bietet THE AVENGERS sowohl zahlreiche Augenzwinkerer, jedoch auch teils wohl etwas zu platte oder konstruiert wirkende Dialoge, die es nicht bräuchte, um der Handlung zu folgen. Doch damit ermöglicht es das Action-Spektakel den Neueinsteigern (fast) ebenso viel Freude am Film zu haben, wie den alt Eingesessenen.

Fazit:
THE AVENGERS ist kurz gesagt so gelungen wie THOR, CAPTAIN AMERICA und HULK zusammen, und noch ein Stück unterhaltsamer als IRON MAN. Grund dafür ist die einmalige Verwebung der völlig unterschiedlichen und eigenständigen Charaktere in eine komplexe Story mit gelungenen Spannungsbögen, zahlreichen Stellen zum herzhaft Lachen und ebenso explosiven wie optisch ansprechenden Kämpfen. Weg von einer Schwarz-Weiß-Zeichnung, hin zur Vermischung aus Ego, Zurückhaltung, Courage und Selbstüberwindung entwickeln sich die Rollen und zeichnen ein altes Märchen, modernisiert für unsere Zeit. THE AVENGERS ist für alle Fans wohl das beste, was an Superhelden-Verfilmungen gedreht wurde, seit Stan Lee auf die Idee kam, seine eigenen Comics für die Leinwand zu produzieren.

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