Filmkritik: HARRY BROWN (GB 2009)

vierstern

INHALT

Der pensionierte Marine Harry Brown verbringt sein einsames Leben zwischen Krankenhausbesuchen seiner komatösen Frau und dem Schachspiel mit seinem einzigen Freund Len in einer immer zwielichtiger werdenden Kneipe. Nachdem seine Frau stirbt und Harry sie neben dem Grab seiner Tochter beerdigt, wird Len zum Opfer einer mörderischen Jugendbande. Da die Polizei im Dunklen tappt und die Täter nicht festnageln kann, begibt sich Harry selbst auf Rachefeldzug, um den Möder seines einzigen, verliebenen Vertrauten zu finden…

FILMKRITIK

Beginnend mit einer schockierenden Found-Footage-Szene, die hohe Gewaltbereitschaft und blinden Mord einer Jugendbande vermuten lässt, setzt der Londoner Regisseur Daniel Barber seinen ersten Langspielfilm HARRY BROWN düster in Szene mit einzelnen Neonlichtern am Horizont. Wohlkomponierte Bilder und beinahe verschwindend geringer Einsatz von musikalischer Dramatik geben dem harten Thriller einen kalten Überzug, der sich vom einsamen Drama zur Tour-de-force durchschlägt. Michael Caine, Herz des Films, besticht als Protagonist Harry Brown mit treffsicherer Schauspieleri. So verseht er seine Figur gewohnt souverän mit geballter Intensität und verkörpert glaubwürdig einen gealterten Marine, mit nichts zu verlieren außer seinem letzten Kampf. Die letzten Jahre für Christopher Nolan in fünf Filmen (PRESTIGE – DIE MEISTER DER MAGIE, INCEPTION, BATMAN-Trilogie) den alten Meister und Beschützer mimend, darf er in HARRY BROWN wieder zu seiner alten Hauptrollen-Form auflaufen, die eingängige Gewalttaten fordert.

Die verwelkten Blumen auf dem kalten
, stillen Friedhofsgrab gehören ausgetauscht. Michael Caine schreckt als Protagonist Harry Brown aus dem zermürbend kargen Alltag kommend nicht zurück, tränenreiche Trauer um Verstorbene mit kalkulierender, roher Gewalt zu verbinden. Schnaufend, mit der schweren Atmung eines gealterten Mannes, wandelt er sich vom wortkargen Wegseher zur zerbrechlichen Tötungsmaschine. Umso klarer jedoch Harrys Absichten werden, umso blasser werden all die anderen Charaktere in Barbers Film skizziert. Emily Mortimer, ansonsten als überzeugende Charakterschauspielerin aus MATCHPOINT oder HUGO CABRET bekannt, wirkt fehl am Platz und kann der ermittelnden Polizistin immer weniger Tiefe verleihen, woran jedoch auch das in diesem Punkt mangelnde Drehbuch Mitschuld trägt. Bleibenden Eindruck hinterlässt Sean Harris in einer Nebenrolle als narbenübersehter Junkie mit verkrampfter Körperhaltung und nervösen Augen. All die anderen Kriminellen, auf die Harry Brown Jagd macht, sind stereotype Gangster, mal Alphamännchen, mal Mitläufer.

Brown taucht ein ins Drogenmilieu, um die Schuldigen zu finden. Denn so wie die jüngste Vergangenheit ihm Schmerz und Leid zugefügt hat durch die Hände anderer, so will auch er den Verantwortlichen in naher Zukunft Schmerzen bereiten. HARRY BROWN behandelt das Thema Selbstjustiz als letzten Ausweg gerechter Vergeltung. Kaum wird reflektiert, ob es nun Eigensinn, Dienst an der Gesellschaft oder eine alternative Umsetzung der Todesstrafe ist. Ob die Verbrecher durch die Hand eines Rächers sterben sollten, steht nicht zur Debatte. Es wird getan, was getan werden muss. Die unfähige, beinahe ohnmächtige Polizei muss sich den Gesetzen beugen oder hat wichtigeres zu tun. Allgemein hat es den Anschein, dass die Parallelhandlung der Ermittelnden nur für das packende Finale geschrieben wurde. Bis dorthin wird sie vom brutal und blutig mordenden Harry getragen.

Neben Caine selbst hat der Film jedoch noch ein weiteres Highlight zu bieten – die Bildersprache. Beinahe schon wie in einem Computerspiel schimmern die Neonspots in jeder Nachtszene aus mehreren Ecken und füllen den restlichen Raum mit dunklem Unbehagen. Ob in einem kalten Verhörraum, einer Bar-Toilette oder der gefährlichen Unterführung, Barber schafft stilvolle und stimmungsvolle Bildkompositionen. Einzelne Quälereien von Harrys Seite bauen unerträgliche Spannung auf durch die verübte oder nicht verübte Gewalt. Den gesamten Film über kann das eindimensionale Drehbuch diese Spannung jedoch nicht aufrecht halten, braut sich aber am Ende nochmals zu einem gewaltigen Sturm zusammen.

Fazit:
HARRY BROWN ist ein kalter und harter Selbstjustiz-Thriller. Michael Caine verkörpert den gealterten Kämpfer mit Würde und packender Intensität. Neben starker Bildsprache und drastischen Gewaltszenen wird aber abseits von Caines fragwürdiger und eindringlicher Rachetour versäumt, eine spannende Nebenhandlung und interessante, unterstützende Charaktere zu etablieren.

Filmkritik: THE DARK KNIGHT RISES (USA 2012)

INHALT

Vor acht Jahren ist Batman in die Nacht verschwunden – seit diesem Moment befindet sich der Held auf der Flucht. Der Dunkle Ritter nahm die Schuld am Tod von Staatsanwalt Harvey Dent auf sich und opferte sich so für die gute Sache, der er sich zusammen mit Commissioner Gordon verschrieben hat. Eine Zeit lang hat diese Lüge funktioniert: Dents neu eingebrachtes Gesetz sorgte dafür, dass die Kriminalitätsraten in Gotham City deutlich sanken. Aber das ändert sich plötzlich radikal, als eine gerissene, katzenhafte Einbrecherin ihre undurchsichtigen Pläne zu verwirklichen beginnt. Weitaus gefährlicher ist allerdings der maskierte Terrorist Bane: Mit seinem skrupellosen Vorgehen bringt er Bruce dazu, sein selbstgewähltes Exil aufzugeben. Doch selbst als er wieder zu Cape und Maske greift, scheint der Dunkle Ritter Bane unterlegen.

REVIEW

Spider-Man zurück in die Krabbelstube, Avengers ab in den Kindergarten! Hier kommt der dunkle Ritter in seinem epischen Finale und es ist länger, wuchtiger und brutaler wie seine Vorgänger. Dass das jedoch nicht zwingend gute Eigenschaften sein müssen, beweist THE DARK KNIGHT RISES beinahe schon beispielhaft.

Der dunkle Ritter kehrt in seine Heimat zurück, bäumt sich auf, wird zum Held, nimmt alle Schuld auf sich und sowohl er als auch seine Legende zerbrechen darunter. Doch noch ein letztes Mal ist er bereit alles zu geben und will Gotham einmal mehr vor den bösen Machenschaften des organisierten Verbrechens retten. Diese Geschichte erzählt uns Christopher Nolans THE DARK KNIGHT TROLOGY in aller Ausführlichkeit und Genialität bis an jenen Punkt, an dem Bruce Wayne im Batman-Kostüm am Ende von THE DARK KNIGHT in die dunkle Nacht verschwindet, denn „he’s the hero Gotham deserves, but not the one it needs right now. So we’ll hunt him. Because he can take it. Because he’s not our hero. He’s a silent guardian, a watchful protector. A dark knight.“ Es verwundert nicht, dass THE DARK KNIGHT RISES nicht an diesen epischen Höhepunkt heranreichen kann. Das Finale bürdet sich die Last auf, alles zu einem Ende kommen zu lassen, ohne sich selbst die Zeit zu geben, ein eigenständiger Film zu sein.


Doch abseits aller Enttäuschung, die nichts mit einer objektiven Filmbewertung zu tun hat, ist THE DARK KNIGHT RISES ein sehenswertes Actionspektakel. Es gibt unvorhersehbare Plot-Twists, emotionale Momente, harte und brutale Kämpfe, sowie eine ganze Reihe an absolut einzigartigen Darstellern. Doch am Zusammenhalt all dieser Größen und einzelnen Sehenswürdigkeiten hapert es. Viel zu oft sind die Dialoge kalkulierend statt mitreißend und das Gesprochene wird ohne Rückhalt und Ausführung in den Raum geworfen und beiläufig abgehandelt. Emotionen werden verschluckt von Gesprächen, die ins Nichts führen.

Die alten Helden sind geknickt. Nicht nur Bruce Wayne (Christian Bale) hat sein Cape an den Nagel gehängt und wandelt durch die Korridore seines Anwesens wie der Schatten seiner einstigen Präsenz. Auch Alfred (Michael Caine) ist niedergeschlagen und unterfordert mit der Leere im Leben seines Freundes und Arbeitgebers und Comissioner Gordon (Gary Oldman) ist kurz davor unter der Last der Lüge, die er vor acht Jahren einer ganzen Stadt aufgetischt hat, zu zerbrechen. Beinahe schon weinerlich und sich selbst bemitleidend vegetieren sie dahin. Nolan lässt die Zuseher unbeholfen mitansehen, wie ihre einstigen Helden an der Stille des Friedens und des überflüssig Seins beinahe zugrunde gehen. Alle drei benötigen sie das selbe, um zu alter Form aufzulaufen. Nämlich die Wahrheit im Tageslicht und die Todesangst im Nacken. Während Alfred jedoch aus der Handlung genommen wird und seine Auftritte sich auf emotionale Ausbrüche beschränken, die ihm nicht gerecht werden, finden Bruce und Gordon frisches Blut und neuen Ansporn in der geschickten und mysteriösen Diebin Selina Kyle alias Catwoman und dem aufstrebenden Polizisten und letzten Verfechter Batmans: John Blake.

Joseph Gordon-Levitt und Anne Hathaway bleiben als Blake und Catwoman aufgrund ihrer Frische und originellen Chraktere die einzigen Gesichter, die nach THE DARK KNIGHT RISES wirklich hängen bleiben. Während Gordon-Levitt Sympathieträger und letzter Mann Gothams mit Menschlichkeit und Glaube ist, beschert uns Nolan durch Catwoman ein paar wenige Momente zum Lachen, von denen er noch viele mehr einbringen hätte können.

Anders als bei der skurrilen Schauspielerei von Joker-Legende Heath Ledger, ist bei Tom Hardys Bösewicht Bane keine Zeit für Witze oder Spielchen. THE DARK KNIGHT RISES schlägt dadurch einen deutlich härteren und brutaleren Grundton an als sein Vorgänger. Die wuchtige Imposanz des maskierten Muskelbergs Bane zeigt Batman seine körperlichen Grenzen, aber auch seine mentalen Stärken. Es liegt weder an seiner Maske, noch and der schwer gewöhnungsbedürftigen Stimme, dass Bane wenig Eindruck hinterlässt. Es liegt am Drehbuch. Denn während Bane sich seinen dunklen Machenschaften und durchkalkulierten Plänen hingibt, steht ihm die meiste Zeit niemand im Weg, da die Stadt mit ihrer Angst und Batman mit sich selbst zu kämpfen hat. So bleibt Bane eine unhinterfragte Maschine.


THE DARK KNIGHT RISES punktet mit phänomenaler Action und wenigen Special-Effects, sowie hart choreografierte Kampf- und Massenszenen und einem kalten, rauen Sound samt aufreibender Musik von Hans Zimmer. Batmans neuestes Spielzeug – The Bat – ein fliegendes Batmobil – ermöglicht ihm neue Flucht- und Angriffspunkte. Weiters wird es die Fans freuen, dass einige bekannte Gesichter des ersten und zweiten Teils für kleine Auftritte zurückkehren, um Nolans Gotham zu komplettieren.

Die Comichaftigkeit, welche auch im ersten und zweiten Teil kaum noch vorhanden war, wurde nun bis ins kleinste Detail wegrationalisiert und eine Geschichte über Verantwortung, Heldenverehrung und Selbstjustiz erschaffen. Gotham City bleibt letzten Endes eine Ansammlung hilfloser Menschen, die nach einem Star in ihrer Mitte verlangen. Und trotz all dem bleibt Batman nur Nebendarsteller in seinem eigenen großen Finale. Er ist kein Supermensch und schon gar kein Überflieger. Retten will er die Menschen aus einem irrationalen Glauben daran, dass er ihnen noch nicht alles gegeben hätte. Er übernimmt eine zusammenhaltende Funktion ein in Gothams Gesellschaft und im gesamten Film.

Fazit:
THE DARK KNIGHT RISES ist eine erwachsene Comic-Verfilmung, die – verglichen mit anderen derzeitigen Superhelden-Geschichten – wenig Witze und Charme aufbringt. Das Finale ist ein imposantes Action-Spektakel mit beeindruckenden Kämpfen und einer knackigen Catwoman. Doch ein würdiger Abschluss für BATMAN BEGINS und THE DARK KNIGHT ist der Film nicht. Dafür ist er zu sehr Fortsetzung und Finale, als dass er etwas eigenes vorweisen könnte, das ihn auszeichnet. Zu viel wird übers Tun gesprochen, zu wenig wird tatsächlich getan. Nichtsdestotrotz kann man sich im Kino getrost zurücklehnen, denn so wie alle Filme Nolans ist auch dieses kurzweilige 2 ¾ Stunden Spektakel sein Ticket wert.

 

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