Filmkritik: GET CARTER – Jack rechnet ab (GB 1971)

vierstern

INHALT

Der Gangster Jack Carter fährt in seine Heimatstadt zum Begräbnis seines Bruders. Angeblich ist dieser bei einem Autounfall ums Leben gekommen, doch Jack glaubt, dass er ermodert wurde. Er mietet sich ein Zimmer und beginnt alte Bekannte zu besuchen und dringt dabei immer weiter in den kriminellen Untergrund vor. Jack startet einen Rachefeldzug und entdeckt ein dunkles Geheimnis, das seinem Bruder das Leben gekostet haben könnte…

FILMKRITIK

Zuletzt erfuhr der britische Gangsterfilm durch Regisseur und Drehbuchschreiber Guy Ritchie mit SNATCH und BUBE DAME KÖNIG GRAS einen Popularitätsschub und lässt sich seither mit purer Coolness identifizieren. Doch speziell England hat eine lange Tradition an filmischen Verbrecherstorys. GET CARTER – JACK RECHNET AB aus dem Jahr 1971 kommt als harter Thriller daher, der seine Nonchalance viel raffinierter und präziser einsetzt, um letzten Endes einen der eindrücklichsten Gangster der britischen Filmgeschichte alleine zurückzulassen. Regisseur und Drehbuchschreiber Mike Hodges lässt sich nicht bloß auf einen Rachefeldzug des Protagonisten zurückfallen. Er betrachtet die Geschichte als Gesamtpaket aus originellen Blickwinkeln.

Abseits der einnehmenen Charakterisierung
der Personen, beschränken sich die Frauenrollen auf ihre Rolle als Frau. Die Geliebte, die Freundin, die Tochter stehen stets in einem sexuellen Kontext. In bewährter Bond-Manier verführt Michael Caine als Hauptdarsteller Jack Carter die Ladys, gibt ihnen Anweisungen zur Selbstbefriedigung und sieht sie als Zeitvertreib an. Anders ist das Verhältnis zu seiner Nichte, oder doch Tochter? Auch wenn wenig über all die anderen Charaktere, die Jack auf seinem Weg kürzer oder länger begleiten, erfahren wird und oftmals Motivationen hinter Taten verschwinden, zieht eben diese Orientierung nach vorne in ihren Bann. Oftmals genügt eine kurze Einstellung, um sich das ganze Leben einer Person vorstellen zu können, sei es ein aus dem Mund hängender Hot Dog oder das nervöse Schwitzen beim Pokerspielen.

Die deutsche Übersetzung JACK RECHNET AB
vom englischen GET CARTER zeigt die Zwiegespaltenheit der Story zwischen dem Rächer und dem Gehetzten, der stets zwischen seiner Position als kompromissloser Verbrecher und gewollter Fliehender steht. Protagonisten Jack Carter darf sich als umfassend charakterisiert betrachten. Der kriminellen Unterwelt Newcastles entsprungen, kehrt er eben dorthin zurück, um beim angeblichen Autounfall seines Bruders nachzubohren. Jack ist nichts heilig, außer seine Familie. Und wenn denen etwas unerfreuliches zustößt, dann findet die Polizei bald zahlreiche Leichen in ihrer Stadt. Vom liebevollen Onkel und freundlichen Chameur, bei dem die Geldscheine locker sitzen und der Anzug wie angegossen, kann Michael Caine sich im Bruchteil einer Sekunde in einen furiosen Killer mit angsteinflößendem Blick verwandeln. Diese Macht, den Zuschauern die Sicherheit zu nehmen ihn zu kennen und zu verstehen, welche Caine hier besitzt, macht GET CARTER zu einem der besten britischen Gangster-Thriller in der Filmgeschichte.

Fazit:
GET CARTER – JACK RECHNET AB aus dem Jahr 1971 kann getrost das größte Werk des englischen Regisseurs und Drehbuchschreibers Mike Hodges genannt werden. Die Größe dieses britischen Gangsterfilms schweißt sich aus seiner originellen Kameraführung, raffinierten Einstellungen, einer prägnanten Geschichte und der Ausschöpfung des Casts.

Filmkritik: SLEUTH – Mord mit kleinen Fehlern (USA/GB 1972)

fünfstern

INHALT

Um nichts vorweg zu nehmen, sei hier nur so viel gesagt: Der Krimiautor Andrew Wyke (Sir Laurence Olivier) lädt den jüngeren Milo Tindle (Michael Caine) zu sich nach Hause auf sein riesiges Anwesen ein. Er will ihm seine mechanischen Spielereien, seinen Witz und seine intellektuelle Überlegenheit vorführen, da Milo seit längerem ein Verhältnis mit Andrews Frau Marguerite hat. Der Autor, welcher selbst eine Geliebte hat, befürchtet, dass ihn eine Scheidung ein Vermögen kosten würde, deshalb soll Milo seine Juwelen stehlen, welcher dieser dann weiterverkaufen könnte. Und Andrew selbst würde die Versicherungssumme kassieren. Doch beide ahnen sie nicht, auf was sie sich da einlassen…

FILMKRITIK

SLEUTH aus dem Jahr 1972 war die letzte Regiearbeit von Joseph L. Mankievicz, der 1949 für sein Romantik-Drama A LETTER TO THREE WIVES den Oscar für die Beste Regie bekam. Michael Caine und Laurence Olivier, beide mittlerweile von der Queen zum Sir ernannt, ergatterten die Hauptrollen in dem Zweikampf SLEUTH, einem freiwilligen Duell mit ungewissem Ausgang. Das wendungsreiche Drehbuch stammt von Anthony Shaffar, der hier sein eigenes Theaterstück adaptierte. Sogleich in der Eröffnungsszene mit pompös detektivischer Eingangsmusik von John Addison sind kleine Bühnen zu sehen, welche weiters auf die zweischneidigen Marionetten-Spielchen von Caine und Olivier verweisen. Zwischen all seinen spitzfindigen Dialogen erzeugt Shaffar nicht nur einen spannenden Kriminalfilm, sondern zugleich eine Parodie dieses Genres, dass mit SLEUTH aber auch eine Ehrung erfährt. Olivier und Caine wurden nicht umsonst beide für einen Oscar für ihre Darstellung in SLEUTH nominiert, mussten sich jedoch dem „Paten“ Marlon Brando geschlagen geben.

THOR-Regisseur Kenneth Branagh versuchte 2008 diesem Klassiker einen neuen Überzug anzunähen, doch selbst die Darstellung von Michael Caine, diesmal in der anderen Rolle als Andrew Wyke, konnte dem Krimi nicht die selbe Rafinesse verleihen, wie sein Original. Jude Law trat hier nach ALFIE zum zweiten Mal in Caines Remake-Fußstapfen.

Die dritte, wichtige Rolle des Films
übernimmt das unheimliche, verwinkelte und für einen Menschen viel zu große Anwesen von Oliviers Schriftsteller Andrew Wyke. Schon zu Beginn vermittelt der Labyrinthgarten eine verschleiernde Unantastbarkeit des Protagonisten. Seine unheimlichen Puppen, mechanischen Spielereien und Antiquitäten aller Art geben Vielfalt und Reichtum preis. Im Gegensatz zu einer Aufführung auf der Theaterbühne lässt sich hier weitere Spannung durch Großaufnahmen und einer Vermittlung der Imposanz des Gebäudes aufbauen. Wenn ab und an einer der beiden „Spieler“ das Gefühl der Verzweiflung und der Unterlegenheit bekommt, dann stellt sich auch beim Ansehen das selbe, beklemmende Gefühl ein, welches schon die Unwissenheit von Michael Douglas im Thriller THE GAME hervorrief.

SLEUTH ist eine Krimi-Komödie, die einlädt, mit den Duellierenden mitzufiebern. Michael Caine steht im feinen Anzug mit frischem Charme Laurence Olivier, einem exzentrischen Autor mit kabarettistischen Qualitäten, gegenüber. Olivier amüsantes, hochklassiges Spiel schürt sich nicht zuletzt aus seinen Selbstgesprächen, die wie Passagen aus einem neuen Krimiroman anmuten. Caine selbst erzählte über den Film, dass er das schwerste und beste war, was er bis dahin gemacht hätte und hebt Olivier auf das Podest des besten Schauspielers der Welt. Zwischen verspielter Leichtigkeit, wenigen Slapstick-Elementen und todernstem Zusammenbruch, finden sich anzügliche Gespräche über Frauen, Geld und olympischen Koitus, welche die spielerische Konversation auf Trab halten und beinahe den ganzen Film über trotz den immerselben Schauplätzen bestens unterhalten.

Ein kurzer Blick auf die Seite, leichtes Zögern und das Erheben der Stimme zeigt, dass sie sich Milo und Andrew in Anbetracht ihres Gegenübers eingeschüchtert fühlen. Doch nur für einen Moment, dann beginnt das Zwiespiel erneut auf Augenhöhe. Wie kleine Kinder durchwühlen sie Wykes Kostümkabinett. Der Übermut und die leichte Verrücktheit, welche das originelle Aufeinandertreffen ausstrahlt, wechselt mit gegenseitiger Demütigung bis aufs Äußerste. Doch der Gefallen daran ist beiden Figuren nicht abzustreiten und überträgt sich unweigerlich auf die Zuschauer. Langsam windet sich die Geschichte mit satten Drehungen bis zu einem unvohersehbaren Ende. In ihren verbalen Machtspielen prahlen die beiden Männer mit Einfallsreichtum und ringen um Glaubwürdigkeit. Daraus schöpft der Film seine 138-minütige Spannung, welche sich bloß nach zwei interessanten Brüchen in der Geschichte erneut aufbauen muss.

Fazit:
SLEUTH ist ein Tango auf höchstem Niveau – ein Paartanz von Michale Caine und Laurence Olivier in ihren vielleicht besten Rollen. Abwechselnd als Fädenzieher und als Spielball versuchen sie die Oberhand zu gewinnen und lassen über ihr Talent diese beiden Männer zu verkörpern, ihnen Seele und Boshaftigkeit zu verleihen, staunen. SLEUTH ist ein Klassiker des Krimikinos und jedem Freund der Theaterbühne, des raffinierten Films und spitzbübischen Charmes ans Herz zu legen.