Filmkritik: EN GANSKE SNILL MANN – Ein Mann von Welt (SWE 2010)

INHALT

Ulrik ist gerade eben nach 12-jähriger Haft aus dem Gefängnis entlassen worden. Jetzt stellt sich die Frage, ob er sein altes Leben als Handlanger und Vertrauter seines ebenso hinter der Zeit herhinkenden Gangsterbosses Jensen fortführen oder ob er sich eine neue Identität aufbauen soll. Er entscheidet sich dafür, die Vergangenheit so weit wie möglich hinter sich zu lassen. Ulrik bekommt einen Job in der Autowerkstatt, endeckt voller Freude, dass seinem erwachsenen Sohn eine hochschwangere Freundin zur Seite steht, seine Vermieterin kocht für ihn und obendrein will sie ihren erotischen Appetit gestillt wissen. Einem normalen Leben sollte nichts mehr im Wege stehen. Doch Ulriks Boss hat andere Pläne für ihn und will, dass er sich an jenem Verräter rächt, der Ulrik vor zwölf Jahren verpfiffen hat und ihn wegen Mordes hinter Gitter brachte.

REVIEW

Nur noch ein großes Eisentor mit einer schwedischen Aufschrift, die so viel bedeutet wie „Hier dürfen nur Insassen das Gefängnis verlassen“, trennt Ulrik zu Beginn des Films von der Außenwelt. Doch was erwartet ihn schon, außer das Bier und der Rat, welche ihm der Gefängniswärter noch mit auf den Weg gibt: „Wenn du da hinaus gehst, dann schau nach vorne, nicht zurück!“ Ulriks schütteres Haar scheint ungewollt zu einem Vokuhila verkommen zu sein. Seine letzten, langen Strähnen sind ergraut und zu einem mageren Zopf zusammengebunden. Immerhin freut sich sein alter Boss und Gangsterfreund Jensen auf den veralteten Schützling, da ihm die momentane Personalknappheit sehr zu schaffen macht. Stellan Skarsgård, der die Idealbesetzung für Ulrik darstellt, drückt mit einem Blick zur Begrüßung mehr aus als tausend Worte. Und sehr viel mehr als „Ja“, „Nein“, „Danke“ braucht er in der ersten Hälfte des Filmes auch nicht zu sagen. Jeder Blick, jede Bewegung und vor allem das, was Ulrik nicht macht, zeigen uns einen in die Jahre gekommenen Mann, der sich gerne aus dem kriminellen Geschäft zurückziehen möchte, um sein restliches Leben in friedlicher Bescheidenheit zu verbringen. Hat er früher ab und an Leute umgelegt, kauft er heute Babyspielzeug für sein zukünftiges Enkelkind. Skarsgård vermittelt uns glaubwürdig, dass Ulrik sowohl zum einen, als auch zum anderen fähig ist, nur an Vernunft hat er im Gefängnis dazugewonnen.

Wenn der norwegische Regisseur Hans Petter Moland dem schwedischen Schauspieler Stellan Skarsgård die Hauptrolle in seinem neuesten Werk überlässt, darf man sich auf eine großartige skandinavische Produktion freuen. Viele kennen Skarsgård noch als Bootstrap (Stiefelriemen) Bill aus PIRATES OF THE CARIBBEAN 2 & 3 wobei er hier aufgrund seines muschelbewachsenen Gesichtes keinen hohen Wiedererkennungswert liefert. Nach ein paar kleineren Projekten und seiner letzten großen Hollywood-Rolle in MAMMA MIA! kehrt der 59-Jährige auf ein Neues zu seinen skandinavischen Wurzeln zurück und dreht EIN MANN VON WELT. Dieser Film ist nun schon das dritte gemeinsame und gelungene Projekt der beiden Freunde Moland und Skarsgård, aber die erste Komödie. Und die ist tiefschwarz geraten.

Wenn auch das Drehbuch noch ein paar wenige Lücken aufgefüllt hätte, wäre die norwegische Produktion schon jetzt ein Klassiker des europäischen Films. Leider hat der Autor Kim Fupz Aakeson manch nennenswertes Storydetails ausgelassen und lässt die Geschichte an manchen Stellen den humoristischer Szenen zu Gute seicht dahinplätschern. Doch der Film versucht keineswegs die Handlung in den Vodergrund zu stellen. Die Kamera folgt scheinbar anweisungslos dem Geschehen rund um Skarsgård. EIN MANN VON WELT lebt von der großartigen Besetzung, die bekannte schwedische Film- und Theaterschauspieler umfasst. Allen voran brilliert Jorunn Kjellsby, die Ulriks krampfaderngeplagtes Betthupferl Karen Margrethe spielt. Es herrscht keine Scheu davor, die hässliche Seite zum Vorschein zu bringen. Gepaart mit Molands Talent, die schrägen Eigenheiten eines jeden Charakters einzufangen, ohne sie dabei lächerlich aussehen zu lassen, entsteht wunderbare Situationskomik. Jeder Beteiligte für sich ist gefangen in seiner kleinen und doch aufregenden Welt und steuert einen Teil davon Ulriks Alltag bei. Alle liefern tolle Performances. Der wertlos behandelte Ganove, der wohlerzogene Sohn, der eloquente Mechanikerchef und seine von Zurückweisung verbitterte Ex-Frau. Die Schauspieler können ihre Charaktere in vielen erinnerungswürdigen Szenen entfalten. Erinnerungen, die ab und wieder hochkommen, nicht zuletzt wegen des oftmals nicht jugendfreien Inhaltes. Ulriks ausführlich beobachtetes Sexleben und seine Art dem jungen Kristian beizubringen, dass man keine Frauen schlägt, können beiderlei als brutal bezeichnet werden.

Fazit:
Skurrile Charktere und subtiler Humor prägen diese Komödie mit Herz, Charme und schneebedeckter Einsamkeit. Trotz mancher rührender Szenen lässt der Film keine Traurigkeit aufkommen und treibt die Geschichte des in die Jahre gekommenen Ex-Knackis munter voran. EIN MANN VON WELT ist die (manchmal seicht geratene, aber grandios gespielte) Geschichte eines Menschen mit so vielen Fehlern wie Falten. Genau das macht ihn symphatisch und nicht nur für die Frauen im Film interessant. Auch allen Zusehern, die dem Teenageralter bereits entwachsen sind, ist der MANN VON WELT zu empfehlen.

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Filmkritik: BRIDESMAIDS – Brautalarm (USA 2011)

dreistern

INHALT

In Annies Leben läuft absolut nichts wie es sollte. Besonders in Sachen Liebe ist sie ein Pechvogel und lässt sich alle paar Tage wieder von ihrem unsympathischen Friend with Benefits vor die Tür setzen. Als sich dann ihre beste Freundin Lillian verlobt, will sich Annie dem Amt der Trauzeugin voll und ganz hingeben. Doch sie hatte nicht mit Lillians neuer Freundin Helen gerechnet, welche sich bei jedem Detail zur Brautparty und den Hochzeitsvorbereitung einmischt. Im Gegensatz zu Annie hat sie dafür auch die nötigen finanziellen Mittel. Helen bringt das Fass nicht nur einmal zum Überlaufen und Annie muss zusehen, dass sie sich nicht in all dem Chaos in ihrem Leben versinkt.

REVIEW

Allen Fans von amerikanischen Komödien mit Hang zu seichten Witzen und großem Unterhaltungswert, wird Judd Apatow ein Begriff sein. Der Produzent war in den letzten Jahren für die Kassenschlager THE 40-YEAR-OLD VIRGIN, SUPERBAD und PINEAPPLE EXPRESS verantwortlich. In seinem letzten Film KNOCKED UP war die Schauspielerin und Drehbuchschreiberin Kristen Wiig in einer Nebenrolle zu sehen. Sie überzeugte Apatow in dem Maße, dass er ihr sowohl die Chance, ein Drehbuch für ihn zu schreiben, als auch selbst die Hauptrolle in diesem Film zu spielen, gab. Kristen kontaktierte daraufhin ihre enge Freundin Annie Mumolo, selbst Autorin, und gemeinsam erarbeiteten sie das Skript für BRIDESMAIDS. All die grotesken Geschichten, von welchen die Zuseher in dieser abgedrehten Komödie Zeuge werden, basieren auf tatsächlichen Ereignissen, die Annie bei Hochzeiten und Junggesellinnenabschieden erlebt hatte. Als Regisseur durfte sich FREAKS AND GEEKS-Meister Paul Feig probieren. Offenbar hätte er schon immer eine Schwäche für Frauengeschichten gehabt, und das war der ideale Film, dies auszuleben. In den letzten Jahren drehte er zudem einige Folgen von dem zynischen US-Serien-Hit THE OFFICE, wo er einige Schauspieler für BRIDESMAIDS anwerben konnte.

Beim Cast wurde nicht gespart und jede Rolle ideal für ihren Part besetzt. Kristen Wiig, welche unlängst mit ihren Freunden Simon Pegg und Nick Frost in PAUL zu sehen war, mimt die ihr Leben nicht mehr im Griff habende Trauzeugin mit allen ihren authentischen Facetten und einem Kuchenkomplex. Neben dem von ihr und Annie Mumolo geschriebenen, mittelmäßigem Drehbuch, liefert sie eine äußerst sehenswerte Performance. Hollywood-Star Rose Byrne mimt die einsame Trophäen-Ehefrau Helen. Sie organsiert lieber die Hochzeiten anderer Leute, da sie in ihrer eigenen Ehe keine große Rolle mehr spielt. Obwohl Byrne sowohl Schönheit als auch Witz vereint, kann sie über eine Karrikatur ihrer selbst nicht hinauswachsen. GILMORE GIRLS-Köchin Melissa McCarthy spielt Megan, welche sich in köstlicher Bulldozermanier alle Hindernisse aus dem Weg schaufelt. Rülpsend und fluchend übernimmt sie den Part der Maskulinen. Als Braut ist Maya Rudolph im Einsatz. Ellie Kemper gibt eine bieder frustrierte Dauergrinserin und Wendy McLendon-Covey will ihrem sexsüchtigen Mann und den pubertierenden, dauermasturbierenden Söhnen entfliehen. Es werden ganz klar tolle Charaktere für die Brautjungfern skizziert, die in jenen Szenen, wo sie alle vereint als BRIDESMAIDS-Bande unterwegs sind, gut zur Geltung kommen. Jede bringt ihren Charme mit in die bunte Runde, doch leider sieht man davon viel zu wenig. Die meiste Zeit beobachten wir Kristen Wiig als „Maid of Dishonour“ in Selbstmitleid versinken, vor dem Glück davonlaufen, oder sich selbst demütigen. Dabei behilflich sind ihr der MAD MEN-Star Jon Hamm als rücksichtsloser Friend with Benefits, sowie Matt Lucas als Mitbewohner, bekannt aus der legendär witzigen Comedy-Serie LITTLE BRITAIN. Der herzige Chris O’Dowd, Star der ebenfalls grandiosen Brit-Serie IT-CROWD, kann mit seinem irischen Scharm und Hundeblick sicher nicht nur die Hauptdarstellerin im Film überzeugen, sondern auch einige weibliche Zuseherinnen. All diese Schauspieler verbrachten vor dem Dreh zwei Wochen miteinander, um die anderen kennzulernen und gemeinsam zu improvisieren. Einiges davon wurde auch in dem Film aufgenommen. Hier merkt der Zuseher den daraus resultierenden spontanen Witz und die Stegreif-Komik. Getragen wird der Film vielleicht gerade deshalb von der authentischen Performance einiger Mitstreiterinnen von Wiig. Das Sehenswerte sind auf jeden Fall die schauspielerischen Leistungen, welche manch mittelmäßigen Witze zu lauten Lachern machen. Alles können sie jedoch nicht retten.

Im Vorfeld wurde BRIDESMAIDS oft als weibliches Pendant zu den beiden HANGOVER-Teilen behandelt, doch dieser Vergleich ist ganz und gar unnötig. Während in HANGOVER I und II die gut durchdachte Story und grotesken Wendungen, sowie das Einhalten des Hochzeits-Termins im Vordergrund stehen, ist BRIDESMAIDS ein klassisches Buddy-Movie, dass sich (leider) nicht auf die Brautjungfern konzentriert. Die Komödie legt den Fokus viel eher auf eine Freundschaft, die zu zerbröseln droht, da die Trauzeugin ihr Leben nicht mehr unter Kontrolle hat. Es ist nicht die Hochzeit in Gefahr, sondern eben diese Freundschaft zur Braut. Produzent Apatow war auch darauf bedacht, nicht „another wedding-themed movie“ zu drehen. Das ist ihm und seinem Team in dieser Kreuzung aus vulgärer Komödie und Romanze durchaus gelungen. Dennoch wirkt das Endergebnis trotz toller Schauspieler nicht ganz rund. Zu viel selbstironische Improvisation und zu wenig charmante Comedy reizen manch witzig gemeinte Szenen so lange aus, dass sie lustig gewesen wären, wenn ihr Regisseur Paul Feig schon vor fünf Minuten ein Ende gemacht hätte.

Fazit:
Es ist selbstverständlich erfreulich, endlich eine weiblich dominierte Komödie mit derben Humor und bissigen Witzen zu sehen, vereint mit Themen, die für Frauen das höhere Identifikationspotenzial bieten. Mit einem besseren Drehbuch wäre bei diesem Cast jedoch viel mehr möglich gewesen. Treue Apatow-Fans werden dennoch auf ihre Kosten kommen, denn übrig geblieben sind BRIDESMAIDS, witzig, gut anzusehen, oftmals derb und über die Strenge schlagend, aber im Endeffekt ohne Nachdruck verbleibend. An den schwächeren Stellen des Filmes driftet diese Ode an die Freundschaft in eine Liebeskomödie ab, oder vergisst darauf den witzig gemeinten Szenen eine Pointe zu setzen. Man sollte lieber auf die DVD warten und diese an einem lustigen Abend mit Freunden und Freundinnen auspacken.

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