Filmkritik: THE TALL MAN (USA/KAN 2011)

vierstern

INHALT

Die Krankenschwester Julia (Jessica Biel) muss in große Fußstapfen treten und die Stelle ihres verstorbenen Mannes, Arztes und Herz der Bergbaugemeinde Cold Rock übernehmen. Noch dazu geht in dem abgeschiedenen Dorf, umgeben von Wald und Feldern das Märchen des großen Mannes, des Tall Man, um. Denn immer wieder verschwinden Kinder spurlos, die Leichen werden nie gefunden. Es muss der Tall Man sein. Als eines Nachts auch Julias Kind entführt wird, kann sie mit dem Einbrecher schritthalten und verfolgt ihn bis tief in die Wälder…

FILMKRITIK

Während MARTYRS, der letzte Film des französischen Regisseurs und Drehbuchschreibers Pascal Laugier eine brutale Rachetortour war, sinnt er sich in seinem neuesten Projekt THE TALL MAN mehr auf die stillen Abgründe der Menschen. Auch wenn er gleich zu Beginn in Großaufnahme der Entfernung von Glassplittern aus Jessica Biels Gesicht beiwohnt. Anfangs etwas matt wirkend und den Genrekonventionen entsprechend, ergibt sich THE TALL MAN letzten Endes als durchkomponierte Fahrt vom Gruselthriller zum Psychodrama. Viele starke Szenen bleiben im Gedächtnis, sei es der Wiederbelebungsversuch eines Neugeborenen hinter der Glastür oder vereinzelte Schreckmomente, die Laugier nur nebenbei im Trubel anderer Vorkommnisse aufblitzen lässt.

Biel bleibt den Film über ungeschminkt, ebenso wie die Geschichte, welche sich letzten Endes selbst entblößt. Biel, bekannt geworden mit der Tour de Drama EINE HIMMLISCHE FAMILIE, hat sich mit zahlreichen Blockbuster-Auftritten im Rampenlicht gehalten. Laugier überlässt ihr hier erstmals eine anspruchsvolle und an Komplexität stets zunehmende Hauptrolle, der sie durchaus gewachen ist. Protagonistin Julia bleibt sich treu. Sie ist eine liebende, fürsorgliche, aber geheimnisvolle Frau, die sich um das Wohl der Kinder sorgt, auch wenn sich das Publikum schon nach den ersten paar Szenen des Films nicht mehr sicher sein kann, welche Rolle sie in dem Geschehen rund um die Kindesentführungen spielt. Denn so oft die Handlung auch kippt, gibt es keine Aufdeckung ihres wahren Ichs, keine Enthüllung ihrer Maske oder einer eindimensionalen Intention. Mit jedem Twist wird auch die Protagonistin komplexer bis kurz vor Ende niemand mehr ihre Gedanken lesen kann und die Hoffnung wächst, nicht im Dunklen gelassen zu werden. Laugier führt so oft auf eine falsche Fährte, dass am Ende doch nur mehr eine Wahrheit übrig bleiben kann.

Lange Szenen bestimmen den Film. Zu Beginn, als Julias Junge entführt wird, hechtet sie dem Kidnapper hinterher, wobei sie einige Blessuren, den Angriff eines Hundes und das Schleifen hinter einem fahrenden Wagen riskiert. Sie kämpft sich durch Schlamm und Geäst, bevor sie sich ihrer vielen Verletzungen erst bewusst wird. THE TALL MAN ist kein Schocker und auch das Gruseln fällt oft schwer, doch Laugier scheint mit seinen langen Echtzeit-Einstellungen und Kamerafahrten viel lieber den emotionalen Horror und das innere Gefängnis der Charaktere einzufangen. Ohne über diese zu urteilen beschreibt er präzise ihre Ideen und Persönlichkeiten. So auch die alleinerziehende Mutter, fabelhaft gespielt von Samantha Ferris, welche eine Balance zwischen ihren attraktivenTöchtern und ihrem gewalttätigen Freund halten muss.

Fazit:
Pascal Laugiers THE TALL MAN ist mehr Psychothriller und Sozialstudie als ein Gruselfilm. Provokativ richtet er sich an das Publikum und will wissen, was wir über die Machenschaften der Charaktere auf der Leinwand denken. Mit ruhiger Hand beschreibt die Kamera die wenigen Charaktere des Films ausführlich und verfolgt mit Spannung und Unwissenheit des Publikums ihren nächsten Schritt. Laugiers bricht das Horrormärchen auf und wandelt es in ein abenteuerliches Drama, dass nach dem Wohl von Kindern und Egoismus elterlicher Liebe fragt.

Filmkritik: LIVIDE – Das Blut der Ballerinas (FRA 2011)

INHALT

Die junge Lucie hat ihren ersten Arbeitstag als mobile Altenpflegerin. Mit der rauen, älteren Kollegin Mrs. Wilson kommt sie gut zurecht. Als die beiden einige der bedürftigen Senioren ihre Medizin gegeben und sie verpflegt haben, kommen sie zu einem riesigen Anwesen. Lucie solle im Auto warten, meint Mrs. Wilson, doch neugierig wie sie ist, schleicht sie durch das verlassene Haus bis ins Zimmer der komatösen, alten Besitzerin. Dort wartet ihre Kollegin schon auf sie. Die alte Frau hat einen Schlüssel umgehängt, der zu einem weggesperrten Schatz führen soll. Lucie, ihr Freund und dessen Bruder entscheiden sich noch am selben Tag zu einem Spontan-Einbruch und träumen vom schnellen Reichtum. Dass sie jedoch in eine Falle gelockt werden, ahnen sie nicht…

REVIEW

Gruslig mysteriöser Fantasy-Gore

Ausgestopfte Tiere waren immer schon ein wichtiges Element im Horrorfilm, tot und regungslos, mit starren Knopfaugen. Und vor allem dann, wenn sie sich bewegen, wirds unheimlich. Davon macht auch der französische Grusler LIVIDE Gebrauch. Und nicht nur davon. Alle gängigen Subgenres werden ineinandergewürfelt. Als Ausgangspunkt dient ein altes, grusliges Haus mit zahlreichen Schlössern, für die es wohl nie Schlüssel gegeben hat und bis zur Erschöpfung knarrendes Holz. Was wie eine Geisterhaus-Geschichte beginnt, mischt sich schon bald mit Vampirelementen – Monster mit reißenden Zähnen und Appetit auf Menschenfleisch, mit Körperhorror – zugetackerte Augen und verfallene Gesichter, und Gore samt aufgeschlitzten Kehlen und abgerissenen Kiefern. Man könnte sagen, es ist für jeden was dabei.

Die Story vom Duo Alexandre Bustillo und Julien Maury ist so stimmig wie unvorhersehbar. Noch eben sagte ihre Chefin, sie solle im Auto warten und im nächsten Moment schleicht die junge Lucie (Chloé Coulloud) an ihrem ersten Tag als mobile Altenpflegerin in einem riesigen, dunklen Haus herum. Bis sie schließlich das Zimmer betritt in dem ihre raue Chefin (Cathrin Jacobs) schon auf sie wartet. Doch nicht nur sie – auch die komatöse, alte Besitzerin des unheimlichen Anwesens mit ihren langen weißen Haaren und dem gräulich eingefallenen Gesicht. Wegen ihrer Atemmaske könnte man sie rein akkustisch schon mal mit Darth Vader verwechseln. Um den Hals hat sie einen großen Schlüssel hängen, der Lucie, ihren Freund und dessen Bruder noch am selben Tag zu einem Spontan-Einbruch in das Gruselkabinett verleitet.

Die Geschichte ist sowohl eigenwillig, als auch poetisch. Das Regie-Duo bringt konsequent eigene Ästhetik in altbekannte Motive mit ein und erklärt bewusst nicht jeden Schnipsel der Story. Es wird keine Rücksicht genommen auf beinahe schon verpöhnte, weil gängige Horrorklischees und der Film bedient sich an sämlichen düsteren Stereotypen. Diese schon oft gesehenen Motive und Bilder schaffen es kurzzeitig immer wieder die Dynamik und einfallsreichen Kunstgriffe zum Stillstand zu bringen, während aber viele einzelne Impressionen wiederum zum Wundern, Staunen und Mitdenken anregen. Doch trotz aller schon gesehenen Elemente bleibt die Geschichte spannend, wobei am Ende einige Geheimnisse gelüftet werden und sich neue auftun. LIVIDE ist ein Film, der das Misteröse wahrt, so wie seine hervorragend gespielte Protagonistin Lucie mit den verschiedenfarbigen Augen. Dass dieses Detail noch eine wichtige Rolle spielen wird, weiß aber auch der Horror-Laie schon zu Beginn des Films. Neben stählernen Blicken der Ballerina-Ausbildnerin ist jedoch Cathrin Jacobs, welche Lucies Chefin spielt, das Charaker-Highlight des Films. Ihre raue und kalkulierende Art lässt als einsame Irre zurück.

Fazit:
LIVIDE, zu deutsch leichblass, ist alles andere als ein farbloser Horrorfilm. Die authentischen Schauspieler, ästhetisch eindrucksvollen Bilder und aufschlussreichen Rückblicke in die Vergangenheit der grausamen Monster, baut genügend Spannung auf, um über wenige, überholt wirkende Elemente hinwegzusehen.

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