Filmkritik: SLEUTH – Mord mit kleinen Fehlern (USA/GB 1972)

fünfstern

INHALT

Um nichts vorweg zu nehmen, sei hier nur so viel gesagt: Der Krimiautor Andrew Wyke (Sir Laurence Olivier) lädt den jüngeren Milo Tindle (Michael Caine) zu sich nach Hause auf sein riesiges Anwesen ein. Er will ihm seine mechanischen Spielereien, seinen Witz und seine intellektuelle Überlegenheit vorführen, da Milo seit längerem ein Verhältnis mit Andrews Frau Marguerite hat. Der Autor, welcher selbst eine Geliebte hat, befürchtet, dass ihn eine Scheidung ein Vermögen kosten würde, deshalb soll Milo seine Juwelen stehlen, welcher dieser dann weiterverkaufen könnte. Und Andrew selbst würde die Versicherungssumme kassieren. Doch beide ahnen sie nicht, auf was sie sich da einlassen…

FILMKRITIK

SLEUTH aus dem Jahr 1972 war die letzte Regiearbeit von Joseph L. Mankievicz, der 1949 für sein Romantik-Drama A LETTER TO THREE WIVES den Oscar für die Beste Regie bekam. Michael Caine und Laurence Olivier, beide mittlerweile von der Queen zum Sir ernannt, ergatterten die Hauptrollen in dem Zweikampf SLEUTH, einem freiwilligen Duell mit ungewissem Ausgang. Das wendungsreiche Drehbuch stammt von Anthony Shaffar, der hier sein eigenes Theaterstück adaptierte. Sogleich in der Eröffnungsszene mit pompös detektivischer Eingangsmusik von John Addison sind kleine Bühnen zu sehen, welche weiters auf die zweischneidigen Marionetten-Spielchen von Caine und Olivier verweisen. Zwischen all seinen spitzfindigen Dialogen erzeugt Shaffar nicht nur einen spannenden Kriminalfilm, sondern zugleich eine Parodie dieses Genres, dass mit SLEUTH aber auch eine Ehrung erfährt. Olivier und Caine wurden nicht umsonst beide für einen Oscar für ihre Darstellung in SLEUTH nominiert, mussten sich jedoch dem „Paten“ Marlon Brando geschlagen geben.

THOR-Regisseur Kenneth Branagh versuchte 2008 diesem Klassiker einen neuen Überzug anzunähen, doch selbst die Darstellung von Michael Caine, diesmal in der anderen Rolle als Andrew Wyke, konnte dem Krimi nicht die selbe Rafinesse verleihen, wie sein Original. Jude Law trat hier nach ALFIE zum zweiten Mal in Caines Remake-Fußstapfen.

Die dritte, wichtige Rolle des Films
übernimmt das unheimliche, verwinkelte und für einen Menschen viel zu große Anwesen von Oliviers Schriftsteller Andrew Wyke. Schon zu Beginn vermittelt der Labyrinthgarten eine verschleiernde Unantastbarkeit des Protagonisten. Seine unheimlichen Puppen, mechanischen Spielereien und Antiquitäten aller Art geben Vielfalt und Reichtum preis. Im Gegensatz zu einer Aufführung auf der Theaterbühne lässt sich hier weitere Spannung durch Großaufnahmen und einer Vermittlung der Imposanz des Gebäudes aufbauen. Wenn ab und an einer der beiden „Spieler“ das Gefühl der Verzweiflung und der Unterlegenheit bekommt, dann stellt sich auch beim Ansehen das selbe, beklemmende Gefühl ein, welches schon die Unwissenheit von Michael Douglas im Thriller THE GAME hervorrief.

SLEUTH ist eine Krimi-Komödie, die einlädt, mit den Duellierenden mitzufiebern. Michael Caine steht im feinen Anzug mit frischem Charme Laurence Olivier, einem exzentrischen Autor mit kabarettistischen Qualitäten, gegenüber. Olivier amüsantes, hochklassiges Spiel schürt sich nicht zuletzt aus seinen Selbstgesprächen, die wie Passagen aus einem neuen Krimiroman anmuten. Caine selbst erzählte über den Film, dass er das schwerste und beste war, was er bis dahin gemacht hätte und hebt Olivier auf das Podest des besten Schauspielers der Welt. Zwischen verspielter Leichtigkeit, wenigen Slapstick-Elementen und todernstem Zusammenbruch, finden sich anzügliche Gespräche über Frauen, Geld und olympischen Koitus, welche die spielerische Konversation auf Trab halten und beinahe den ganzen Film über trotz den immerselben Schauplätzen bestens unterhalten.

Ein kurzer Blick auf die Seite, leichtes Zögern und das Erheben der Stimme zeigt, dass sie sich Milo und Andrew in Anbetracht ihres Gegenübers eingeschüchtert fühlen. Doch nur für einen Moment, dann beginnt das Zwiespiel erneut auf Augenhöhe. Wie kleine Kinder durchwühlen sie Wykes Kostümkabinett. Der Übermut und die leichte Verrücktheit, welche das originelle Aufeinandertreffen ausstrahlt, wechselt mit gegenseitiger Demütigung bis aufs Äußerste. Doch der Gefallen daran ist beiden Figuren nicht abzustreiten und überträgt sich unweigerlich auf die Zuschauer. Langsam windet sich die Geschichte mit satten Drehungen bis zu einem unvohersehbaren Ende. In ihren verbalen Machtspielen prahlen die beiden Männer mit Einfallsreichtum und ringen um Glaubwürdigkeit. Daraus schöpft der Film seine 138-minütige Spannung, welche sich bloß nach zwei interessanten Brüchen in der Geschichte erneut aufbauen muss.

Fazit:
SLEUTH ist ein Tango auf höchstem Niveau – ein Paartanz von Michale Caine und Laurence Olivier in ihren vielleicht besten Rollen. Abwechselnd als Fädenzieher und als Spielball versuchen sie die Oberhand zu gewinnen und lassen über ihr Talent diese beiden Männer zu verkörpern, ihnen Seele und Boshaftigkeit zu verleihen, staunen. SLEUTH ist ein Klassiker des Krimikinos und jedem Freund der Theaterbühne, des raffinierten Films und spitzbübischen Charmes ans Herz zu legen.

Filmkritik: HARRY BROWN (GB 2009)

vierstern

INHALT

Der pensionierte Marine Harry Brown verbringt sein einsames Leben zwischen Krankenhausbesuchen seiner komatösen Frau und dem Schachspiel mit seinem einzigen Freund Len in einer immer zwielichtiger werdenden Kneipe. Nachdem seine Frau stirbt und Harry sie neben dem Grab seiner Tochter beerdigt, wird Len zum Opfer einer mörderischen Jugendbande. Da die Polizei im Dunklen tappt und die Täter nicht festnageln kann, begibt sich Harry selbst auf Rachefeldzug, um den Möder seines einzigen, verliebenen Vertrauten zu finden…

FILMKRITIK

Beginnend mit einer schockierenden Found-Footage-Szene, die hohe Gewaltbereitschaft und blinden Mord einer Jugendbande vermuten lässt, setzt der Londoner Regisseur Daniel Barber seinen ersten Langspielfilm HARRY BROWN düster in Szene mit einzelnen Neonlichtern am Horizont. Wohlkomponierte Bilder und beinahe verschwindend geringer Einsatz von musikalischer Dramatik geben dem harten Thriller einen kalten Überzug, der sich vom einsamen Drama zur Tour-de-force durchschlägt. Michael Caine, Herz des Films, besticht als Protagonist Harry Brown mit treffsicherer Schauspieleri. So verseht er seine Figur gewohnt souverän mit geballter Intensität und verkörpert glaubwürdig einen gealterten Marine, mit nichts zu verlieren außer seinem letzten Kampf. Die letzten Jahre für Christopher Nolan in fünf Filmen (PRESTIGE – DIE MEISTER DER MAGIE, INCEPTION, BATMAN-Trilogie) den alten Meister und Beschützer mimend, darf er in HARRY BROWN wieder zu seiner alten Hauptrollen-Form auflaufen, die eingängige Gewalttaten fordert.

Die verwelkten Blumen auf dem kalten
, stillen Friedhofsgrab gehören ausgetauscht. Michael Caine schreckt als Protagonist Harry Brown aus dem zermürbend kargen Alltag kommend nicht zurück, tränenreiche Trauer um Verstorbene mit kalkulierender, roher Gewalt zu verbinden. Schnaufend, mit der schweren Atmung eines gealterten Mannes, wandelt er sich vom wortkargen Wegseher zur zerbrechlichen Tötungsmaschine. Umso klarer jedoch Harrys Absichten werden, umso blasser werden all die anderen Charaktere in Barbers Film skizziert. Emily Mortimer, ansonsten als überzeugende Charakterschauspielerin aus MATCHPOINT oder HUGO CABRET bekannt, wirkt fehl am Platz und kann der ermittelnden Polizistin immer weniger Tiefe verleihen, woran jedoch auch das in diesem Punkt mangelnde Drehbuch Mitschuld trägt. Bleibenden Eindruck hinterlässt Sean Harris in einer Nebenrolle als narbenübersehter Junkie mit verkrampfter Körperhaltung und nervösen Augen. All die anderen Kriminellen, auf die Harry Brown Jagd macht, sind stereotype Gangster, mal Alphamännchen, mal Mitläufer.

Brown taucht ein ins Drogenmilieu, um die Schuldigen zu finden. Denn so wie die jüngste Vergangenheit ihm Schmerz und Leid zugefügt hat durch die Hände anderer, so will auch er den Verantwortlichen in naher Zukunft Schmerzen bereiten. HARRY BROWN behandelt das Thema Selbstjustiz als letzten Ausweg gerechter Vergeltung. Kaum wird reflektiert, ob es nun Eigensinn, Dienst an der Gesellschaft oder eine alternative Umsetzung der Todesstrafe ist. Ob die Verbrecher durch die Hand eines Rächers sterben sollten, steht nicht zur Debatte. Es wird getan, was getan werden muss. Die unfähige, beinahe ohnmächtige Polizei muss sich den Gesetzen beugen oder hat wichtigeres zu tun. Allgemein hat es den Anschein, dass die Parallelhandlung der Ermittelnden nur für das packende Finale geschrieben wurde. Bis dorthin wird sie vom brutal und blutig mordenden Harry getragen.

Neben Caine selbst hat der Film jedoch noch ein weiteres Highlight zu bieten – die Bildersprache. Beinahe schon wie in einem Computerspiel schimmern die Neonspots in jeder Nachtszene aus mehreren Ecken und füllen den restlichen Raum mit dunklem Unbehagen. Ob in einem kalten Verhörraum, einer Bar-Toilette oder der gefährlichen Unterführung, Barber schafft stilvolle und stimmungsvolle Bildkompositionen. Einzelne Quälereien von Harrys Seite bauen unerträgliche Spannung auf durch die verübte oder nicht verübte Gewalt. Den gesamten Film über kann das eindimensionale Drehbuch diese Spannung jedoch nicht aufrecht halten, braut sich aber am Ende nochmals zu einem gewaltigen Sturm zusammen.

Fazit:
HARRY BROWN ist ein kalter und harter Selbstjustiz-Thriller. Michael Caine verkörpert den gealterten Kämpfer mit Würde und packender Intensität. Neben starker Bildsprache und drastischen Gewaltszenen wird aber abseits von Caines fragwürdiger und eindringlicher Rachetour versäumt, eine spannende Nebenhandlung und interessante, unterstützende Charaktere zu etablieren.