Filmkritik: JOHN CARTER – Zwischen zwei Welten (USA 2012)

INHALT

John Carter glaubt, alles schon erlebt und alles schon gesehen zu haben. Doch dann gerät der ehemalige Offizier, der eigentlich nicht mehr kämpfen möchte, in einen Konflikt, der alle Vorstellungskraft sprengt. Auf unerklärliche Weise findet er sich auf einem geheimnisvollen Planeten wieder, den die Bewohner Barsoom nennen. Exotische Geschöpfe bevölkern diese Welt, aber auch fremdartige Stämme und Kulturen, die sich bekriegen und damit ihren eigenen Untergang heraufbeschwören. Auf seiner abenteuerlichen Odyssee durch eine fremde Welt, die am Abgrund steht, begegnet John Carter dem charismatischen Anführer Tars Tarkas und verliebt sich in die bezaubernde, selbstbewusste Prinzessin Dejah Thoris. Von unbekannten Gefahren bedroht und übewältigt von unglaublichen Eindrücken, entdeckt Carter wieder, was er verloren zu haben glaubt: seine Menschlichkeit. Schließlich erkennt er, dass die Zukunft des Planeten und das Überleben seiner Bewohner in seinen Händen liegt…

REVIEW

Andrew Stanton hat sich einen Kindheitstraum verwirklicht und Edgar Rice Burroughs‘ mittlerweile hundert Jahre alte Saga des einzigartigen Mannes am Mars in JOHN CARTER – ZWISCHEN DEN WELTEN verfilmt. Erfährt das Science-Fantasy-Spektakel gute Zuseherquoten, werden wir Carter und seine außerirdischen Freunde sicher noch mindestens ein weiteres Mal im IMAX erleben können. Denn JOHN CARTER war bloß die Verfilmung der ersten Geschichte „A Princess of Mars“ des umfassenden Barsoom-Zyklus mit ein paar wenigen Vorgriffen auf dessen weitere Geschichten. Regisseur Stanton, bekannt als Animations-Virtuose und Oscar-Preisträger für FINDET NEMO und WALL-E, dreht seinen ersten Live-Action-Film, für den er ein gigantisches Budget von geschätzten 250 Mio. Dollar zur Verfügung hatte. Diesen finanziellen Triumpf teilt er wohl wissend auf für spektakuläre Action-Szenen und Stunts, reizvolle Schauplätze und ein liebevolles Figurendesign, welches dem Film seine Stärke verleiht.

Als schwierigste Herausforderung Burroughs weltbekannte und faszinierende Geschichte rund um Carters Mars-Besuch ist, deren Originalität gerecht auf die Leinwand zu bringen. Denn nicht nur (jedoch vor allem) Weltraum-Größen wie STAR WARS und AVATAR haben sich reichlich an der üppigen Fantasy-Vorlage bedient. George Lucas hat nicht wenig seines KRIEG DER STERNE-Designs an Rice Burroughs Beschreibungen und Entwürfe angelehnt. Und als John Carter die tobende Arena betritt, rundherum die außerirdischen Einheimischen jubeln und der Bösewicht hoch oben auf seinem Thron das unfaire Schauspiel begutachtet, dann meint man, das schon irgendwo gesehen zu haben. Und schon wird die Vermutung durch eine schnelle YouTube-Suche von STAR WARS: EPISODE 2 bestätigt. Nicht umsonst wird John Carter von vielen als erster Weltraum-Held gehandelt, sowie die Barsoom-Bücher als Vorlage aller nachfolgenden Abenteuer im All. Dennoch bleibt die Frage, wer hier von wem abkupfert oder ob eine differenziertere Arena-Szene überhaupt Sinn der Sache sei, ist es doch eine Schlüsselszene in Carters Entwicklung und der gesamten Filmstory. Zudem können manche Ähnlichkeiten den eigenständigen Figuren nichts anhaben.

Die Geschichte überzeugt, abgesehen von diesen wenigen Eindrücken, die im schlimmsten Fall unoriginell anmuten, mit ihrer Einzigartigkeit und völlig anderen und durchdachten Lebenswelt. Spätestens wenn das Publikum Zeuge von Carters „ersten Gehversuchen“ auf dem roten Planeten wird, ist die Einzigartigkeit JOHN CARTERs schon bestätigt. Seine ersten Schritte verwandeln sich aufgrund seiner – für den Mars – immens geringen Knochendichte von einem hoffnungslosen Stolpern in gigantische Sprünge, von denen Hauptdarsteller Tylor Kitsch beinahe alle selber drehte. Auch die Drehorte beruhen auf Authentizität und so oft es ging, wurden Originalschauplätze verwendet. Diesen nicht animierbaren Charme nutzt Andrew Stanton, um trotz einiger, in Hollywood-Konventionen gerückter Storylines und gendergerechter(en) Figuren-Charakterisierungen, seinen ganz eigenen, hinreißenden Mars zu schaffen.

Hauptdarsteller Taylor Kitsch und Lynn Collins, „Princess of Mars“, kennen sich schon von ihrer gemeinsamen Arbeit als Nebendarsteller in X-MEN ORIGINS: WOLVERINE. Stanton hat klugerweise nicht nach Publikums-Lieblingen, sondern glaubwürdige und unverbrauchte Leute engagiert. Sie haben keine Möglichkeit, sich auf vorhergehende Rollen auszuruhen, sondern bringen eine ungewohnte Frische mit auf die Leinwand. Bezüglich der Charaktere wäre jedoch noch viel mehr möglich gewesen. So bleiben bis auf diese beiden Verliebten beinahe alle anderen Gestalten flach und Mittel zum Zweck. Trotz des sehenswerten Neben-Casts von Willem Dafoe, Marc Strong, Bryan Cranston, Dominic West und Thomas Haden Church bleiben die eingehenden Charakter-Darstellungen auf der Strecke. Eingebüßt wurden sie (immerhin) für eine faszinierend anmutende Welt, in der sich weit liebevoller inszenierte, effektuierte Figuren bewegen. Unter dieser animierten Maskerade des übergroßen, vierarmigen Therns geht der eigentliche Schauspieler Dafoe jedoch so gut wie verloren. Aber alleine die Vorstellung, dass er die gesamten Dreharbeiten mit 90 Centimeter hohen Stelzen herumlief, ist diese Rolle wert.

John Carter ist ein hin und hergerissener Mann
, der sich zwischen seinem eigenen inneren Konflikt auf der Erde und dem völkervernichtenden Krieg auf dem Mars entscheiden muss. Gegen seinen Willen wird ihm als außergewöhnlicher Fremder die Chance zur Rettung einer ihm unbekannten Welt gegeben. Seine Suche nach der richtigen Antwort und all die Figuren, die ihn dabei begleiten formen ein spannendes Universum mit eigener Dynamik, in das der Zusehende ebenso hineingeworfen wird wie Carter selbst. Stantons Plan, den Zuseher glauben zu lassen, diese Welt sei real und man sich fortan wie beim Lesen der Barsoom-Bücher die Frage stellt „Wie wäre es wohl dort zu leben?“, funktioniert. Und auch wenn der Film an der selben Krankheit des Literaturverfilmen leidet, bei der das Ergebnis auf der Leinwand trotz Einführung und präziser Erzählweise das Gefühl hinterlässt, nicht alles erzählt zu haben, bleibt der Film spannend. So ist das überhastete Ende der epischen Geschichte nicht würdig. Was sich nun aber wie eine ernste Story rund um den Mars-Krieg anhören mag, wird mit zahlreichen Witzen und dem fantastischen Humor Stantons noch viel unterhaltsamer. Nicht zuletzt wegen Carters „Schoßhund“ – dem unglaublich fetten und wahnsinnig schnellen Woola.

Fazit:
JOHN CARTER ist eine rasante und auch nachdenkliche Fahrt durch ein neues Land voller wundersamer Kreaturen und Zugangsweisen zum Leben. Imposante Kostüme, viel Action und eine umfangreich fantastische Welt erwarten das Publikum. Andrew Stanton schafft es zwar nicht an episch vergleichbare Größen wie DER HERR DER RINGE heranzukommen, jedoch wird der Film mit seinem bezaubernden Charme im Gedächtnis bleiben. Denn er beweist, dass alte Geschichte mit neuem technischen Überzug bestens funktionieren können, wenn man sich nur liebevoll den Details widmet.

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Filmkritik: MONEYBALL – Die Kunst zu gewinnen (USA 2012)

INHALT

Die wahre Geschichte der Oakland A’s handelt von Billy Beane, der einst als künftiger Baseball-Superstar gehandelt wurde, jedoch den hohen Erwartungen am Ende nicht gerecht werden konnte. Nachdem Billy auf dem Spielfeld versagt hat, wird er Manager einer Mannschaft und überträgt all seinen Ehrgeiz und Kampfgeist in diesen neuen Job. Zu Beginn der Spielsaison 2002 befindet sich Billy in einer schwierigen Situation: Sein Team, die Oakland A’s, kämpft mit finanziellen Schwierigkeiten und hat seine Star-Spieler (mal wieder) an reichere und bessere Clubs verloren. Fest entschlossen dennoch zu gewinnen, fängt Billy damit an das bisherige System des Spiels auf den Kopf zu stellen: Er sieht sich außerhalb des Baseball-Sports um, greift die Theorien von Bill James auf, die bisher keiner ernst genommen hat, und heuert den jungen Yale-Absolventen Peter Brand an – einen intelligenten, mit Zahlen jonglierenden Wirtschaftswissenschaftler. Scheinbar gegen jede Vernunft, kommen sie zu dem Schluss, dass sie sich Spieler holen müssen, die vom Rest der Liga entweder übersehen oder kalt gestellt worden sind, sich jedoch gemeinsam als starkes Team etablieren könnten…

REVIEW

2003 veröffentlichte der ehemalige Aktienhändler Michael Lewis ein Buch über Baseball, doch es ging nicht um die athletischen Züge des Sports, sondern um seine Zerlegung in Zahlen. Fakten, Prozentsätze, Strategien und Taktiken waren alles, was von diesem Lieblingssport der Amerikaner in dem umstrittenen Buch übrig blieb. Keine persönlichen Motivationen, charismatisches Auftreten, attraktives Aussehen und Weltruhm der Stars und Spieler zählten. Und genau das war Billy Beanes Ansatzpunkt, woraufhin er als Manager der finanziell benachteiligten Underdog-Mannschaft der Oakland A’s einen beispiellosen Siegeszug hinlegte. Es war ebenfalls der Ausgangspunkt vom Oscar-gewinnenden CAPOTE-Regisseur Bennett Miller und seiner Verfilmung MONEYBALL – DIE KUNST ZU GEWINNEN. Gemeinsam mit dem Kameramann Wally Pfister, welcher in allen von Christopher Nolans Filmen mitwirkte und zahlreich ausgezeichnet wurde, machte er sich auf, um Bilder des puren Realismus zu erschaffen. Denn Miller beherrscht Kunst des gelassen-souveränen Minimalismus, der ruhigen und beruhigenden Erzählweise, die nicht, wie bei den meisten Filmen, an unserer Oberfläche kratzt, sondern uns im Innersten berührt und den wahren Kern einer Sache oder Person erkennen lässt.

Billy Beane und Brad Pitt sind gar nicht so verschieden. Der Oakland A’s Manager Billy ist ein Mensch voller Selbstzweifel und verdrängtem Geltungsdrang, aber auch Mut und Innovation. Dies führt ihn zu immens beharrlicher Motivationen. Er scheut keine Risiken und darin steht ihm Brad Pitt nichts nach. Der Ausnahme-Schauspieler verbeißt sich nur zu gern in ehrgeizige Klasse-Projekte wie MONEYBALL. Er will es zielstrebig vorantreiben und alle, vor allem sich selbst, zu Höchstleistungen motivieren. Und das gelingt ihm ausnahmslos. Noch immer hat Brad Pitt die Erwartungen von seinen Rollen erfüllt (sei es INGLORIOUS BASTERDS, FIGHT CLUB oder RENDEZVOUS MIT JOE BLACK) und war (fast) immer Garant für hochqualitative Produktionen. Und dank Millers einfühlsamer Regiekunst gelingt es Pitt sich noch einmal selbst zu übertreffen und seine bisher beste Performance zu liefern. Gefühlsausbrüche, Gelassenheit und Undurchschaubarkeit prägen das komplexe Ego von Billy Beane, dessen Verkörperung Pitt wie auf den Leib gescheidert zu sein scheint. Fasziniert von Beanes persönlicher Regel, sich nie eines der Spiele seiner Mannschaft live anzusehen, weiß Pitt solche Eigenheiten in sich stimmig darzustellen – trotz inneren Konflikten bleibt er liebenswert und durchaus witzig.

Doch Pitt war nicht der einzige Volltreffer beim Casting. Der allein schon durch sein Aussehen für brachiale Komödien wie SUPERBAD oder MÄNNERTRIP geeignete Jonah Hill übt sich im Minimalismus und verleiht jeder einzigen Gesichts- und Körperregung so eine ganz besondere Wirkung. Billy und sein verkannter und schüchterner Berater Peter Brand, Pitt und Hill, gehen eine perfekte Symbiose ein, die ihnen Höchstleistungen ermöglicht. Beide zeigen sie ähnliche Charaktereigenschaften auf komplett andere Art und Weise. So wie Billy Peter braucht, weil er Köpfchen hat und Peter Billy braucht aufgrund dessen Möglichkeiten, so spielt es sich auch außerhalb der Filmgeschichte ab. Hill fungiert als smarter Side-Act, der sich neben Zugpferd Pitt nicht in die Ecke drängen lässt. Hier spielt niemand jemand anderen an die Wand, denn die beiden gehen eine perfekte Beziehung ein in Nachdenklichkeit, Selbstzweifel und Mutmachung. Und auch Philip Seymore Hoffman war für die kleinere Nebenrolle des Trainers ein sicherer Garant den beiden das Wasser reichen zu können.

Amerikaner verbinden Baseball oftmals mit ihrer Kultur und der eigenen Persönlichkeit. Doch als Nicht-US-Bürger kann es passieren, sich dem Sport so ganz und gar nicht verbunden zu fühlen. Man könnte meinen, das würde dem Film das gewisse Etwas rauben, doch dem ist nicht so. Regisseur Miller nimmt das Material, welches sich perfekt für ein romantisch-glorifizierendes Underdog-Sportdrama voller Tränen und Ehre eignen würde und sucht stattdessen nach den persönlichen Motivationen, Erwartungen und Enttäuschungen der Beteiligten zwischen den Zeilen der endlosen Statistiken. Die unkonventionelle Zugangsweise des Regisseurs zum Material verleitet aufgrund der Unterbrechungen durch Originalaufnahmen der Spiele und Spieler zu weniger Emotionen, und verleiht einen dokumentarischen Charakter. Und doch lässt es sich Miller nicht nehmen das Publikum zu fesseln und die einzelnen Schicksäler sowohl packend, als auch interessant darzustellen. Wer jedoch mit hohen Erwartungen ein mitreißendes Sport-Spektakel wie HELDEN AUS DER ZWEITEN REIHE erwartet, wird während der relativ langen Laufzeit von 133 Minuten vielleicht einschlafen oder zumindest zwischendurch hie und da gähnen, wenn er sich nicht darauf einstellt in diesem Drama auch zwischen und hinter die Bilder schauen zu müssen.

Fazit:
MONEYBALL – DIE KUNST ZU GEWINNEN führt uns vielerlei vor Augen. Zum einen, dass wir nie die fesselnde Kraft zweier harmonierender Schauspieler wie Brad Pitt und Jonah Hill unterschätzen darf. Zum anderen kann eine Underdog-Story, vermischt mit der Wissenschaft Sport auf Statistiken aufzubauen, naturalistisch und authentisch das Schicksal eines Vaters zeigen, der einfach nur sich und seiner Tochter beweisen wollte, dass er den Job wert ist. MONEYBALL lädt ein sich gemeinsam mit Billy Beane auf eine Reise ins Ich zu begeben. Und statt uns bloß ein paar Tränchen oder üppige Lacher zu entlocken, berührt der Film auf einer anderen Ebene. Diese fordert von seinen Zusehenden, viel von sich selbst in seine ruhigen Momente einzuschreiben. Und das alles, obwohl der Film auf dem Glauben an trockene Statistiken beruht.

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