Science Fiction boomt: Die Menschen wollen besser sein, als sie sind

… und wie uns Science Fiction dabei helfen kann.

Science Fiction im Kino, im Fernsehen, in Videospielen, in Büchern ist eine kollektive Orientierungshilfe, wie sich die Menschheit gerade selbst wahrnimmt. Was die meisten Leute anspricht, was zum Mainstream wird, ist dann ein klassisches Produkt seiner Zeit. Wie die Invasionsfilme in den 50ern, als die USA vor der Unterwanderung des Kommunismus zitterte, das Mad Max’sche Ödland der 70er und 80er Jahren, mitten im Kalten Krieg, als die Atombombe drohte, die Virtuellen Realitäten in eXistenZ, Matrix und vielen mehr kurz vor der Jahrtausendwende, als der Menschheit das Ausmaß des Internets und virtueller Räume bewusst wurde.

Und jetzt gerade in den 2010er Jahren? Mir scheint, als hätten wir gleich zwei Probleme an der Backe, die auf den ersten Blick zuwiderlaufen und sich in der aktuellen Science Fiction in Film, Fernsehen und Videospielen niederschlägt – wie saurer Regen, der einen neuen Meilenstein ins Genre ätzt.

Die Zukunft ist zu real geworden, um hineinzuträumen

Ich bekomme mehrmals die Woche eine E-Mail mit allen relevanten Artikeln von englischen und deutschen Seiten, die den Begriff „Science Fiction“ im Titel tragen. Viel mehr, als dass es in diesen Texten tatsächlich um das Genre der großen Zukunftsträumereien geht, handeln sie vorrangig von aktuellen technischen Neuheiten. Science Fiction wird immer mehr als Synonym für bereits errungene Hochtechnologie verwendet, die vor mehreren Jahrzehnten, als Science Fiction noch für ferne Zukunft stand, in ferner Zukunft lag. Doch die Zukunft von damals ist heute, oder gar gestern gewesen. Aber wenn unser einstiger Begriff für Zukunftsideen in der Gegenwart angekommen ist, was bleibt uns dann noch, um nach vorne zu schauen? 2018 wissen wir so viel, aber nichts zur Gänze. Wir bekommen so viel mit, aber verstehen so wenig davon. Im Glauben zu leben, viel zu wissen, lähmt. Auch die Kreativität.

blade runner 2049

Seit 150 Jahren hat das Hineinträumen in die Zukunft Hochkonjunktur, schreibt Tommy Laeng in Zukunftsträume von gestern, heute, übermorgen. Vor dem spürbaren technischen Fortschritt, vor der Globalisierung gab es kaum Science Fiction, weil sich die Welt langsamer zu drehen schien. Wie müssen sich die Leute vor 100 Jahren gefühlt haben, als sie in Jahrmarktkinos das erste Mal Filmmaterial von einem anderen Kontinent zu sehen bekamen? Heute interessiert es die breite Masse kaum, wenn die NASA aus irgendwelchen Winkeln unseres Sonnensystems erstmals Bildmaterial liefert. Denn es gibt reale Pläne für Weltraumtourismus. Es gibt reale Bestrebungen, den Mars zu kolonialisieren, und der Umfang und Aufwand einer solchen Unternehmung trübt die Euphorie dann doch ein bisschen. Auch wissen wir mittlerweile, dass das mit dem Warp-Antrieb aus Star Trek leider nicht so einfach ist wie gedacht. Die Zukunft ist zu real geworden, um ihr unsere Utopien anzuvertrauen.

Doch dann kam Donald Trump

Trotzdem ist Science Fiction seit Kurzem so präsent wie lang nicht mehr. Ein Science-Fiction-Boom schüttelt die Massenmedien seit zwei, drei Jahren und es ist kein Ende in Sicht. Sogar Netflix will sich verstärkt darauf konzentrieren, weil Sci-Fi- und Fantasy-Inhalte gerade am besten ankämen. Nach einer mehrjährigen Sci-Fi-Durststrecke im Kino und im Fernsehen, ist unsere Gesellschaft wieder auf den Geschmack gekommen. Wenn die Gegenwart am unsichersten ist, übt die Science Fiction auf die breite Masse den größten Reiz aus. In ihr manifestieren sich die großen Gesellschaftsängste. In der Science Fiction-Doku The Visit von 2015 geht Regisseur Michael Madsen der Frage nach, welche Protokolle inkraft treten würden, wenn Außerirdische auf der Erde landeten. Wer würde mit ihnen reden? Wen lässt die Menschheit stellvertretend Hallo sagen? Jetzt, im Jahr 2018, müssen wir uns fragen: Wenn Aliens auf der Erde landen, repräsentiert US-Präsident Donald Trump für sie die Menschheit?

arrival 1

In vielen Themen, die die Science Fiction in den 2010er Jahren bestimmt, ist ein Perspektivenwechsel bemerkbar. Mit Trump als vermeintlich mächtigster Mann der Welt, steht die Zukunft der Erde auf so wackeligen Beinen wie lang nicht mehr. Die Gesellschaft ist gespalten, die Fronten sind verhärtet, nicht nur in den USA. Nationalismus boomt. In Star Trek: Discovery zeigt uns das Spiegeluniversum, wie gespalten unsere Gesellschaft tatsächlich ist. Jeder nimmt vom anderen das denkbar Schlechteste an, dabei sind wir alle Menschen. Wie geht es einher, dass wir realistischerweise den Weltraum besiedeln wollen und die Hälfte Amerikas einen gefährlichen Irren zum Oberhaupt gewählt hat? Steht es der Menschheit angesichts dessen überhaupt zu, zu expandieren? Während wir Weltmeister darin sind, die Zukunft zu verdrängen, die von Ressourcenknappheit, Klimawandel und Überbevölkerung geprägt sein wird, können wir unsere Sorgen um die Gegenwart nicht verbergen.

Wenn die Gegenwart Probleme macht, steigen die Zukunftsängste. Wir schämen uns, Menschen zu sein. Wir schämen uns, andere zu unterdrücken, wir schämen uns, nicht schon früher sensibilisiert gewesen zu sein. Vor Black Lives Matter. Vor Mee Too und Time’s Up. Wir wollen nicht so verstaubt daherkriechen wie die, die uns repräsentieren sollen. Wir wollen uns weiterentwickeln und die Notwendigkeit eines gesellschaftlichen Wandels durchdringt die Science Fiction.

Die Menschen sind nicht länger die Guten

Einerseits sind wir davon gelähmt, zu viel zu wissen und zu wenig tun zu können, andererseits gestehen wir uns unsere Fehlbarkeit mehr und mehr ein. Das mündet in reflektierter, äußerst selbstkritischer, schon fast selbstzerstörerischer Science Fiction. Denn die Menschen sind nicht länger die Guten. Die Themen der Science Fiction in der zweiten Hälfte der 2010er Jahren sind nicht neu, aber sie haben einen anderen Blickwinkel auf die Dinge. Nicht die Aliens, nicht die Roboter sind „die anderen“, wir sind es. Nicht die Aliens wollen uns Böses, sie warnen uns, geben uns Technologien an die Hand. Nicht die Maschinen lehnen sich auf, wir misshandeln sie, wir geben ihnen ein Bewusstsein und behandeln sie trotzdem wie Objekte. Aktuelle Serien, Filme und Videospiele wie Westworld, Arrival, Automata, The Machine, Auslöschung, Ex Machina, Detroid: Become Human, The Expanse, Blade Runner 2049, The Walking Dead und mehr stecken den Finger in die Wunde, dass der Mensch das eigentliche Monster ist, korrumpiert von seiner Sterblichkeit. Der Mensch ist befremdet von seiner eigenen Spezies.

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Die Science Fiction sympathisiert daher gerade sehr stark mit dem Posthumanismus. Wir haben keine Lust mehr auf unsere eigenen Fehler, wir überlassen das Ruder lieber jemandem, der mehr Ahnung hat. Die nächste Generation. Früher stand Künstliche Intelligenz für etwas Bedrohliches, jetzt steht sie auch für unterdrückte Gesellschaftsschichten, die das Ruder übernehmen sollen. Natürlich gibt es genügend reaktionäre Science Fiction, die den Status quo verherrlicht und vor Fremden und Technik per se warnt. Dennoch ist die neue Stimme, die das Genre der Zukunftsideen gerade formt, nicht zu überhören und sie schreit nach einer Veränderung der Gegenwart. Denn die Menschen wollen besser sein, als sie sind, und wenn es genug wollen, werden wir es vielleicht sogar.

Filmkritik: TRANSFORMERS 4: ÄRA DES UNTERGANGS

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Transformers 4: Noch mehr ist noch weniger

 

 

Die Selbstsicherheit, mit der Michael Bay eine zweizeilige Storyline auf 165 Minuten mit seinen bekannten Stilmitteln wie Low Angle und komplexen Bewegungsabläufe vor und mit der Kamera aufbläst und jede einzelne Einstellung dynamisiert, entspricht einer Chipspackung, die zu 99 Prozent mit heißer Luft gefüllt ist. Ich hatte das Gefühl, würde ich mit einer Nadel ein winziges Loch in die Leinwand stechen, würde Optimus Prime sogleich in sich zusammensacken.

Und ganz ehrlich, ich habe den Film nicht verstanden. So routiniert und undifferenziert wie Michael Bay die Schauplätze wechselt und eine Metallorgie an die nächste reiht, ladet Transformers 4 oft ein in Gedanken abzuschweifen und im mentalen Notizblock diese Kritik zu verfassen. Die augenscheinlich zahlkräftige Zielgruppe sind 14-jährige Nachwuchs-Republikaner, die gerne ihre Flagge im Wind wehen sehen und für die der Film vielleicht sogar Sinn ergibt. Ein ähnliches Problem ergab sich vor vielen Jahren, als der Tonfilm in den Kinderschuhen steckte.

1930 beschrieb Béla Balázs über eine neue Sprache des Kinos: eine neue Ausdrucks- und Mitteilungstechnik, die sich in wenigen Jahren unheimlich verkompliziert hat. Kinogeher hätten das kinematografische Geschichtenerzählen über die Jahre hinweg erlernt, während viel Klügere die Filme plötzlich nicht mehr verstanden. Seitdem haben sich internationale Filmemacher auf gängige Erzählformen im Kino geeinigt und was macht Michael Bay mit seinem globalen Ungetüm? Er bedient sich einer monotonen wie sündhaften teuren Sprache, die sich wieder auf die Anfänge des Kinos besinnt, als Komplexität in filmische Geschichten erst Einzug erhalten musste und das Dargestellte viel wichtiger war, als das Erzählte oder gar dessen Zusammenhang. Bay unterscheidet nicht zwischen den wenigen relevanten und komplett nichtigen Szenen in seiner extrafein aufpolierten Zerschrottungssorgie, wie sie nicht mal der Man of Steel hinbekommen würde. Jedem noch so rückständigen Hotpants-Shot durch die nackten Beine der sexualisierten, minderjährigen Tochter hinweg (während ihre Beziehung mit einem 20-Jährigen zur Gänze entsexualisiert wird) wird die gleiche Liebe entgegengebracht wie jeder Transformierung, jeder unpassenden Slapstick-Einlage und jedem der verdammten, gefühlt tausenden Sonnenuntergänge.

Natürlich ist Bay nicht der einzige, der sich kostspieliger Inhaltsleere bedient, jedoch hebt er sie mit Transformers 4: Ära des Untergangs auf ein komplett neues Level. Ende der 1920er Jahre zog Béla Balazs Bilanz, was der Tonfilm Neues ermöglicht und dass es nicht auf die Werke, sondern auf den Menschen ankommt. Nicht alles – so auch der Stummfilm damals – müsse bis an die Endstation fahren. Wir alle wechseln den Zug. Bitte umsteigen! Im Angesicht des finanziellen Erfolgs des einmaligen Films Transformers 4 ist es wohl Zeit, in einen pompös ausgestatteten, neuen Zug zu steigen, der leider in die falsche Richtung fährt.