Filmkritik: THE AMAZING SPIDER-MAN (USA 2012)

vierstern

INHALT

THE AMAZING SPIDER-MAN erzählt die Geschichte von Peter Parker, einem High School Schüler, der als kleiner Junge von seinen Eltern verlassen worden ist und seitdem von seinem Onkel Ben und Tante May aufgezogen wird. Wie die meisten Teenager, versucht Peter herauszufinden, wer er ist und wie er zu der Person geworden ist, die er heute ist. Außerdem findet er seine erste High School Liebe, Gwen Stacy. Als Peter einen mysteriösen Aktenkoffer entdeckt, der einst seinem Vater gehört hat, fängt er damit an, Nachforschungen anzustellen, weil er verstehen will, warum seine Eltern damals so plötzlich verschwunden sind. Seine Recherchen führen ihn direkt zu Oscorp und dem Labor von Dr. Curt Connors, dem ehemaligen Partner seines Vaters…

REVIEW

Das ist so eine Sache mit den Reboots, Remakes, Sequels, Prequels und Crossovers in der Filmwelt. Von allen haben wir Dutzende in den Startlöchern. Beispielsweise Paul Verhoevens TOTAL RECALL und ROBOCOP werden gleich beide noch einmal gedreht und Martin Scorseses WIE EIN WILDER STIER bekommt ein Sequel und Prequel in einem. In den weiten Comicwelten überschneiden sich die Universen von Halbgöttern, Hulk und dem Stark-Imperium, und was die Fangemeinde davon hält, konnte man die letzten Wochen sehr gut daran erkennen, dass sich die AVENGERS auf Platz 3 in den All-Time-Charts der erfolgreichsten Filme einnisteten. Beinahe hätte auch das mächtige Oscorp-Gebäude aus THE AMAZING SPIDER-MAN seinen Platz in der Skyline des AVENGERS-Manhatten gefunden.

Als Stan Lee, gemeinsam mit Steve Ditko, 1962 Spider-Man zum ersten Auftritt in einem Comic-Heft verhalf, ahnte er wohl nicht, dass er zum 50.Geburtstag des Spinnenmanns einen grandiosen Kurzauftritt in THE AMAZING SPIDER-MAN absolvieren würde – so wie er in allen Filmen seiner Marvel-Figuren ein Cameo pflegt. Regisseur Marc Webb, dem wir wunderschön melancholische (500) DAYS OF SUMMER zu verdanken haben, komponiert einen herzergreifenden und spannenenden Film, der sich nicht nur Herzeigen, sondern auch Ansehen lässt.

Schon 2008 war Marvel so dreißt und ließ die Geschichte des Gamma-verstrahlten Dr. Bruce Banner alias THE INCREDIBLE HULK noch einmal auflegen, obwohl sie gerade fünf Jahre zuvor HULK in die Kinos brachten – bloß mit anderen Schauspielern. Dieses Beispiel zeigte jedoch, dass man enttäuschten Fans – denn der erste Hulk-Versuch 2003 war wirklich miserabel – mit einem Reboot eine Freude machen kann. Auch ist es erst zehn, acht und fünf Jahre her, dass wir Sam Raimis SPIDER-MAN-Trilogie mit Toby Maguire und Kirsten Dunst in den Kinos sehen konnten, und zumindest der erste und zweite Teil waren eine positive Überraschung für viele Kritiker auf der ganzen Welt. Und dennoch kommt nun das Reboot THE AMAZING SPIDER-MAN ins Kino und ist stimmungsvoll und gut gespielt, so wie auch Raimis SPIDER-MAN-Trilogie. Doch betrachten wir die Neuauflage einmal ohne die enggeschnürte, popkulturelle Comic-Rahmung.

Onkel Ben und Tante May

Schwungvoll wird gleich in der gruseligen Eingangssequenz angedeutet, welcher Konflikt den Film durchziehen wird (bis in den Abspann hinein, also nach dem Film sitzenbleiben!), nämlich das plötzliche Verschwinden von Peter Parkers Eltern aus seinem Leben, als er noch ein kleiner Junge war. Als er viele Jahre später im Keller von Onkel Ben und Tante May die alte Ledertasche seines Vaters findet, wird er neugierig und versucht mehr über die beruflichen Geheimnisse seines verstorbenen Vaters herauszufinden. Keine Zeit wird verschwendet um das harte Leben des mittlerweile fast erwachsenen Peters aufzuzeigen, viel eher konzentriert sich der Film auf seine charmanten Eigenheiten und seine Cleverness. Im Mittelpunkt steht stets Peter Parker. Sein Alter Ego, Spider-Man, ist Teil von ihm und nicht sein Gegenüber. Der Film versucht erst gar nicht die Spannung aus der ohnehin schon vielen bekannten Story zu holen, sondern dem Miteinander, Gegeneinander und Füreinander der Charaktere und reißerischen Action-Sequenzen.

Der bisher mäßig bekannte Andrew Garfield verzaubert von der ersten Minute an als Superheld. Ihm vergönnt man die Superkräfte, hat aber das Gefühl, dass so ein kluger Mensch wie er sie nicht nötig hätte, um ein außergewöhnliches Leben zu führen. Und so sehr man sich mit ihm freuen kann, laden die tragischen Einschnitte in seinem Leben zum Mitleiden ein. Marc Webb weiß die Neuauflage der bekannten Geschichte geschickt um den Hauptcharakter rotieren zu lassen, ohne dabei auch nur einen der Nebendarsteller blass aussehen zu lassen und alle sowohl humorvoll, als auch ernsthaft in Szenen zu setzen.


Peters große Liebe trägt den Namen Gwen Stacy, welche durch die sympathische und authentische Art von Schauspielerin Emma Stone Leben und Vitalität verliehen bekommt. Garfield und Stone harmonieren auf einer Ebene, die sich alle Romanzen für ihre Hauptdarsteller nur wünschen können. Und doch steht die Liebesgeschichte nicht im Vordergrund und dient auch nicht zur Selbstfindung Peter Parkers. Sie ist keine Schicksalsfügung. Es sind bloß zwei Teenager die einander süß finden und die eine Tochter des Polizeichefs ist und der andere ein gesuchter Maskierter. Stone weiß das blondierte Mäuschen als resolute, junge Frau stark wirken zu lassen.


Rhys Ifans, charmant verschmitzter Waliser, und so gar kein Bösewicht, nimmt dennoch die Rolle des tragischen Verlierers ein. Irgendwo im Hintergrund lauern zwar immer, so auch hier, skrupellose Geschäftsmänner, doch im Vordergrund stehen bei den Spider-Man-Geschichten zumeist bloß ehrgezige Männer, deren in die Tat umgesetzte Träume ganz ganz schlimm nach Hinten losgehen. So mutiert auch die Heilung von Dr. Curt Connors Armstumpf zur Verwandlung in den wuchtigen, animierten Lizard, dessen unoriginelles Design dann doch nicht so recht überzeugen kann. Sein Kieferbau erinnert unweigerlich an das aufgemalte Grinsen des Jokers. Zweifelsfrei ist es jedes Mal eine Freude, wenn sich das grüne Ungetüm wieder in seine Ursprungsform verwandelt und Ifans hinter den Schuppen hervorkommt.

Fazit:
THE AMAZING SPIDER-MAN überzeut in Punkto Humor, Darsteller, Action und Schnitt. Ein knapper Vergleich mit seinem Vorgänger SPIDER-MAN aus dem Jahr 2002 ist aber unumgänglich: Während Toby Maguire seiner Peter Parker-Figur stets durch Schüchternheit Tiefgang verliehen hat, verlässt sich Garfields Spider-Man ganz auf seinen jugendlichen Charme und gibt dem Film einen dynamischeren Grundton. Auch wenn die Darsteller in beiden Filmen hervorragend sind, wirken sie in THE AMAZING SPIDER-MAN wie für ihre Rollen geschaffen. Reboot hin oder her, THE AMAZING SPIDER-MAN ist einen IMAX-Besuch wert. Wer jedoch vor nicht allzu langer Zeit SPIDER-MAN gesehen hat, muss sich in den kurzweiligen 136 Minuten auf ein paar (verschmerzbare) Déjà Vus gefasst machen.

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Filmkritik: THE HELP (USA 2011)

INHALT

Jackson, Mississippi, Anfang der 60er Jahre. Als die junge Skeeter nach dem College in ihre Heimatstadt zurückkehrt, träumt sie davon, Schriftstellerin zu werden. So fasst sie – angetrieben von ihrem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und gegen alle Konventionen – den Entschluss, afroamerikanische Frauen zu interviewen, die ihr Leben damit verbracht haben, sich als Hausmädchen um die Kinder der weißen Oberschicht zu kümmern. Doch damit verstößt Skeeter nicht nur gegen den guten Ton, sondern auch gegen das Gesetz, wodurch sie sich und alle, die ihr geheimes Projekt unterstützen, in Gefahr bringt. Allen voran die gutherzige Aibileen, die Skeeter als Erste für ihr Projekt gewinnen kann, und die resolute Minny, die mit ihrem vorwitzigen Mundwerk und einem Schokoladenkuchen für Furore sorgt.

REVIEW

Ganze sechzig Mal wurde Kathryn Stocketts erster Roman “The Help“ von Verlagen abgelehnt, bevor die Pre-Production der Verfilmung startete und der Roman dann 2009 auch endlich von Pinguin Books publiziert wurde. Eine ganze Weile hielt er sich daraufhin auf der Nummer 1 der New-York-Times-Bestsellerliste. Doch noch bevor all die Leser das Buch über Provokation, Courage und Ausgrenzung in der Wertung nach oben trieben, war Stocketts guter Freund Tate Taylor davon begeistert. Naheliegend, dass der Drehbuchautor und Schauspieler aus dem Material einen Film drehen wollte. Denn so wie Stockett wurde auch Tate von einer schwarzen Haushälterin aufgezogen. Dieser Zugang zur Thematik der Tragikomödie verschafft dem schließlich auch von Taylor inszenierten THE HELP eine besondere Authentizität und der Beziehungen der porträtierten Haushälterinnen zu ihren unterschiedlichen Chefs. Stockett und Tate, Freunde aus Kindertagen, achteten darauf keine „Traumfabrik-Version des Südens“ zu erschaffen, sondern dieses besondere Gefühl, welches das Buch vermittelt auch dem Kinopublikum näher bringen zu können. Um die besagte Authentizität zu wahren wurde ein Sprachencoach engagiert, der den Schauspielern einen passenden Südstaatenakzent antrainiert.

Als Hauptrolle scheint EASY A – und ZOMBIELAND – Star Emma Stone die richtige Wahl zu sein. Um Sympathieträgerin und Pionierin Skeeter im Kampf gegen Rassismus zu ziehen, bringt sie die nötige Portion Frische und naiven Optimismus mit. An ihrer Seite steht Viola Davis als afroamerikanische Haushaltshilfe, die gegen das Gesetz Courage zeigt und sich von Skeeter interviewen lässt. Herzzerreißend leidend spielt sie eine Frau, die sich zwischen Selbstwertgefühl und sicherem Arbeitsplatz entscheiden muss. Jedes Wort nimmt man ihr ab und möchte sie am liebsten bei ihrem mutigen Vorhaben auszupacken, unterstützen. Dank der liebenswerten Charaktere wird THE HELP auch bei einer Länge von knapp Zweieinhalb Stunden nicht langweilig. Doch obwohl das Drama auch mit diesem ernsten Thema gut unterhält, hätte es dem Fluss der Geschichte gut getan, ihn noch etwas zu kürzen. Man bekommt die eigentliche Geschichte schnell aus den Augen und inmitten der ausgedehnten Nebenhandlungen ist nicht mehr vollends ersichtlich, was sich diese Geschichte nun zur Aufgabe gemacht hat.

Gegenüber jeder Liberalität gehört natürlich auch eine konservative Partei. Bryce Dallas Howard mimt den ultimativen Bösewicht. Eine Hausfrau namens Hilly, die nicht weiß, dass das was sie tut, moralisch verwerflich ist. Ihr scheint, es sei das beste für alle, getrennte Toiletten für die Hausbewohner und Haushaltshilfen zu haben. Das spitze Gesicht, der perfektionierte Akzent und eiskalte Blick lassen die THE VILLAGE – Hauptdarstellerin beweisen, dass sie einfach jede Rollenanforderung ausgezeichnet umzusetzen weiß. Beinahe schon wie ein Verkaufsschlager nach Rezept wirkend sind auch die komischen und witzigen Rollen perfekt besetzt. Die erfahrene Charakterdarstellerin Octavia Spencer, hier eine Haushaltshilfe mit Profil, steht der von der Gesellschaft ausgeschlossenen, aber liebenswerten Sexbombe Celia Foote, gespielt von Jessica Chastain, zur Seite. Chastain, die kürzlich mit THE TREE OF LIFE in den Kinos zu sehen war, hatte es als Veganerin nicht unbedingt leicht für die Kurven dieser Rolle etliche Kilos zulegen zu müssen. Auch Mississippi wurde von den Filmemachern als eigenständiger Charakter gewertet. Um den Geist der Vergangenheit spürbar zu machen, ließen sie die Bewohner des Drehorts Greenwood ihre Dachböden nach alten Möbeln und Requisiten durchforsten. Für die Authentizität der Speisen wurden örtliche Köche engagiert. Passend dazu treten sowohl die Mütter von Stockett und Taylor im Film auf, als auch jene des Produzenten Brsunson Green.

THE HELP ist außerhalb der eigentlichen Emanzipationsgeschichte der afroamerikanischen Haushälterinnen ein umfassendes Sittengemälde der USA der 1960er Jahre mit einwandfrei inszenierter Atmosphäre. Die Ausgrenzung machte nicht vor der Hautfarbe halt, sondern hat es auch auf Hausfrauen abgesehen, die sich nicht gebärfreudige Kochmaschinen wähnen konnten oder wollten. Doch wenn die gemobbte Cecilia Foote aufgrund ihrer Kochschwäche und Unfruchtbarkeit Nachhilfe im Hausfrauen-Dasein nimmt und am Ende dann die perfekte und unübertreffliche Speisezubereitung als ihren persönlichen Sieg ansieht, stellt sich heraus, dass es bei dem Film in erster Linie nicht um Rassismus oder gar Emanzipation geht, sondern bloß um das Erringen persönlicher Siege und das Springen über den eigenen Schatten.

Fazit:
THE HELP ist eine besondere und herzzerreißende Geschichte über Siege im Kleinen und nicht dem Drehen am großen Rad der Geschichte. Dieser Fokus auf die persönlichen Schicksäler geben der ergreifenden Tragikomödie Authentizität, die von großartigen und vielschichtigen weiblichen Performances unterstrichen wird. Nicht umsonst gab die Gemeinsame Filmbewertungskommission der Länder THE HELP das Prädikat „besonders wertvoll“. Denn das ist dieses Stück Filmgeschichte mit Sicherheit.

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