Filmkritik: 50/50 – Freunde fürs (Über)Leben (USA 2012)

vierstern

INHALT

Adam Lerner (Joseph Gordon-Levitt) ist noch keine 30, hat einen coolen Job, eine hübsche Freundin und alles geht seinen gewöhnlichen Lauf – bis er plötzlich diese brutalen Rückenschmerzen bekommt. Die schockierende Diagnose: An Adams Wirbelsäule wächst ein monströser Tumor. Er hat Krebs – noch dazu eine seltene Form, die mit hoher Wahrscheinlichkeit tödlich verläuft. Der Himmel stürzt ein, und schlagartig ist Adams Welt eine andere – die vor allem aus Wartezimmern besteht und seine glorreichen Zukunftspläne schrumpfen auf ein einziges Ziel: Überleben. Während sein bester Freund versucht ihn mit potentiellen Sex-Partnerinnen abzulenken, möchte seine Mutter am liebsten bei ihm Einziehen und für seine junge Therapeutin (in Ausbildung) ist er erst der dritte Fall überhaupt…

REVIEW

Krebs ist eine ernste Angelegenheit, doch hat man ihn selbst überlebt, kann daraus eine rührende Komödie entstehen!

Drehbuchschreiber und Produzent Will Reiserist ein neurotischer Zeitgenosse. Gerade noch beginnt er in Hollywood als blutjunger Produzent bei der legendären „ALI G. SHOW“ von Sacha Baron Cohen gemeinsam mit Seth Rogan als vielversprechender Autor seine Karriere. Und im nächsten Moment bekam er die Diagnose: Krebs! Er erlebte den riesigen Tumor als ein Alien, dass sich rund herum seine Wirbelsäule hinab in seinen Körper einnistet. Erst nach einiger Zeit des gemeinsamen Arbeitens teilte er sein Schicksal seinen Freunden und Kollegen Seth Rogan und Evan Goldberg mit. Nach einer komplizierten und langen Operation und der schlimmsten, schmerzintensivsten Woche seines ganzen Lebens, ging es langsam wieder bergauf und ganze zwei Jahre später erst schrieb er seine Geschichte auf – über Krebs, Freundschaft und Lachen als beste Medizin einer jeden Krankheit. Dies war die erste Version des Drehbuchs zu 50/50 – FREUNDE FÜRS (ÜBER)LEBEN. Regie übernimmt THE WACKNESS – Regisseur Jonathan Levine.

Nur ein Mensch, der diese intensive Erfahrung am eigenen verloren zu sein scheinenden Leib erfahren hat, kann basierend auf solch einer hoffnungszerschmetternden Diagnose wie Krebs einen Film schreiben, der sich nicht nur authentisch anfühlt, sondern gleichzeitig völlig unsentimental seine Charaktere ihren Weg gehen lässt. Ohne eine große Sache aus sich und seiner Angelegenheit zu machen, beschreitet 50/50 beinahe schon den Weg eines Feel-Good-Movies, ohne jegliche kitschige Zusammenschnitte schnell verfliegender Zeit. Denn „Humor ist, wenn man trotzdem lacht. Es gibt nichts Schlimmeres [als Krebs] – was also könnte lustiger sein?“ Mit diesem Motto von Goldberg beginnen die Dreharbeiten auf dem schmalen Grad zwischen Pathos und Humor mit zahlreichen kleinen und großen Witzen zwischendurch, wie sie tatsächlich nur das echte Leben schreiben kann.

„You’ll be fine!“, dröhnt es in allen Gesprächen, wie ein immerwährendes Echo in dien Ohren des Protagonisten. Sehr kurzfristig übernahm eines der größten (Hollywood-)Talente unserer Zeit diese Hauptrolle: Joseph Gordon-Levitt. Vielseitig darf er nach zahlreichen Haupt- und wichtigen Nebenrollen in Ausnahmefilmen wie BRICK, (500) DAYS OF SUMMER und INCEPTION als krebskranker Protagonist Adam auch in 50/50 wieder seine Qualitäten als Charakterdarsteller beweisen. Hin und hergerissen zwischen eigenen Empfindungen und vorgeschriebenem Genesungsverlauf verliert er sich in einer Gleichgültigkeit, aus die ihn nur sein bester Kumpel – Seth Rogan wie immer derb und herzhaft zugleich – und seine blutjunge Therapeutin in Ausbildung herausholen können. Anna Kendrick (UP IN THE AIR, TWILIGHT-Filme) mimt die hilflos und zugleich tapfer bemühte psychologische Betreuung, die in Adam mehr sieht als einen Patienten. Ganz im Gegensatz zu seinem betreuenden Arzt, der sich feige hinter seinem Fach-Chinesisch versteckt.


Gemeinsam mit Reisers Charakteren beginnt das Publikum die Reise eines hilflosen, absolut durchschnittlichen Menschen, der nicht weiß, ob er sich um seine trauernden Angehörigen kümmern sollte, oder ob doch er der Mittelpunkt dieser Tragödie sein darf. Die verschiedenen Personen sind echte Menschen, mitten aus dem Leben gegriffen. Die besorgte Mutter (großartige Angelica Huston), der immer grinsende Altzheimer-kranke Vater und die unausstehliche (Ex-)Freundin (Bryce Dallas Howard) sind alles Leute, die das echte Leben schreibt. Ohne jegliche Übertreibung werden alle in eine Situation zusammengeworfen, die sie zwischen Selbsüchigkeit, Mitleid, Sorge, Verlorenheit und Bemühungen hin und her hechten lässt. Und nebenbei ist für jeden genügend (medizinisches) Marihuana übrig, um für viele herzhafte Lacher zu sorgen.



Ohne eine konkrete Frage zu stellen
, sowie die Dramatik der tödlichen und bemfremdenen Zellenmutation im Körper zu überlassen, baut sich die Story rund um den einen Spannungsbogen auf, welcher die unweigerliche Frage stellt: auf welcher Seite der 50/50 Chance wird diese Geschichte enden? Mit keinerlei erzwungenem Nachdruck auf die Tränendrüse werden die rührenden Ereignisse geschildet. Doch letzten Endes bleibt auch 50/50 in all seiner Authentizität das Produkt einer gängigen Dramaturgie der Tragikomödie, die gleichsam zum Weinen, Lachen und manchmal auch zum Mitdenken anregt. Der autobiografische Ansatz traut sich nämlich weder in die Richtung einer Hollywood-Dramedy zu gehen, noch bleibt es einem schablonenhaften Schema fern.

Fazit:
50/50 – FREUNDE FÜRS (ÜBER)LEBEN ist gleichsam herzerwärmend, witzig und bewegend. Eine Tragikomödie, die sich voll und ganz auf seine Charaktere konzentriert und nur durch deren Empfindungen die Geschichte vorantreibt. Der Film bezieht seine Kraft aus der entscheidenen Ungewissenheit um Leben oder Tod. Gemeinsam mit dem ungekünstelten Protagonisten begeben sich die Zuseher auf eine Reise in die Welt eines Krebskranken, die sich nicht als Krankheitsbild, sondern ganz im Gegenteil, als Geschichte von Freundschaft, Familie, Bindung und Todesangst beweist. Mit all seinen aufheiternden Witzen und liebens- sowie lebenswertem Humor lässt 50/50 sich niemanden unberührt.

Filmkritik zu 50/50 auf DVD-Forum.at

50/50 auf IMDb.com

Filmkritik: THE HELP (USA 2011)

INHALT

Jackson, Mississippi, Anfang der 60er Jahre. Als die junge Skeeter nach dem College in ihre Heimatstadt zurückkehrt, träumt sie davon, Schriftstellerin zu werden. So fasst sie – angetrieben von ihrem ausgeprägten Gerechtigkeitssinn und gegen alle Konventionen – den Entschluss, afroamerikanische Frauen zu interviewen, die ihr Leben damit verbracht haben, sich als Hausmädchen um die Kinder der weißen Oberschicht zu kümmern. Doch damit verstößt Skeeter nicht nur gegen den guten Ton, sondern auch gegen das Gesetz, wodurch sie sich und alle, die ihr geheimes Projekt unterstützen, in Gefahr bringt. Allen voran die gutherzige Aibileen, die Skeeter als Erste für ihr Projekt gewinnen kann, und die resolute Minny, die mit ihrem vorwitzigen Mundwerk und einem Schokoladenkuchen für Furore sorgt.

REVIEW

Ganze sechzig Mal wurde Kathryn Stocketts erster Roman “The Help“ von Verlagen abgelehnt, bevor die Pre-Production der Verfilmung startete und der Roman dann 2009 auch endlich von Pinguin Books publiziert wurde. Eine ganze Weile hielt er sich daraufhin auf der Nummer 1 der New-York-Times-Bestsellerliste. Doch noch bevor all die Leser das Buch über Provokation, Courage und Ausgrenzung in der Wertung nach oben trieben, war Stocketts guter Freund Tate Taylor davon begeistert. Naheliegend, dass der Drehbuchautor und Schauspieler aus dem Material einen Film drehen wollte. Denn so wie Stockett wurde auch Tate von einer schwarzen Haushälterin aufgezogen. Dieser Zugang zur Thematik der Tragikomödie verschafft dem schließlich auch von Taylor inszenierten THE HELP eine besondere Authentizität und der Beziehungen der porträtierten Haushälterinnen zu ihren unterschiedlichen Chefs. Stockett und Tate, Freunde aus Kindertagen, achteten darauf keine „Traumfabrik-Version des Südens“ zu erschaffen, sondern dieses besondere Gefühl, welches das Buch vermittelt auch dem Kinopublikum näher bringen zu können. Um die besagte Authentizität zu wahren wurde ein Sprachencoach engagiert, der den Schauspielern einen passenden Südstaatenakzent antrainiert.

Als Hauptrolle scheint EASY A – und ZOMBIELAND – Star Emma Stone die richtige Wahl zu sein. Um Sympathieträgerin und Pionierin Skeeter im Kampf gegen Rassismus zu ziehen, bringt sie die nötige Portion Frische und naiven Optimismus mit. An ihrer Seite steht Viola Davis als afroamerikanische Haushaltshilfe, die gegen das Gesetz Courage zeigt und sich von Skeeter interviewen lässt. Herzzerreißend leidend spielt sie eine Frau, die sich zwischen Selbstwertgefühl und sicherem Arbeitsplatz entscheiden muss. Jedes Wort nimmt man ihr ab und möchte sie am liebsten bei ihrem mutigen Vorhaben auszupacken, unterstützen. Dank der liebenswerten Charaktere wird THE HELP auch bei einer Länge von knapp Zweieinhalb Stunden nicht langweilig. Doch obwohl das Drama auch mit diesem ernsten Thema gut unterhält, hätte es dem Fluss der Geschichte gut getan, ihn noch etwas zu kürzen. Man bekommt die eigentliche Geschichte schnell aus den Augen und inmitten der ausgedehnten Nebenhandlungen ist nicht mehr vollends ersichtlich, was sich diese Geschichte nun zur Aufgabe gemacht hat.

Gegenüber jeder Liberalität gehört natürlich auch eine konservative Partei. Bryce Dallas Howard mimt den ultimativen Bösewicht. Eine Hausfrau namens Hilly, die nicht weiß, dass das was sie tut, moralisch verwerflich ist. Ihr scheint, es sei das beste für alle, getrennte Toiletten für die Hausbewohner und Haushaltshilfen zu haben. Das spitze Gesicht, der perfektionierte Akzent und eiskalte Blick lassen die THE VILLAGE – Hauptdarstellerin beweisen, dass sie einfach jede Rollenanforderung ausgezeichnet umzusetzen weiß. Beinahe schon wie ein Verkaufsschlager nach Rezept wirkend sind auch die komischen und witzigen Rollen perfekt besetzt. Die erfahrene Charakterdarstellerin Octavia Spencer, hier eine Haushaltshilfe mit Profil, steht der von der Gesellschaft ausgeschlossenen, aber liebenswerten Sexbombe Celia Foote, gespielt von Jessica Chastain, zur Seite. Chastain, die kürzlich mit THE TREE OF LIFE in den Kinos zu sehen war, hatte es als Veganerin nicht unbedingt leicht für die Kurven dieser Rolle etliche Kilos zulegen zu müssen. Auch Mississippi wurde von den Filmemachern als eigenständiger Charakter gewertet. Um den Geist der Vergangenheit spürbar zu machen, ließen sie die Bewohner des Drehorts Greenwood ihre Dachböden nach alten Möbeln und Requisiten durchforsten. Für die Authentizität der Speisen wurden örtliche Köche engagiert. Passend dazu treten sowohl die Mütter von Stockett und Taylor im Film auf, als auch jene des Produzenten Brsunson Green.

THE HELP ist außerhalb der eigentlichen Emanzipationsgeschichte der afroamerikanischen Haushälterinnen ein umfassendes Sittengemälde der USA der 1960er Jahre mit einwandfrei inszenierter Atmosphäre. Die Ausgrenzung machte nicht vor der Hautfarbe halt, sondern hat es auch auf Hausfrauen abgesehen, die sich nicht gebärfreudige Kochmaschinen wähnen konnten oder wollten. Doch wenn die gemobbte Cecilia Foote aufgrund ihrer Kochschwäche und Unfruchtbarkeit Nachhilfe im Hausfrauen-Dasein nimmt und am Ende dann die perfekte und unübertreffliche Speisezubereitung als ihren persönlichen Sieg ansieht, stellt sich heraus, dass es bei dem Film in erster Linie nicht um Rassismus oder gar Emanzipation geht, sondern bloß um das Erringen persönlicher Siege und das Springen über den eigenen Schatten.

Fazit:
THE HELP ist eine besondere und herzzerreißende Geschichte über Siege im Kleinen und nicht dem Drehen am großen Rad der Geschichte. Dieser Fokus auf die persönlichen Schicksäler geben der ergreifenden Tragikomödie Authentizität, die von großartigen und vielschichtigen weiblichen Performances unterstrichen wird. Nicht umsonst gab die Gemeinsame Filmbewertungskommission der Länder THE HELP das Prädikat „besonders wertvoll“. Denn das ist dieses Stück Filmgeschichte mit Sicherheit.

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THE HELP auf IMDb.com