OSCARS 2013 – Filmkritik: ZERO DARK THIRTY (USA 2012)

vierstern

OSCAR-RENNEN:

5 x nominiert, 1 x gewonnen:

Bester Tonchnitt, Bester Film, Beste Hauptdarstellerin (Jessica Chastain), Bestes Originaldrehbuch, Bester Schnitt

INHALT

Die Jagd der CIA nach Osama Bin Laden wird in ZERO DARK THIRTY aus der Sicht der jungen CIA-Agentin Maya erzählt und führt sie in die Schaltzentralen der Macht und an die Frontlinie einer riskanten und umstrittenen Mission. Der Film beginnt am 11. September 2001 mit den Terroranschlägen auf das World Trade Center in New York und folgt von da an Maya bei ihrer nervenaufreibenden Arbeit – der Suche dem Anführer der al-Quaida. Nach zahlreichen Folter-Verhören, jahrelanger Büroarbeit und dem Verlust von Freunden und Kollegen, kann sie schließlich ein verdächtiges Haus ausfindig machen, doch nur sie allein ist vollkommen davon überzeugt, dass darin Osama Bin Laden wohnt. Ein Navy Seals Team wird losgeschickt, um den meistgesuchten Mann der Welt darin ausfindig zu machen…

FILMKRITIK

Osama Bin Laden ist tot. Erschossen von US-Spezialkräften. Diese Nachricht ging am 2. Mai 2011 so schnell um die Welt wie keine zweite vor ihr. Den Anschlag auf das World Trade Center und die Geschichte der jahrelangen Suche nach dem Anführer der Torror-Organisation al-Qaida hatte jeder zumindest am Rande mitbekommen. Zu Beginn war, wie sollte es anders sein, jeder Aspekt dieser Mission geheim, doch nach und nach wurden Details veröffentlicht und entscheidende Aspekte enthüllt. Nach eingehender Recherche mit Beteiligten der Operation sah sich der New Yorker Journalist und Autor Mark Boal im Stande dazu, das Skript für ZERO DARK THIRTY zu verfassen, in welchem er ausschließlich Informationen aus erster Hand verarbeitete.

ZERO DARK THIRTY stellt Mark Boals zweites Drehbuch für einen Kinofilm dar, wobei auch sein ersten Skript zu THE HURT LOCKER Regisseurin Kathryn Bigelow inszenierte. Oscars gabs schon damals sowohl für den Besten Film, als auch für die Beste Regie und das Beste Originaldrehbuch, worauf Bigelow und Boal diesmal ebenso die Chance haben. Dass ZERO DARK THIRTY für Boal eine besonders persönliche Geschichte ist und sein Interesse rein die Suche und Tötung des amerikanischen Feindbilds Nummer 1 darstellt, ist spätestens dann klar, als der Anschlag auf London im Juli 2005 als filmischer Schockeffekt inszeniert wird. Doch abgesehen von wenigen Dramatisierungen wie dieser, ist es Boal gelungen, eine informative und aufschlussreiche Geschichte rund um eine ambitionierte CIA-Agentin aufzubauen, welche unweigerlich und zielstrebig auf ein Ende zusteuert, dessen Ausgang bekannt ist.

Episodenartig nähert sich das 157-minütige Werk mit manch theoretischen Langatmigkeiten einem spannungsgeladenen Ende, welches realitätsnah, jedoch auch mit sehr viel Sympathie für die amerikanischen Streitkräfte, einen blutigen Einsatz mit legendärem Ausgang zeigt. Ohne Abzuschweifen, Moralpredigten zu halten oder Nervenzusammenbrüche zu porträtieren, steuert Bigelows Film auf die „Zero Dark Thirty“, die halbe Stunde nach Mitternacht, in welcher Bin Laden getötet wurde, zu. Das Publikum darf selbst entscheiden, ob die Folter und das Blutvergießen bei dieser Mission gerechtfertigt waren, doch viel Wahl lassen der patriotische Unterton und die sympathischen Nebenrollen dann auch wieder nicht. ZERO DARK THIRTY scheint zu schwer, zu theoretisch und zu unkonventionell zu sein für einen packenden Thriller, aber auch zu amerikanisch und eindimensional in seiner Charakterbeleuchtung, um als objektive Erzählung geschichtlicher Ereignisse gelten zu können. Bigelow schafft es aber abseits des Mainstreams und der gängigen Thriller- und Heldenmuster einen innovativen Film zu inszenieren, der schwer im Magen liegt, aber heikle Themen nicht mit Samthandschuhen anfasst, sondern mit griffigen Arbeitshandschuhen aufrollt.

Maya, eigentlicher Mittelpunkt der filmischen Geschichte, wird als starke, unabhängige Frau, beinahe schon Heldin charakterisiert, welche voller Überzeugung für ihre Sache kämpft, Recht behält und keine Scheu zeigt, anderen dabei auf die Füße zu treten. Alles andere als liebenswert und simpel, fühlt sich Schauspielerin Jessica Chastain in die Rolle der komplexen Heroin. Chastain, eine der (wandlungs)fähigsten Talente ihrer Generation – sei es als pralle Blondine in THE HELP oder verzweifelte Ersatzmutter in MAMA – hält mit ihrem starren Blick und unangepassten Meldungen ihre Mitstreiter und den Film auf Trab.

Fazit:
ZERO DARK THIRTY ist ein schwieriges Stück Filmgeschichte über heikle Tatsachen. Kathryn Bigelow schafft es jedoch erneut, ihre Meinung meist für sich zu behalten, während auf der Leinwand Folter und Mord im Namen des Vaterlands geschehen. Mit der Hilfe einer hervorragenden Darstellerin wie Jessica Chastain gelingt es ihr, ein episodenhaftes Drehbuch zu inszenieren, das mal langwierig und theoretisch, mal unnötig brutal, letzten Endes mit astreinem Spannungsaufbau glänzt, sowie viel Stoff und Anregungen zum Überlegen bietet.

OSCARS 2013 – Filmkritik: LES MISERABLES (USA 2012)

fünfstern

OSCAR-RENNEN:

7 x nominiert, 3 x gewonnen:

Bestes Make-Up und Frisuren, Bester Tonschnitt, Beste Nebenrolle (Anne Hathaway), Bestes Kostüm, Bester Filmsong, Bestes Szenenbild, Bester Film, Bester Hauptdarsteller (Hugh Jackman)

INHALT

1815, Frankreich: Nach 19 Jahren als Kettensträfling wird Jean Valjean (Hugh Jackman) – Gefangener 24601 – vom Gefangenenaufseher Javert (Russell Crowe) auf freien Fuß gesetzt. Auf dem Weg von Toulon nach Digne bemüht sich Valjean um Nahrung, Unterkunft und Arbeit, merkt aber, dass er als Vorbestrafter von allen gemieden wird. Nur Bischof Myriel in Digne nimmt ihn freundlich auf. Doch Valjean ist durch die harten Jahre seiner Haft verbittert und revanchiert sich, indem er die silbernen Kerzenleuchter aus der Kirche stiehlt. Schon bald wird Valjean gefasst und vorgeführt – er staunt ungläubig, als der Bischof der Polizei gegenüber behauptet, es sei nichts gestohlen worden, um Valjean vor lebenslangem Straflager zu retten. Darauf beschließt Valjean ein neues Leben zu beginnen und acht Jahre später ist er unter Monsieur Madeleine bekannt als angesehener Fabrikbesitzer und sogar Bürgermeister. Als Fantine (Anne Hathaway), eine seiner Arbeiterinnen, wegen eines heimlichen Kindes aus der Fabrik geworfen wird und daraufhin nicht nur ihr Haar, sondern auch ihren Körper verkauft, wird sie vom Bürgermeister persönlich ins Krankenhaus gebracht. Er verspricht ihr, sich um ihr Kind Corsette zu kümmern. Doch Javert hat inzwischen Monsieur Madeleines wahre Identität herausgefunden und ist ihm fortan dicht auf den Fersen…

REVIEW

Kampf. Traum. Hoffnung. Liebe. Und jede Menge tränenreicher Gesang. Mitreißend holpriges Musical-Drama mit Gänsehaut-Effekt.

Als der Franzose Victor Hugo vor 150 Jahren seine politische, republikanisch-aufständisch gefärbte Ethik-Lektion Les Misérables – Die Elenden schrieb und als dramatischen Liebesabenteuer-Roman zu verkaufen wusste, schuf er die Vorlage für eines der beliebtesten Musicals unserer Zeit. In über 42 Ländern und 21 Sprachen übersetzt, wurde das längstgespielte Musik-Drama dieser Welt 1985 uraufgeführt mit emotionaler Musik und Text von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg.

Tom Hooper, bereits mit dem Oscar für Beste Regie für seine historische Tragikomödie THE KING’S SPEECH ausgezeichnet, erfrischt bei seinem neuen Großprojekt LES MISERABLES mit eigenwilliger Kameraführung und tränenreichem Gesang in Großaufnahme. Klarerweise wird das Spektakel von Les Misérables-Liebhabern und Kennern mit umfangreichem Vorwissen gänzlich anders rezipiert, als von Musical-Neulingen, welche von den imposanten Klängen und der Magie dieser musischen Darstellungen verzaubert sein werden.

Weniger die episodenhafte Erzählung, welche sich über zweieinhalb Stunden von Kernstück zu Kernstück entlangzuhangeln scheint, viel mehr die Abwechslung von Theatralität, grausamem Realismus und ungeschminktem Schmalz verhelfen dem Film neben abwechslungsreich dünn und dick aufgetragenen Gesangskünsten zu unvergleichlicher Dynamik und Unterhaltung. Atmosphärisch dicht, aber meist ohne Grazie, springen innovative Ambitionen, manchmal viel zu schnell, in pompösen Kitsch um. Dieses fragmentarisch anmutende Drehbuch wird von Gänsehaut-Highlights jedoch mühelos zusammengeklebt. Anne Hathaway und ihre Darstellung als kahl geschorene, abgemagerte Hure mit tränenerweichter Solonummer „I Dreamed a Dream“ bezeichnet schon in der ersten Hälfte des Films den absoluten Höhepunkt. Während die Kamera nicht nur bei dieser ergreifenden Tour de Force durchgehend auf das verzweifelte, jugendliche Gesicht hält und jede einzelne Regung des verzerrten Gesichts einfängt, erklingt die volle Stimme einer erwachsenen Frau.



Kaum ein gesprochener Satz unterbricht
die Musical-Nummern. Überspitzt komödiantische Slapstick-Qualität mit Sasha Baron Cohen und Helena Bonham Carter als gierige Wirtsleute; schnell vergessene bis starke Gesangseinlagen Hugh Jackmans als Protagonist Jean Valjean – der ebenso wie Hathaway als Fontaine Mut zur Hässlichkeit beweist; angenehm ungeschönter Gesang und das leider missglückte, steife Schauspiel von Russell Crowe als tragischer Bösewicht Javert; die lieblich zurückhaltende Meldodie der MAMMA MIA!-Musical-erprobten Amanda Seyfried als Cosette; die etwas kräftigere Solo-Nummer „On My Own“ von Samantha Barks‘ Sympathie-Figur Epinone im strömenden Regen. Alle diese Singstimmen müssen dem eigentlichen Hauptcharakter und zweifellos besten Sänger der zweiten Filmhälfte rund um den Juniaufstand 1832 in Paris – dem vorerst unscheinbaren Eddie Redmayne als verliebte Kämpfernatur Marius. Abwechslungsreich gestalten sich seine traurigen und lieblichen Momente und seine geschlagene Schlussnummer „Empty Chairs and Empty Tables“ bleibt ebenso im Gedächtnis wie Hathaways Glanzminute.

Fazit:
LES MISERABLES ist keineswegs eine leicht romantische oder innovativ revolutionäre Musical-Verfilmung, viel mehr bezieht sie ihre Stärke aus ihrer artistischen – mal brachialen, mal schmalzigen – Diversität und lässt sich sowohl künstlerisch als auch qualitativ auf hoher Ebene ansiedeln. Gesangs- und Schauspiel-Highlights, allen voran jene von einer atemberaubenden Anne Hathaway, bleiben eindrücklich im Gedächtnis und legen sich über sämtliche erzählerischen Holprigkeiten. Tom Hooper schafft mit LES MISERABLES ein weiteres, sehenswertes Ausnahmewerk mit allzu menschlichen Fehlern und Hang zum Hollywood-Ende.