OSCARS 2013 – Filmkritik: LES MISERABLES (USA 2012)

fünfstern

OSCAR-RENNEN:

7 x nominiert, 3 x gewonnen:

Bestes Make-Up und Frisuren, Bester Tonschnitt, Beste Nebenrolle (Anne Hathaway), Bestes Kostüm, Bester Filmsong, Bestes Szenenbild, Bester Film, Bester Hauptdarsteller (Hugh Jackman)

INHALT

1815, Frankreich: Nach 19 Jahren als Kettensträfling wird Jean Valjean (Hugh Jackman) – Gefangener 24601 – vom Gefangenenaufseher Javert (Russell Crowe) auf freien Fuß gesetzt. Auf dem Weg von Toulon nach Digne bemüht sich Valjean um Nahrung, Unterkunft und Arbeit, merkt aber, dass er als Vorbestrafter von allen gemieden wird. Nur Bischof Myriel in Digne nimmt ihn freundlich auf. Doch Valjean ist durch die harten Jahre seiner Haft verbittert und revanchiert sich, indem er die silbernen Kerzenleuchter aus der Kirche stiehlt. Schon bald wird Valjean gefasst und vorgeführt – er staunt ungläubig, als der Bischof der Polizei gegenüber behauptet, es sei nichts gestohlen worden, um Valjean vor lebenslangem Straflager zu retten. Darauf beschließt Valjean ein neues Leben zu beginnen und acht Jahre später ist er unter Monsieur Madeleine bekannt als angesehener Fabrikbesitzer und sogar Bürgermeister. Als Fantine (Anne Hathaway), eine seiner Arbeiterinnen, wegen eines heimlichen Kindes aus der Fabrik geworfen wird und daraufhin nicht nur ihr Haar, sondern auch ihren Körper verkauft, wird sie vom Bürgermeister persönlich ins Krankenhaus gebracht. Er verspricht ihr, sich um ihr Kind Corsette zu kümmern. Doch Javert hat inzwischen Monsieur Madeleines wahre Identität herausgefunden und ist ihm fortan dicht auf den Fersen…

REVIEW

Kampf. Traum. Hoffnung. Liebe. Und jede Menge tränenreicher Gesang. Mitreißend holpriges Musical-Drama mit Gänsehaut-Effekt.

Als der Franzose Victor Hugo vor 150 Jahren seine politische, republikanisch-aufständisch gefärbte Ethik-Lektion Les Misérables – Die Elenden schrieb und als dramatischen Liebesabenteuer-Roman zu verkaufen wusste, schuf er die Vorlage für eines der beliebtesten Musicals unserer Zeit. In über 42 Ländern und 21 Sprachen übersetzt, wurde das längstgespielte Musik-Drama dieser Welt 1985 uraufgeführt mit emotionaler Musik und Text von Alain Boublil und Claude-Michel Schönberg.

Tom Hooper, bereits mit dem Oscar für Beste Regie für seine historische Tragikomödie THE KING’S SPEECH ausgezeichnet, erfrischt bei seinem neuen Großprojekt LES MISERABLES mit eigenwilliger Kameraführung und tränenreichem Gesang in Großaufnahme. Klarerweise wird das Spektakel von Les Misérables-Liebhabern und Kennern mit umfangreichem Vorwissen gänzlich anders rezipiert, als von Musical-Neulingen, welche von den imposanten Klängen und der Magie dieser musischen Darstellungen verzaubert sein werden.

Weniger die episodenhafte Erzählung, welche sich über zweieinhalb Stunden von Kernstück zu Kernstück entlangzuhangeln scheint, viel mehr die Abwechslung von Theatralität, grausamem Realismus und ungeschminktem Schmalz verhelfen dem Film neben abwechslungsreich dünn und dick aufgetragenen Gesangskünsten zu unvergleichlicher Dynamik und Unterhaltung. Atmosphärisch dicht, aber meist ohne Grazie, springen innovative Ambitionen, manchmal viel zu schnell, in pompösen Kitsch um. Dieses fragmentarisch anmutende Drehbuch wird von Gänsehaut-Highlights jedoch mühelos zusammengeklebt. Anne Hathaway und ihre Darstellung als kahl geschorene, abgemagerte Hure mit tränenerweichter Solonummer „I Dreamed a Dream“ bezeichnet schon in der ersten Hälfte des Films den absoluten Höhepunkt. Während die Kamera nicht nur bei dieser ergreifenden Tour de Force durchgehend auf das verzweifelte, jugendliche Gesicht hält und jede einzelne Regung des verzerrten Gesichts einfängt, erklingt die volle Stimme einer erwachsenen Frau.



Kaum ein gesprochener Satz unterbricht
die Musical-Nummern. Überspitzt komödiantische Slapstick-Qualität mit Sasha Baron Cohen und Helena Bonham Carter als gierige Wirtsleute; schnell vergessene bis starke Gesangseinlagen Hugh Jackmans als Protagonist Jean Valjean – der ebenso wie Hathaway als Fontaine Mut zur Hässlichkeit beweist; angenehm ungeschönter Gesang und das leider missglückte, steife Schauspiel von Russell Crowe als tragischer Bösewicht Javert; die lieblich zurückhaltende Meldodie der MAMMA MIA!-Musical-erprobten Amanda Seyfried als Cosette; die etwas kräftigere Solo-Nummer „On My Own“ von Samantha Barks‘ Sympathie-Figur Epinone im strömenden Regen. Alle diese Singstimmen müssen dem eigentlichen Hauptcharakter und zweifellos besten Sänger der zweiten Filmhälfte rund um den Juniaufstand 1832 in Paris – dem vorerst unscheinbaren Eddie Redmayne als verliebte Kämpfernatur Marius. Abwechslungsreich gestalten sich seine traurigen und lieblichen Momente und seine geschlagene Schlussnummer „Empty Chairs and Empty Tables“ bleibt ebenso im Gedächtnis wie Hathaways Glanzminute.

Fazit:
LES MISERABLES ist keineswegs eine leicht romantische oder innovativ revolutionäre Musical-Verfilmung, viel mehr bezieht sie ihre Stärke aus ihrer artistischen – mal brachialen, mal schmalzigen – Diversität und lässt sich sowohl künstlerisch als auch qualitativ auf hoher Ebene ansiedeln. Gesangs- und Schauspiel-Highlights, allen voran jene von einer atemberaubenden Anne Hathaway, bleiben eindrücklich im Gedächtnis und legen sich über sämtliche erzählerischen Holprigkeiten. Tom Hooper schafft mit LES MISERABLES ein weiteres, sehenswertes Ausnahmewerk mit allzu menschlichen Fehlern und Hang zum Hollywood-Ende.

Filmkritik: IN TIME – Deine Zeit läuft ab (USA, 2011)

INHALT

In nicht allzu ferner Zukunft wird die offizielle Währung durch Zeit ersetzt. Mit 25 Jahren hören die Menschen auf zu altern. Sie sind genetisch so ausgestattet, dass sie nur noch ein Jahr lang überleben können, es sei denn sie schaffen es, sich einen Ausweg und somit mehr Zeit zu erkaufen. Die Reichen können sich Tausende Jahre und somit ewige Jugend und Unsterblichkeit erschleichen, während die Armen um jede einzelne Minute betteln müssen, um nur den Tag zu überstehen. In dieser Welt ist Will Salas einer der weniger Glücklichen. Jeden Tag erwacht er mit nicht mehr als 23 Stunden auf seiner tickenden Lebensuhr und muss sich jeden Tag aufs Neue das Leben erarbeiten. Als jedoch ein steinreicher Fremder in sein Leben tritt und kurz darauf stirbt, wird Will fälschlicherweise des Mordes bezichtigt. Er flieht in eine andere Zeitzone, um den Reichen alles abzunehmen, was sie haben…

REVIEW

Der neuseeländische Drehbuchschreiber und Regisseur Andrew Niccol hat eine Vorliebe für außergewöhnliche Welten mit Hang zur Sozialkritik. 1997 schickte er sein Publikum im Sci-Fi-Klassiker GATTACA in eine Welt voller Genmanipulation und perfekter Menschen. Mit THE TRUMAN SHOW schuf er ein Jahr darauf eine dystopische Zukunftsversion der totalen Überwachung eines Menschen und dem immer fortwährenden Reality-Wahn der Medien. Über zehn Jahre später konnte er für IN TIME, erneut ein Science-Fiction-Thriller aus eigener Feder, die beiden CHILDREN OF MEN – Produzenten Marc Abraham und Eric Newman an Land ziehen. Die Vorliebe dieser drei Männer für furchteinflößende Zukunftsvisionen prägen den Film.

Die Prämisse ist einfach. Zeit ersetzt Geld. Die Busfahrt kostet keine 10 Euro mehr, sie kostet zwei Stunden. Wer sich das nicht leisten kann, muss laufen – im wahrsten Sinne des Wortes. Zeit ist nicht nur Geld, Zeit ist Leben. Ausgehend von dieser originellen und visuell beeindruckend umgesetzten Zukunftsfantasie, erschöpft sich die daran angeknüpfende Story als plattes Roadmovie mit Tendenz zu ROBIN HOOD. Will Salas will genug Zeit für alle! Die reißerische Idee, welche in allen Filmen von Niccol im Mittelpunkt steht, würde sich wunderbar fortspinnen lassen und einen außergewöhnlichen Science-Fiction-Meilenstein erlauben. Jedoch sichert der Regisseur seinen Film lieber finanziell ab und versucht nicht weiter aus den typischen Storykonventionen auszubrechen. Niccol kehrt zudem die eine oder andere Erklärung unter den Tisch und bestückt sein Drehbuch mit zahlreichen Lücken im logischen Ablauf. Es scheint beinahe so, als wolle er einzelne, innovative Kniffe und gut durchdachte Szenen auf Biegen und Brechen aneinanderreihen. Dennoch wird es dem durchschnittlichen Sci-Fi-Blockbaster-Fan bei der furiosen Ausgangsidee und den souveränen Schauspielern ein Leichtes sein, darüber hinwegzusehen.

Hauptdarsteller Justin Timberlake, der sich spätestens seit THE SOCIAL NETWORK als ernsthafter Schauspieler wähnen darf, mimt Will Salas. Dieser ist einer von vielen mit Zeitknappheit geplagten Bürgern aus dem Ghetto. In einer Welt, wo die Menschen ab knackigen 25 Jahren nicht mehr altern, ist es schwer Schwester, Tochter und Mutter auseinanderzuhalten. So sorgt die Einstiegssequenz für einen Lacher, als Protagonist Will Salas die bezaubernde Olivia Wild, im wahren Leben jünger als Justin Timberlake, mit „Hi Mom!“ begrüßt und ihr einen Kuss aufdrückt. Amanda Seyfried hingegen spielt den ihrem Alter entsprechenden Sidekick von Timberlake mit feuerroter Perrücke. Sie war bei den Dreharbeiten die einzige tatsächlich 25-jährige unter den wichtigeren Rollen. Mit ihrer vorangegangenen, bunten Rollenauswahl an Teeniehorror (JENNIFER’S BODY), Musicalverfilmung (MAMA MIA!) und Werwolfromantik (RED RIDING HOOD) bewies sie nicht immer Stärke. Als entführte Milliadärstochter mit Rache- und Freiheitsgelüsten wirkt das junge Talent auch in IN TIME wie immer souverän, jedoch chronisch unterfordert. Der Funke zwischen dem Leinwandpärchen Seyfried und Timberlake scheint nicht überzuspringen, doch rein die Konvention scheint hier als Legitimation für ihre Beziehung auszureichen. Um den nötigen Geek-Faktor genregerecht mit in den Film zu bringen, übernimmt THE BIG BANG THEORY-Star Johnny Galecki die Rolle von Will Salas bestem Freund.

Auf der Seite der Bösewichte und Gegenspieler hat sich Niccol dann doch erlaubt, den 35-jährigen Cillian Murphey zu engagieren, um den gesetzestreuen Timekeepern eine kompetende Dimension zu eröffnen. Der spätestens seit seinem Durchbruch in Danny Boyles 28 DAYS LATER bekannte Ire mit dem soziopathisch bestechendem Blick und außergewöhnlichen Gesichtszügen zeigt auf beeindruckende und überzeugende Weise, wie man einen den speziellen Anforderungen des Drehbuchs gerecht wird und einen zweigeteilten Menschen darstellt – jung nach Außen und doch gealtert im Geist. Als einzige Figur, die sich treu an die Gesetze hält, wird der Timekeeper schon beinahe zum Sympathieträger, will er doch nur das System vor einem Zusammenbruch bewahren. Mit fröstelndem Lächeln und undurchschaubarem Blick steht ihm Multimilliardär Weis, gespielt von Vincent Kartheiser, als Nutznießer des Systems und eigentlicher Bösewicht zur Seite.

Fazit:

Andrew Niccols baut seinen Science-Fiction-Thriller IN TIME in alter Manier auf eine starke Idee auf, die den ganzen Film trägt. Auch wenn sich die Originalität schon nach kurzer Zeit in einer gängigen Hollywood-Story erschöpft. Justin Timberlake ist als Hauptrolle sicher richtig platziert, sowie Cillian Murphey als vielschichtiger Gegenspieler. Wer sich keine bahnbrechende Zukunftsvision mit all ihren sozialkritischen und –geschichtlichen Eigenheiten erwartet, wird von diesem rasanten und schön anzusehenden Spektakel sicher gut unterhalten werden.

IN TIME auf DVD-Forum.at

BATTLE: LOS ANGELES auf IMDb.com