Filmkritik: JODAEIYE NADER AZ SIMIN – Nader und Simin – Eine Trennung (IRAN 2011)

INHALT

Nader und Simin sitzen vor dem Scheidungsrichter. Dabei wird schnell klar, dass sich die beiden lieben, es sind nur die Umstände die sie auseinander treiben. Simin will die Scheidung, um mit ihrer gemeinsamen Tochter das Land zu verlasen. Nader weigert sich mitzugehen, denn er möchte seinen an Alzheimer leidenden Vater nicht zurücklassen. Als der Richter die Scheidung verwehrt, zieht Simin schweren Herzens zurück zu ihren Eltern. Nader engagiert für die Pflege seines Vaters die junge Mutter Razieh. Doch diese arbeitet ohne Erlaubnis ihres jähzornigen und hochverschuldeten Ehemannes – und nebenbei erwartet sie ihr zweites Kind. Mit der Pflege von Naders verwirrtem Vater ist sie schon bald überfordert. Eines Tages bindet sie den alten Mann ans Bett und verlässt kurz die Wohnung. Als Nader seinen Vater jedoch bewusstlos auffindet und Razieh wenig später wieder zu ihnen stößt, schubst Nader sie wütend aus der Wohnung und die Dinge nehmen einen unheilvollen Lauf.

REVIEW

Eines Abends saß der iranische Drehbuchschreiber und Regisseur Asghar Farhadi in der Küche eines Freundes in Berlin und hörte aus der nebenan liegenden Wohnung ein Lied aus seiner Heimat. Eigentlich war er gerade mit dem Skript zu einem ganz anderen Film beschäftigt, als ihm in diesem Moment die Idee für NADER UND SIMIN – EINE TRENNUNG in den Sinn kam, und über mehrere Woche nicht mehr los ließ. Schließlich reiste er zurück in den Iran, um diesen Film zu realisieren. Entstanden ist ein tiefgehendes Familiendrama mit weitreichendem und vor allem für Außenstehende sehr interessantem Einblick in das Leben, Lieben und Leiden der iranischen Männer und Frauen. Bevor Farhadi die Welt der Presse und Cineasten mit NADER UND SIMIN beeindruckte und bei der Berlinale eine Goldenen Bären für die beste Regie, sowie seine Schauspielerinnen zwei Silberne Bären für ihre Leistungen gewannen, schlug auch sein vorangegangen Werk ALLES ÜBER ELLY im Jahr 2009 hohe Wellen. NADER UND SIMIN ist Farhadis fünfter Spielfilm. Die Tatsache dass es der erste war, der jemals drei Bären einer Berlinale verliehen bekam, spricht für die außergewöhnliche Qualität und den souveränen und objektiven Umgang heikler Themen.

Für seine vielschichtigen Charaktere wählte Farhadi eine ausgewogene Mischung an bekannten und neuen Gesichtern. Nader und sein Konkurrent Hodjat, Raziehs eifersüchtiger Ehemann, werden dargestellt von den Iranern Peyman Moaadi und Shahab Hosseini. Mit ihnen hat Regisseur Farhadi schon bei ALLES ÜBER ELLY zusammengearbeitet. Leila Hatami, Tochter des im Iran bekannten Regisseurs Ali Hatami, mimt Simin und wird von Sareh Bayat, welche in NADER UND SIMIN als Razieh ihr Spielfilmdebüt gibt, beinahe an die Wand gespielt. Selbst Farhadis eigene Tochter Sarina, im Film als einziges Kind von Nader und Simin zu sehen, lässt sich ihr Debüt nicht anmerken und gibt eine fein nuancierte Performance. Jede der Figuren hat mit ihrer ganz persönlichen Trennung zu kämpfen. Doch viel mehr als die Trennung zu fürchten, ringen die Erwachsenen mit dem Sprung über den eigenen Schatten. Zurückhalten will sie ihr Ballast aus der Vergangenheit und Angst vor der Zukunft. Dem stellen sich die jungen Töchter der beiden Familien entgegen, welche ohne diesen Druck trauriger Erinnerungen und voller Unschuld eine einfache Lösung für alle Probleme vor sich sehen. Verzeihen, den Stolz hinunterschlucken und jedem eine zweite Chance geben. Doch in einer Welt mit festgefahrenen Geschlechterrollen und großer Demut vor dem Herrn ist der Jähzorn oftmals näher als der Sanftmut. Regisseur Farhadi gibt den Charakteren hier viel Platz und Raum sich zu erklären und ihre Persönlichkeiten auszufeilen. Laut ihm müssten die Schauspieler den großen Zusammenhang des Films nicht kennen, da sie sich so besser auf die Feinheiten ihrer Charaktere konzentrieren können. Er passt die Eigenarten der Schauspieler den Charakteren an. Und ohne die Stimmung durch hektische Schnitte oder dramatische Musik aufzubauschen, erzählt Farhadi die einfühlsame Geschichte durch die Gesichter der Hauptdarsteller. Ihre Mimik, Worte und alle Reaktionen, ihr Scham und Zorn geben dem Publikum das Gefühl selbst in die Geschichte involviert zu sein. Keiner kann sich den angesprochenen Themen entziehen oder weghören, wenn die junge Razieh telefoniert, ob es eine Sünde sei, dem alten, eingenässten Mann die Hose zu wechseln. Jeder Zuseher will einmal für diesen, dann wieder für jenen Charakter Partei ergreifen und wird zum Spielball Farhadis unbeantworteter Fragestellungen über Gesellschaft, Verantwortung und einzelne Schicksale.

Viele verschiedene Themen werden in NADER UND SIMIN – EINE TRENNUNG aufgegriffen und einige davon auch eingängiger behandelt. Schuld, Familie und Religion sind nur drei von vielen. Ohne auf eine politische oder emanzipatorische Schiene zu geraten, lässt er die Geschichte um die Machtverhältnisse und Rollen der Frauen und Männer in Gesellschaft und Familie zirkulieren. Die realistische und dokumentarische Darstellung machen diese große Geschichte über kleine Menschen authentisch und aufregend. Der Regisseur und Autor ergreift nie Partei und lässt jedem Standpunkt seinen Freiraum sich zu entfalten und zu rechtfertigen. Er möchte dem Zuseher nicht die Möglichkeit bieten, sich auf eine Seite schlagen zu können. Die beiden starken Frauenrollen beschreibt er als „zwei verschiedene Seiten von Gut“. Trotz der ihnen auferlegten, kulturellen Beschränkungen präsentiert er sie als aktive und präsente Personen in der iranischen Gesellschaft. Für ein Publikum, das einem sehr fernen Kulturkreis entspringt, ist es jedoch ab und an schwer, sich hier in diese Figuren einzufühlen. Zu fremd scheinen all die Eigenheiten und auferlegten Regeln für Frauen, aber auch für Männer zu sein und lassen die Zuseher kalt, wenn sich auf der Leinwand emotionale Szenen abspielen. Zudem eröffnen sich für iranische Zuschauer viel eher weniger offensichtliche Interpretationsmöglichkeiten. Doch auch gerade deshalb gibt es für ein internationales Publikum in diesem Familien- und Sozialpanorama viel überraschende und spannende Momente zu entdecken.

Fazit:
Auffallend häufig stehen Kinder oder Jugendliche im Zentrum iranischer Filme. Vielleicht deshalb, weil sie mit ihrem unschuldigen, aber auch kritisch hinterfragendem Blick eine besondere Fähigkeit entwickeln, Verhältnisse zu durchleuchten. So sehen auch wir in NADER UND SIMIN eine Geschichte wie durch Kinderaugen und bemerken uns selbst als unvoreingenommene Beobachter eines facettenreichen und umfassenden Familiendramas. Asghar Farhadi schafft einen außergewöhnlich ehrlichen, parteilosen und authentischen Film, der viele Fragen über die iranische Gesellschaft, Menschlichkeit und Ethik beantwortet und noch mehr aufwirft und offen lässt. Ein zeitloses Werk.

Filmkritik von NADER UND SIMIN auf DVD-Forum.at

NADER UND SIMIN auf IMDb.com

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Filmkritik: CARMEN JONES (USA 1954)

INHALT

Joe ist ein GI, der den Auftrag erhält, die verhaftete Fabrikarbeiterin Carmen Jones wegen Körperverletzung in das entfernt gelegene Gefängnis zu bringen. Während des Transports flieht die Gefangene jedoch und lotst ihren Verfolger Joe bis in ihr Heimatdorf. Dort verführt sie ihn und ist am nächsten Morgen verschwunden. Der GI muss deshalb selbst ins Gefängnis. In seiner Not und hörigen Liebe zu Carmen desertiert er aus der Armee, doch seine Liebe wird von Carmen nicht in der selben Intensität erwidert. Joe befürchtet, Carmen an den Boxchampion Husky Miller zu verlieren.

REVIEW

Georges Bizet komponierte die Oper CARMEN lange bevor es das Kino gab. Die Uraufführung fand 1875 statt, knapp 20 Jahre später war der allererste Film im Kino zu sehen. Der Stoff der vollblütigen Femme fatale Carmen und ihrer unbändigen Leidenschaft fand sofort großen Anklang, wurde unzählige Male aufgeführt und verfilmt. Bizets CARMEN ist die am öftesten aufgeführte Oper und der am häufigsten adaptierte Stoff. Keiner anderen Oper wurde die letzten 130 Jahre auf der Bühne und im Film so viel Aufmerksamkeit gewidmet. Und doch werden stets neue Wege gefunden, den Stoff zu inszenieren. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden einige wenige Opernfilme gedreht, die aufgrund ihrer Kürzungen, Veränderungen und Neuinterpretationen herausstechen. Manche Regisseure nahmen sich die Freiheit, die originalen Opernfassungen zu bearbeiten, ihren Sinn zu verändern und sie in die Gegenwart zu verlegen. Otto Premingers CARMEN JONES aus dem Jahre 1954 ist ein ganz besonderes Beispiel dieses Subgenres.

Die Musical-Verfilmung des österreich-amerikanischen Regisseurs Preminger erregte nicht nur dadurch Aufsehen, dass es der erste Film mit ausschließlich dunkelhäutigen Darstellern war, sondern auch weil große Änderungen an Bizets Original vorgenommen wurden. Premingers Werk respektiert die Quelle, hat sich jedoch meilenweit von der originalen Geschichte entfernt. Nach der Eröffnung von CARMEN JONES als Musical am Broadway Theatre in New York 1943, kam es, wie oben erwähnt, in abgeänderter Version 1954 als Spielfilm in die Kinos. Zahlreiche Regisseure haben sich an diesem Stoff versucht und immer wieder entstanden neue Adaptionen der Carmen-Figur und ihrem lebhaften Gesang. Jedoch passte sich keine so sehr an ein anderes Milieu und eine andere Zeit an, blieb aber der Grundstruktur treu, wie CARMEN JONES es macht. Premingers Werk verlegt die hitzig spanische Geschichte in den Süden der Vereinigten Staaten und spielt während des zweiten Weltkriegs. Im Mittelpunkt stehen nicht mehr Zigeuner, aber die soziale Randgruppe der dunkelhäutigen Arbeitergesellschaft. Im Detail passt Preminger seine Charaktere und die Handlung an das neu geschaffene Umfeld an, die grobe Struktur hat er jedoch von Bizet übernommen. Abgesehen von dem in den Süden der Vereinigten Staaten verlegten Schauplatz, ist der wohl größte Unterschied von CARMEN JONES zu seiner Vorlage die Sprache. Sowohl die Dialoge, als auch alle Liedertexte wurden ins Englische übersetzt und in eben dieser Sprache gesprochen und gesungen.

In der Hauptrolle ist Dorothy Dandridge als Carmen Jones, mit der Stimme von Marilyn Horne zu sehen, beziehungsweise zu hören. Ihr heißblütig angebeteter Don José, in diesem Film Joe genannt, wird von Harry Belafonte dargestellt und Le Vern Hutcherson gesungen. Seine Verehrerin Michaela, hier Cindy Lou, gibt Olga James ein Gesicht und auch die Stimme, während der Stierkämpfer Escamillo, in CARMEN JONES Boxchamp Husky Miller genannt, von Joe Adams gespielt und Marvin Hayes gesungen wird. Da die synchronisierten Darsteller beim Dreh jedoch tatsächlich sangen, kann man ihnen diese physische Anstrengung auch ankennen. CARMEN JONES wurde außerdem für zwei Oscars nominiert. Eine der Nominierungen erhielt der Film für die beste Hauptdarstellerin und eine weitere für die Kategorie „Musik (für Musical)“.

Carmens Charakter wurde für die Verfilmung abgeschwächt. Sie ist keine Femme fatale, ihr fehlt die vulgäre Animalität. Carmen Jones entfernt sich von unkontrollierten Ausbrüchen und unerfüllbaren Wünschen. Trotz der behaltenen Lebenslust, Spontanität und dem Drang frei zu sein, scheint sie ein weitdenkender und kluger Mensch zu sein. Sie lässt sich meist, jedoch nicht ausschließlich von Gefühlen leiten. Carmen Jones steht im Mittelpunkt. Sie ist eine Heldin, die ihren Platz nicht in einem dramatischen Gefüge hat, sondern vom Gefüge umspielt wird. Von ihrem ersten Auftritt an, dreht sich jede Szene nur mehr um sie. Unterstützt wird sie dabei von der Kamera, welche den Blick immer auf sie richtet. Dies gibt einen subjektiven Eindruck und lässt die Welt aus Carmens Sicht erscheinen. Sie weiß mit ihren weiblichen Reizen zu spielen, um eben jenes zu bekommen.

Fazit:
CARMEN JONES lässt sich als schwungvolle Musicalverfilmung bezeichnen, welche für Fans von Bizets Original einige Entdeckungen und Änderungen bietet. Die Hauptdarsteller sind zwar stereotype Figuren, welche die Musik jedoch nicht nur in ihre Sprache, sondern auch in ihre Kultur transferieren. Gesanglich und dramatisch ist Otto Premingers Werk eine gelungene Musical-Verfilmung.

Filmkritiken von CARMEN JONES auf DVD-Forum.at

http://www.imdb.com/title/tt0046828/