Archiv der Kategorie: Identität

Der goldene Briefumschlag. Eine Kurzgeschichte

I

Als Anne C. Welkensen am Tag nach ihrem 42. Geburtstag in ihr Postfach schaut, ist es nicht so leer wie sonst.

Ein goldener Briefumschlag, schau an. Der muss für jemand anders sein. Ungläubig nimmt sie ihn aus dem viel zu hohen Fach. Ihre Knöchel knacken beim Strecken.

An Anne C. Welkensen.

Eine Hochzeitseinladung vielleicht. Ob es sich herumgesprochen hat, dass sie zur Hochzeit ihrer viertältesten Cousine eingeladen werden wollte im letzten Jahr? Nun heiratet wohl eine der anderen neun Cousinen und sie hat niemanden, den sie zu der Feierlichkeit mitbringen kann.

Brief

Vielleicht fragt sie ihre Nachbarin, mit der sie schon immer gemeinsam mittagessen wollte. Ob sie das jetzt gleich machen soll?

Das muss eine Einladung sein.

Aufgeregt fächert sich Anne C. Welkensen mit dem Umschlag Luft zu.

Die wackelige Frau blickt an sich hinab, ihr Kleid hat bereits ein paar dunkle Flecken von den dreckigen Bodenstraßen. Sie wechselt es lieber vorher.

Der Flur ist zu kalt, um allzu lange vorm Postfach zu stehen. Hektisch spurtet Anne C. Welkensen die schmale Steinstreppe zu ihrem Zimmer hoch. Ein paar Stockwerke höher hört sie Familie Blum aus der Wohnung stampfen. Die beiden Kinder kreischen, die Eltern schweigen.

Anne C. Welkensen kommt ins Schwitzen. Wenn sie sich jetzt nicht beeilt, muss sie die ganze Treppe wieder bis nach unten laufen. Die Stufen haben genau die Breite des Kinderwagens der Blums.

Zu spät.

Die Kinder laufen johlend an ihr vorbei.

“Guten Morgen, Frau Nachbarin”, nickt ihr Herr Blum zu.

“Wie ungünstig, Frau Nachbarin”, sagt Frau Blum mit mitleidiger Miene.

“Ach, das ist schon in Ordnung”, Anne C. Welkensen schlackert mit den Händen, “Sie haben ja einen Kinderwagen mit dabei, da müssen Sie jetzt nicht wieder hoch damit.” Sie schwitzt stark. Nichts würde sie lieber tun, als sich kurz hinzusetzen und eine Minute auszuruhen.

“Sehr nett von Ihnen, Frau Nachbarin! Wir haben auch gar nicht viel Zeit.”

Eine ganze Weile später ist sie wieder in ihrer Wohnung. Keuchend, der Rücken schmerzt, die Knöchel sind angeschwollen. Dabei ist sie erst 42. Der akute Platzmangel in den Arbeitslosenquartieren macht es aber niemandem einfach, auf die eigene Gesundheit zu achten.

Als sie sich schnaufend aufs Bett fallen lässt, knackt etwas. Diesmal nicht die Knochen. Es ist das silberne Wachssiegel des goldenen Briefumschlags. Hastig nimmt Anne C. Welkensen das Kuvert aus der Tasche ihres Kleids.

Ob ihre Nachbarin mit ihr zu der Trauung geht?

In dem glänzenden Briefumschlag stecken zwei zusammengefaltete Zettel grau schimmernden Papiers und zwei Fahrkarten.

Sehr geehrte Frau Anne C. Welkensen!

Das sieht aber nicht nach einer Hochzeitseinladung aus.

Wir möchten Ihnen unser aufrichtiges Beileid zum Tod ihrer ersten biologischen Mutter Frau Dr. Gen. Cis. LPA Martha Wahl aussprechen.

Na sowas.

Uns sind die Umstände, unter denen Sie ihrem ersten leiblichen Elternteil nie begegnet sind, bekannt. Dennoch müssen wir nun nach dem Ableben die Hinterlassenschaft im Willen der Verstorbenen verwalten.

Als erste menschliche Siedlerin auf dem Planeten Nuk hinterlässt Ihnen Frau Dr. Gen. Cis. LPA Martha Wahl ebendort das bebaute Grundstück Nr. 2738.

Ihre aufkommenden Reisekosten übernehmen selbstverständlich wir.

Hinterlassenschaft. Reisekosten. So ein Zirkus.

Es ist in unserem wie in Ihrem Sinne, diesen Hinterlassenschaftsauftrag schnellstmöglich abzuwickeln.

Ob das ein schlechter Scherz von Cousine Billi ist? Im letzten Jahr bekam sie von ihr einen gefälschten Gutschein über 50 Credits. Als sie ihn erst kürzlich einlösen wollte, musste sie zwei Nächte in der Bodenpolizeiwache schlafen, bis die Angelegenheit geklärt war.

Befangen nimmt Anne C. Welkensen die zweite Seite des edlen Papiers in die Hand.

Mit dem beiliegenden Code können Sie sich an jeder Druckstation die nötigen Credits auf ihr Konto laden, um einen einmaligen Ausreiseschein zu kaufen – das können wir leider nicht für Sie übernehmen. Eine Fahrkarte von Berlin zum Raumfahrtsgelände 57 sowie ihr Ticket vom Raumfahrtsgelände 57 (wo Sie den Ausreiseschein erwerben) bis nach Nuk (drei Umstiege) liegen diesem Schreiben bei. Auf Nuk werden Sie von einem unserer Mitarbeiter direkt vom Landeplatz zum Erstmeldeamt gebracht, wo wir alles weitere besprechen.

Ausreiseschein. Erstmeldeamt. Das klingt alles sehr kompliziert.

Wir wünschen Ihnen eine angenehme Reise, die Sie im Sinne einer schnellen Klärung alsbald antreten sollten. Wir freuen uns darauf, Sie auf Nuk begrüßen zu dürfen.

Ihr Bestattungsauftragsunternehmen Ur

Das Bahnticket zum Raumfahrtsgelände ist auf heute Abend datiert.

Anne C. Welkensen wird ganz schwindelig, als ihr das nächste Cousinentreffen in drei Tagen in den Sinn kommt. Sollte all das hier tatsächlich wahr sein, dann hat sie den anderen endlich etwas zu erzählen. Bis dahin muss sie unbedingt zurück sein.

Doch erst muss sie ihre Blume gießen.

2 blume

Die sieht schon seit dem Einzug ins Arbeitslosenquartier etwas schlaff aus. Als würde sie in diesem kleinen Zimmer keine Luft bekommen.

Was macht sie bloß mit ihrer Pflanze, wenn sie ein paar Tage nicht hier ist?

Die Blumenerde saugt das frische Wasser auf.

Ob sie den Schlüssel bei ihrer Nachbarin abgeben soll, damit die nach ihrer Blume sehen kann? Andererseits wollte die diese Verantwortung bereits beim letzten Mal nicht übernehmen. Als sie ihre Nachbarin von der Bodenpolizeiwache aus anrief, damit sie ihre Blume gießt, legte die einfach auf.

Sie kann den Blumentopf bestimmt auch einfach mitnehmen.

Die Gesichtsausdrücke ihrer Cousinen wären unbezahlbar, wenn sie einmal diejenige wäre, die etwas zu erzählen hat. Sie muss bis zum Treffen zurück sein.

Anne C. Welkensen packt das gelbe und das weiße Kleid ein. Das verschwitzte Rote bleibt hier. Das frische Blaue zieht sie an.

Ob sie sich von ihrer Nachbarin einen Koffer leihen soll? Andererseits durfte sie sich von der zuletzt nicht einmal den Hammer ausborgen, um das Bild ihrer Zieheltern an die Wand zu hängen.

Dann kommt eben alles in die Handtasche. In ihrem Zimmer ist ohnehin so wenig Platz, dass sie kaum etwas besitzt, was sie mitnehmen könnte. Ihre Unterwäsche reicht für drei Tage.

Ob sie jemandem Bescheid geben soll, dass sie kurzzeitig vereist? Es fällt ihr niemand ein.

Ihre Cousinen würden sich wohl freuen, wenn sie nicht zum Treffen käme. Aber den Gefallen tut sie ihnen nicht. Sie haben sie nie als eine der ihren akzeptierte, seit sie als kleines Kind von ihren Zieheltern aufgenommen wurde. Das könnte sich endlich ändern.

Anne C. Welkensen wirft einen Blick zurück ins Zimmer. Winzig, aber geordnet.

Mit der Handtasche über der Schulter und der Blume unterm Arm dackelt sie aus den Arbeitslosenquartieren zur nächsten Druckstation, um ihre Credits für den Ausreiseschein abzuholen. Auf den Straßen herrscht Hochbetrieb. Die Stadt ist heute besonders heiß und schmierig. Sie ist froh, wenn sie nach all diesem Aufruhr wieder in ihrem kühlen Zimmer sitzt.

Während der völlig ereignislosen Fahrt zum Raumfahrtsgelände 57 kommt Anne C. Welkensen der Gedanke, dass sie und ihre Blume die Erde bald das erste Mal verlassen. Es ist ihr vollkommen gleichgültig. Aber ihre Cousinen werden staunen.

3 haus

II

Der Warteraum des Erstmeldeamts auf Nuk ist nicht so leer wie sonst. Anne C. Welkensen hat ihre Blume nach dem ermüdenden Flug erstmals auf den Sitz neben sich abgestellt.

Eine Hochzeitseinladung wäre ihr lieber gewesen als diese Aufregung um irgendein Grundstück.

Sie schaut sich in dem nett dekorierten Raum um und denkt über einen Gardinenwechsel in ihrem Zimmer zuhause nach.

“Frau Anne C. Welkensen, bitte in Raum 2!”

Die monotone Frauenstimme hallt sanft aus den Wänden des Wartezimmers. Eilig setzt sich Anne C. Welkensen in Bewegung.

Ob sie sich nach der Anmeldung ein wenig ausruhen kann?

In Raum 2 erwarten sie eine gelangweilte Dame und ein grün-gelbliches Wesen von hagerer Statur. Es erinnert sie ein wenig an Cousine Billi.

“Bitte setzen Sie sich”, bringt die gelangweilte Dame leise hervor, “Ich bearbeite heute im Auftrag der Wohnungszuteilungsgemeindschaft auf Nuk und dem Bestattungsauftragsunternehmen Ur ihre Erstanmeldung auf Nuk.” Routiniert gestikuliert sie mit abgehackten Bewegungen vor einer großen Glasfläche.

Ob ihre Cousinen ihr das alles glauben werden?

Anne C. Welkensen streichelt die Blütenblätter ihrer Blume und wendet sich dem starren Nukianer zu: “Hätten Sie vielleicht einen Schluck Wasser für meine Pflanze?” Die gelangweilte Dame dreht sich zu dem Einheimischen und gibt ein paar unverständliche Laute von sich. Äußerst langsam erhebt sich das zugleich ausgezehrte und rundliche Geschöpf und schleicht zu einer Tür am Ende des Raums.

Wie rüde von ihm, dass er nicht mit ihr spricht. Davon wird sie ihren Cousinen erzählen.

“Frau Anne C. Welkensen!” Die gelangweilte Dame sieht sie beim Sprechen nicht an. “Um Sie im Wohnsektor 3 beheimaten zu dürfen, müssen wir zuerst ein paar wichtige Variablen zur Integration bestimmen. Hier auf Nuk verfolgen wir eine der ihrem Wohngebiet auf der Erde sehr unterschiedlichen Klassifizierung.”

Davon hat sie ja noch nie etwas gehört. Planlos nimmt sie einen leuchtenden Ring entgegen.

“Bitte platzieren Sie diesen Ring wie ein Stirnband und beantworten Sie die zehn Fragen unseres Orientierungsbogens. Antworten Sie intuitiv und kurz. Es geht weniger um das Gesagte als um ihre Gehirnströme.”

Der helle Ring gibt ein leises Surren von sich, während er sich ihrer Kopfform anpasst.

“Welche Farbe spiegelt ihr Gemüt wider?”

Anne C. Welkensen macht große Augen. Darüber hat sie noch nie nachgedacht. Sie senkt ihren Blick zu der einzigen, grau-bläulichen Blüte ihrer Pflanze.

“Vielleicht blau?”

“Vielleicht blau”, wiederholt die gelangweilte Dame, “Wie viele enge Freundschaften pflegen Sie?”

Enge Freundschaften. Anne C. Welkensen klammert sich an den Blumentopf und fühlt sich plötzlich sehr unwohl.

“Ich treffe mich einmal im Monat mit meinen neun Cousinen.”

Ob die gelangweilte Dame auch Sinn für Familie hat? Schließlich haben die meisten Menschen gar keinen Bezug mehr zu ihrer Verwandtschaft heutzutage. Solche Bindungen müssen gepflegt werden.

“Konsumieren Sie Fleisch?”

“Ja”, Anne C. Welkensen beugt sich nach vorne, “aber wussten Sie, dass die meisten Essensstationen gar kein Fleisch mehr für ihre Fleischprodukte verwenden und es keiner merkt?” Sie hebt langsam nickend die Augenbrauen, doch von ihrem Gegenüber kommt keine Antwort.

“Sind Sie eine sexuell aktive Person? Was bedeutet Sex für Sie?”

Ach, du meine Güte. Gleich zwei Fragen auf einmal und so komplizierte noch dazu.

Anne C. Welkensen presst ihre Zehen aufeinander.

“Es ist nicht so einfach in den Arbeitslosenquartieren jemanden kennenzulernen”, murmelt sie, “Ich wollte schon länger mit meiner Nachbarin Mittagessen gehen, aber sie ist wirklich selten zuhause. Für einen Service-Roboter fehlt mir das Geld.” Sie kichert, aber eigentlich meint sie es ernst. Alles ist besser, als jeden Abend alleine zu sein.

Die gelangweilte Dame zuckt zusammen, als die Tür am anderen Ende des Raumes ins Schloss fällt. Der schlaksige Einheimische balanciert ein kleines Glas Wasser auf seiner knorpeligen Handfläche. Anne C. Welkensen bewundert ihn dafür, dass er nichts verschüttet. Erst, als er direkt vor ihr steht, merkt sie, dass die Flüssigkeit im Glas gräulich schimmert. Ob das gesund ist für die Pflanze?

4 hand

Ohne zu fragen, gießt er es in den Blumentopf, den sie auf ihrem Schoß festklammert. Die gelangweilte Dame bemerkt ihre Besorgnis. “Das ist Sot”, raunt sie, “eine grau schimmernde, wasserartige Flüssigkeit vom Planeten Nuk und für seine vitalisierende Wirkung auf Erd-Lebewesen bekannt.”

Hoffentlich geht es der Blume auch wirklich gut.

“Sind sie glücklich?”

Anne C. Welkensen erschrickt. Ob sie glücklich sei? Sie stutzt und denkt kurz an ihre Zieheltern, dann an die Hochzeit ihrer Cousine Lilli, zu der sie nicht eingeladen war.

Ihre verheiratete Cousine ist vielleicht glücklich. Wie sie immer prahlt von ihrem Glück, so einen wundervollen Menschen getroffen zu haben und so viel Erfolge mit ihrer kleinen Werkstatt zu feiern. Auch alle anderen Cousinen erzählen davon bei den Treffen.

“Ich habe alles, was ich brauche, danke”, zitiert sie ihren Ziehvater.

Erschöpft lässt Anne C. Welkensen ihre Schultern hängen. Ob dieser Klamauk bald ein Ende hat?

“Haben Sie jemanden getötet?”

“Nein, ich doch nicht”, schnellt es pikiert aus ihr heraus.

Die gelangweilte Dame lässt keine Pause aufkommen: “Welche Tageszeit ist ihre liebste?”

Endlich eine wirklich gute Frage. Anne C. Welkensens Gemüt erhellt sich ein wenig. Selten war sie sich bei etwas so sicher wie bei dieser Antwort

“Morgens, gleich nach dem Aufstehen”, antwortet sie zufrieden und freut sich über ihre selbstbewusste Reaktion.

“Mögen Sie Tiere?”

Noch so eine tolle Frage: “Meine Cousine Billi hat einen Tierladen für die inneren Bezirke”, erzählt sie stolz, “den größten der ganzen Stadt tatsächlich.” Anne C. Welkensen nickt, als könnte sie es selbst kaum glauben.

“Letzte Frage, dann werden Sie zum Wohnhaus auf dem bebauten Grundstück Nr. 2738 begleitet. Was ist ihre früheste Kindheitserinnerung?”

Ob sie das beantworten kann? Anne C. Welkensen denkt an ihre Zieheltern und merkt, wie abgenutzt sie sich eigentlich fühlt. Sie kann den unzusammenhängenden Erinnerungen kein Alter zuordnen und verliert sich in einzelnen Eindrücken.

Geruch von Meerluft. Die Sonne blendet.

Bestimmt hat sie schon seit Jahren nicht mehr an ihre Kindheit gedacht. Bisher wollte auch nie jemand etwas darüber wissen.

Anne C. Welkensen ist enttäuscht, dass die letzte Frage eine so schwierige ist. Ihr Blick senkt sich zur Blume, die ihr plötzlich strahlender erscheint als zuvor, mit einer neuen Knospe neben der einzigen Blüte.

“Ich war mal Blumenpflücken mit meinem Ziehvater”, wispert sie. Ihre Augen weiten sich, als ihr das in den Sinn kommt: “Mein Vater wollte mit mir alleine etwas unternehmen, meinte er.” Sie wird ganz ruhig. “Wir pflückten eine Blume von jeder Farbe. Das war wohl kurz vor seinem Unfall am Hafen, da war ich erst vier.”

“Vielen Dank für ihre Antworten, Frau” – “Ich bin noch nicht fertig, junge Dame”, platzt es aus ihr heraus, sodass sie selbst erschrickt, “dürfte ich wohl zu Ende sprechen?”

Der Nukianer verzieht langsam seine Miene. Anne C. Welkensen will glauben, ihn mit ihrer forschen Ansage beeindruckt zu haben.

“Wir pflückten einen Blumenstrauß für das Grab seiner Mutter.” Sie hält kurz inne. “Als wir auf dem Friedhof waren, weinte er. Das war das einzige Mal, dass ich meinen Vater weinen sah.”

Die bisher gelangweilte Dame stupst den Nukianer neben sich an und zeigt ihm etwas auf ihrem Bildschirm, das sie tatsächlich zu interessieren scheint. Träge beugt er sich zur Seite. Anne C. Welkensen lässt sich davon nicht beirren und redet planlos weiter: “Ich meine, mich daran zu erinnern, dass ich meinen Vater trösten wollte und zu ihm sagte, dass kein anderes Grab so einen schönen Blumenstrauß bekommen hat als das seiner Mutter. Stellen Sie sich das vor!”, sie gluckst.

Ihre Cousinen werden ihr diese Reise niemals glauben.

5 grab

III

Als Anne C. Welkensen das Wohnhaus auf dem bebauten Grundstück Nr. 2738 betritt, ist es nicht so leer, wie sie vermutet hat. Ihre Beine schmerzen von der pausenlosen Reise, seit sie sich aufmachte, um etwas Erzählenswertes zu erleben.

Mit der zunehmend wachsenden Blume fest an sich gepresst, steht sie gekrümmt und verloren im großzügigen Vorraum. Vor ihr warten drei Gestalten. Ein dicklicher Nukianer, eine stattliche, ältere Frau und ein schicker, jüngerer Herr.

Sie kennt niemanden davon.

Ob die drei ihr sagen können, wie sie das alles schnellstmöglich hinter sich bringt? Morgen Abend ist bereits das Cousinentreffen und sie möchte vorher dringend ein Stündchen schlafen. Das wird ein Fest, den anderen davon zu erzählen. Sie werden an ihren Lippen hängen. Wenn sie es nicht glauben, zeigt sie ihnen einfach den Brief, der vor ein paar Tagen in ihrem Postfach lag.

Der schicke Herr ganz rechts räuspert sich: “Frau Anne C. Welkensen, wir alle sind hocherfreut, dass wir sie endlich von Angesicht zu Angesicht von unseren Belangen informieren können.”

Die stattliche Frau neben ihm scheint merkwürdig vertraut. Der schicke Herren trippelt langsam auf Anne C. Welkensen zu: “Sie fragen sich bestimmt, was nun als nächstes geschieht.”

Gern würde sie sich erstmal hinsetzen. Der schwere Blumentopf ermüdet ihre Arme, doch der schicke Herr lasst ihr keine Zeit zu reden. “Nun, wir haben all die Antworten für Sie und noch dazu habe ich für Sie die bestimmt freudigste Überraschung des Tages.” Er neigt seinen Kopf zu der stattlichen Frau neben sich und setzt ein unwiderstehliches Lächeln auf: “Frau Anne C. Welkensen, ich stelle Ihnen ihre Mutter vor, Frau Dr. Gen. Cis. LPA Martha Wahl.”

Ach du Schreck, das kommt unerwartet. Ob es sich doch um einen Streich ihrer Cousinen handelt?

Dicke Schweißperlen bilden sich auf ihrer Stirn.

Der schicke Herr setzt sogleich wieder zum Reden an: “Natürlich haben Sie zahlreiche Fragen, aber keine Sorge, das ist im Handumdrehen geklärt und abgehakt.”

Die Beine von Anne C. Welkensen geben beinahe nach: “Dürfte ich mich vielleicht kurz setzen, wenn es nicht allzu viele Umstände macht? Und hätten Sie wohl noch einen Schluck von diesem grauen Wasser für meine Pflanze?”

Die zweite Frage richtet sie gezielt an den Nukianer, der wird schon wissen, was für ein Wasser sie meint. Kaum merkbar gibt die stattliche Frau dem fülligen Einheimischen neben sich einen kleinen Klapps und er setzt sich mühselig in Bewegung.

“Frau Anne C. Welkensen”, der schicke Herr hebt die Hand mit einem charmanten Lächeln.

“Tatsächlich ist das alles sofort geklärt, kein Grund, länger zu bleiben als nötig.”

Die Schuhe von Anne C. Welkensen sind bereits viel zu eng für die geschwollenen Füße. Sie versucht, den Schmerz zu ignorieren.

“Sehen Sie”, säuselt der schicke Herr entzückt, “Ihre werte Frau Mutter ist verliebt. Dieser einzigartige Mensch hat die Liebe seines Lebens gefunden, doch um den Traum einer Vermählung zu verwirklichen, brauchen wir Sie!”

Er fasst sich ans Herz.

“Sie haben nun die einmalige Aufgabe, das Liebespaar glücklich zu machen.”

Anne C. Welkensen kann nicht folgen. Ob hier ein Missverständnis vorliegt?

“Sehen Sie”, erklärt der schicke Herr, “der Planet Nuk verfolgt ein wirklich strenges Reglement, wenn es zur Einreise und Ausreise von Personen wie sie oder ihrer Mutter kommt. Personen menschlicher Gestalt. Deshalb mussten wir ein wenig tricksen.”

Er holt tief Luft.

“Uns vom Bestattungsauftragsunternehmen Ur liegt das Wohlergehen der Lebenden wie Toten sehr am Herzen. Um garantieren zu können, dass Sie als einzige lebende Verwandte bald als möglich auf Nuk persönlich eintreffen dürfen, haben wir ihre lebende Mutter, bloß auf dem Papier, für tot erklärt. Ein versehentlicher Tippfehler sozusagen.” Er schmunzelt. “Ein Missgeschick unsererseits.” Der schicke Herr schüttelt seinen Kopf als hätte er einen peinlichen Witz erzählt.

Anne C. Welkensens Verwirrung ist ihr ins Gesicht geschrieben. Erst heiratet ihre Cousine Lilli und jetzt auch noch ihre Mutter.

Ob das etwa eine Hochzeitseinladung ist?

Als ihr dieser Gedanke kommt, ist alles andere plötzlich egal.

Ob sie zu einem Fest eingeladen wird, zu dem ihre Cousinen keinen Zutritt haben?

Sie beginnt, sich mit aufgerissenen Augen eine pompöse Trauung vorzustellen.

6 hand 2Die stattliche Frau zuckt zusammen, als der Nukianer an ihr vorbeischleicht, mit einem Glas Sot zwischen seinen Fingern. Er schlurft lethargisch zu Anne C. Welkensen hin. Sie streckt ihm ihre Blume entgegen und alle schauen ihm dabei zu, wie er in Zeitlupe auch den letzten Tropfen der wundersamen Flüssigkeit in den Topf gießt.

Die zweite große Knospe neben der einzigen Blüte war vor wenigen Minuten noch nicht zu sehen. Berauscht von der bevorstehenden Hochzeitseinladung fühlt sich Anne C. Welkensen wie eine stolze Mutter. Nur das Beste für ihren Schützling. Ihr Augenmerk fällt sogleich auf einen weiteren goldenen Briefumschlag, den die stattliche Frau aus ihrer Tasche zieht.

Das muss die Einladung sein.

“Kommen wir zum wichtigen Teil unseres glücklichen Aufenthalts”, eilig hebt der schicke Herr beide Zeigefinger, “Frau Anne C. Welkensen, es liegt in Ihren Händen, ihrer Mutter ihren größten Wunsch zur Vermählung zu ermöglichen.”

Er macht eine dramatische Pause.
“Sehen Sie, die Heirat eines Nukianers erfordert jegliche Zustimmung noch lebender Familienmitglieder, also auch die ihre. Es ist unbedingt notwendig, dass Sie diese Papiere unterzeichnen.” Er nimmt der stattlichen Frau den goldenen Briefumschlag ab und versucht,  ihn Anne C. Welkensen zu überreichen: “Damit Frau Dr. Gen. Cis. LPA Martha Wahl und ihr Zukünftiger”, er deutet theatralisch auf die stattliche Frau und den rundlichen Nukianer, “weiterhin gemeinsam auf Nuk ihr vertrautes Leben führen können. Die Familie des Bräutigams ist sehr traditionsbewusst, vor allem, wenn es um das Bündnis mit einem außergalaktischen Partner geht.”

7 brief 2

Geistesabwesend tauscht Anne C. Welkensen ihren Blumentopf gegen den schimmernden Briefumschlag. Der schicke Herr drückt die strahlende Pflanze der Frau hinter ihm in die Hand. Anne C. Welkensen bricht das Siegel des Kuverts und holt zittrig die Einverständniserklärung heraus.

Persönliche Unterzeichnung in Anwesenheit der Heiratsanwärter zwingend nötig.

Das ist ihr zu kompliziert. Ob sie noch zur Hochzeit eingeladen wird?

Die stattliche Frau nimmt die Hand des Nukianers neben sich und drückt sie sichtlich fest. Mit der anderen Hand hält sie den Blumentopf.

“Bitte unterschreiben Sie jetzt hier und hier”, fordert der schicke Herr Anne C. Welkensen auf und drückt ihr einen Stift in die Hand.

Verdattert signiert sie das Blatt und fragt sich, was ihre Cousinen nun dazu sagen werden.

Zufrieden nimmt er das Dokument wieder an sich und will Anne C. Welkensen sogleich zur Tür hinausschieben. Bestimmend legt er seinen Arm um sie, damit sie mit ihm Schritt hält.

“Das fälschliche Ableben ihrer Mutter werden wir natürlich bald als möglich aufklären, damit Sie sich um keinerlei Unannehmlichkeiten mehr zu kümmern brauchen”, versichert er gütig. “Der Rückflug mit sechsfachem Umstieg ist gebucht, das Ticket liegt am Raumfahrtsgelände 2 für sie bereit.”

Schon steht Anne C. Welkensen draußen vorm Haus.

“Warten Sie”, hält die stattliche Frau im Vorzimmer den schicken Herren davon ab, die Tür zu schließen. Sie kommt aber nicht näher und schreit beinahe, um die Distanz zu überbrücken. Dabei streckt sie ihrer Tochter den Blumentopf entgegen: “Wollen Sie die Pflanze hier lassen, Frau Anne C. Welkensen? Schauen Sie, wie sie aufblüht an diesem glücklichen Ort.”

Die Pflanze. Anne C. Welkensen erschreckt sich, dass sie ihren Zögling vergessen hätte. Sie blickt überfordert auf die Blume, deren neuen Knospen sich zu blaugräulich schimmernden Blüten entfaltet haben.

Sie wirkt doppelt so groß und kräftig wie noch auf der Erde.

Wie könnte sie dieses Geschöpf bei sich behalten, in ihrem kleinen Zimmer in den Arbeitslosenquartieren, wenn es ihm woanders so viel besser ergeht? Anne C. Welkensen senkt den Kopf und wendet sich langsam von ihrer Blume ab. “Passen Sie bitte gut darauf auf und geben sie ihr jeden Tag etwas zu trinken”, sagt sie entkräftet vor sich hin.

Der schicke Herr nickt stumm und schließt die Haustür von innen.

8 blume 2

Epilog

Das Cousinentreffen verläuft wie immer. Alle erzählen sich die neusten und alte Geschichten, von Lillis Hochzeit, von ihrer Werkstatt, von Billis Tierladen, von dem Streich, den sie ihrer Zieh-Cousine gespielt habt. Anne C. Welkensen nippt an ihrem Wasser und hört zu. Manchmal lacht sie mit, aber die meiste Zeit über denkt sie an ihre kurze Reise, von der sie erst vor ein paar Stunden zurückgekehrt ist.

Als sie nach fünf Stunden erstmals gefragt wird, was sich bei ihr im letzten Monat getan hat, murmelt sie, “Ach, nichts”, und denkt stolz an ihre Blume.

Wir machen es uns zu einfach: Lilly Wachowski und unser Irrglaube namens Binarität

Letztes Update: April 2018

Nachdem sich vor sechs Jahren die Filmemacherin Lana Wachowski erstmals öffentlich als Frau definierte, hat sich auch Lilly Wachowski vor zwei Jahren als Transfrau geoutet. Die meisten kennen die beiden Schwestern als Regisseurinnen des Science-Fiction-Klassikers Matrix. Auch die queere Netflix-Serie Sense8 stammt von ihnen. Der bittere Beigeschmack dieses Outings ist, dass Lilly Wachowski eigentlich noch mehr Zeit wollte, bevor sie die Öffentlichkeit in ihre Geschlechtsanpassung einweiht, sich jedoch vom Boulevard-Blatt DailyMail.com bedroht gefühlt hat. Ein Journalist hat ihr gegenüber die falschen Worte gewählt. Die DailyMail dementiert eine Nötigung, vielleicht war auch einfach Lillys Angst zu groß, die Kontrolle über ihre Geschichte zu verlieren. Wer kann es ihr verübeln, viele tun sich schwer mit dem, was sie nicht nachfühlen können. Aber es gibt auch eine gute Seite des Ganzen, nämlich, dass Lilly Wachowski einen bewegenden und humorvollen Text geschrieben hat, in dem sie sich ausspricht, die Presse an den Pranger stellt und ihre Sicht der Dinge darlegt. Die Leute redeten darüber, aber leider nicht so, wie Lilly und viele andere Menschen, die sich mit dem Thema beschäftigen, es gerne hätten, meist, weil schlicht die Sensibilisierung und das Vokabular für die Thematik fehlen.

Um also einer von ihr befürchteten Medien-Hetzkampagne zu entgehen, veröffentlichte Lilly Wachowski am 8.3.2016 auf der Chicagoer LGBTIQ-Seite Windy City News, dass sie die letzten Jahre auf folgende Schlagzeile gewartet habe: „SEX CHANGE SHOCKER—WACHOWSKI BROTHERS NOW SISTERS!!!“ Und genau diese Schlagzeilen kamen zuhauf. Der Spiegel griff die Problematik hinter diesen Schlagzeilen auf. Dort ist zu lesen, dass es zwar wichtig sei, dass es in den Medien sichtbare Transmenschen gibt wie Caitlyn Jenner, Orange Is The New Black-Darstellerin Laverne Cox und Moderatorin Janet Mock, doch sobald ein (Trans)Mensch medienwirksam geoutet wurde, verliere er die Kontrolle über seine eigene Geschichte. Der Spiegel hebt hervor, wo – neben der Gefahr, nicht für das Outing bereit zu sein – deshalb das eigentliche Problem liegt, was auch Lilly in ihrem Statement betont: Sie sei „transitioned“, aber nicht eben erst jetzt vom Mann zur Frau, sie „transitioned“ ihr ganzes Leben, so wie jeder einzelne von uns. Eine korrekte deutsche Übersetzung dafür, gibt es wohl (noch) nicht, wie auch der Spiegel anmerkt.

flag-1184117_960_720

Wir verändern uns unsere gesamte Lebensspanne

Lilly schreibt, es sei schwer für sie, Wörter wie „transgender“ und „transitioned“ zu verwenden, da im Mainstream-Dschungel ihre Komplexität verloren gehe und es heruntergebrochen werde von und für Leute, die ab und an davon in den (Mainstream)Nachrichten lesen. Dort gibt es dann bloß Männer oder Frauen. Transsexualität sei akzeptiert beziehungsweise wird sie verstanden geglaubt, aber nur in einer binären Welt, in der man entweder eine Frau oder ein Mann sein kann, sich sein ganzes Leben lang kaum verändert und irgendwann an den Punkt kommt, wo man von einem zum anderen wechselt. Als würden es sich Transmenschen aussuchen, per Fingerschnipp. Schnipp, Frau. Deal with it. So stellen es sich viele vor. Leute hätten zwar mittlerweile mitbekommen, wenn auch nicht unbedingt akzeptiert geschweige denn verstanden, dass das biologische Geschlecht sich nicht richtig anfühlen kann und es Geschlechtsanpassungen gibt. Lilly Wachowskis Text spricht daher den schwierigen Punkt der indoktrinierten Binariät an. Unser Leben sei komplexer als der binäre Entweder-Oder-Entwurf. Lilly Wachowski wehrt sich gegen einen binären Lebensentwurf:

But the reality, my reality is that I’ve been transitioning and will continue to transition all of my life, through the infinite that exists between male and female as it does in the infinite between the binary of zero and one. We need to elevate the dialogue beyond the simplicity of binary. Binary is a false idol.“

Anti-Binarität ist zu komplex für den Mainstream

„Binary is a false idol“, Binarität sei eine falsche Götze (holprige Übersetzung), schreibt Lilly Wachowski. Natürlich gibt es Frauen und Männer in einem gewissen biologischen Sinn, doch Menschen haben nicht nur ein biologisches Geschlecht, das ihnen zur Geburt verpasst wurde. Jeder hat eine Lebensspanne, eine sexuellen Orientierung, eine Identität und eine Ausdrucksform, die sich über diese Spanne hinweg immer wandeln werden, bei manchen mehr, bei manchen weniger, aber es passiert. Genau so, wie sich die Allermeisten mit 80 nicht immer noch zu 13-Jährigen hingezogen fühlen, wie sie es mit 13 taten. Leben bedeutet Entwicklung. Menschen fühlen sich im Laufe ihres Lebens zu den verschiedensten Menschen hingezogen, oftmals auch zu verschiedenen biologischen Geschlechtern.

Es ist unmöglich vorherzusagen, von wem wir uns in 30 Jahren angezogen fühlen werden und als wer wir uns in 30 Jahren fühlen. Unser eigenes Rollenempfinden wechselt, das einfachste Bild ist wohl der Wandel von der Tochter zur Mutter. Aber auch hier gilt: Jemand der Mutter ist, ist immer auch Tochter und immer auch nichts und beides davon, wenn sie möchte. Weniges ist so einfach, wie wir es gerne hätten, doch anstatt uns dafür zu schämen, so wenig zu wissen, sollten wir uns darüber freuen und dankbar sein, nicht ein Leben lang die dummen und unbeholfenen Teenager zu bleiben, die wir mit 13 waren. (Wenn das jemand liest, der 13 ist, und sich für das Thema interessiert, Hut ab!) Jeder wandelt sich sein ganzes Leben lang und diese Wandlung sollte von jedem Willkommen geheißen werden. Ich finde es wichtig, darüber zu reden, dass das biologische Geschlecht, die Gender-Identität, die sexuelle Orientierung und die Art, wie wir das alles ausdrücken, bei jedem anders aussieht. Einen interessanten Ansatz, dieses komplexe Thema verständlich zu machen, bietet beispielsweise die Genderbread Person von it’s pronounced METROsexual:Genderbread-Person
Natürlich wird auch vereinfacht, aber genauso wie wir uns hier auf Zick-Zack-Linien bewegen (können), ist niemand ein Jahr später noch dieselbe. Es ist keine Schande, seine Meinung zu revidieren, seine Ansichten zu überdenken und seine Erscheinung an sein Gefühl anzupassen, immer wieder aufs Neue. Manche, so wie Lilly, gehen dafür einen weiten, visuell offensichtlicheren Weg, auf den sich die Medien so gerne stürzen. Die stupiden Headlines des deutschen Boulevard-Giganten Bild und des österreichischen Pendants dazu, der Kronenzeitung, sind nicht umsonst identisch und im gleichen Maße peinlich: „Die „Matrix“-Brüder sind jetzt Schwestern“. So einfach ist das leider nicht, war es nie und wird es auch durch solch zur Schau gestellter Unreflektiertheit nicht.

Es ist ein Luxus, sich wohlzufühlen

Die Sichtweise, dass jemand nur ein Mann oder eine Frau sein kann, schmerzt viele Menschen, die sich ihre Identität nicht so leicht machen können. Manche haben nicht den Luxus, sich in ihrer Haut wohl zu fühlen, mit ihrem aufgedrückten Geschlecht wohlzufühlen. Diese Unsicherheiten ziehen nur in den wenigsten Fällen die in den Mainstream-Medien abgearbeiteten Fingerschnipp-Geschlechtsanpassungen nach sich. Viele stehen ihr Leben lang zwischen den Stühlen, wollen sich keinem der beiden biologischen Geschlechter zuordnen lassen. Aber wie sollen sie darüber reden und wie sollen sie verstanden werden, wenn es laut so vielen so etwas (in unserer Gesellschaft) gar nicht gibt/geben darf? Es fehlt vielen das passende Vokabular, überhaupt erst damit anzufangen, über Anti-Binarität zu reden, weil das Thema so wenig öffentlich verhandelt wird.

Ein Gedankenspiel: Was, wenn du dich weder als „Mann“ noch als „Frau“ fühlst oder in einer Umgebung lebst, die dich nicht als das akzeptiert, was du fühlst, dass du bist? Du hast einen Penis, also bist du ein Mann, du musst stark und kantig sein, Geld verdienen, mit (vielen) Frauen schlafen. Aber vielleicht willst du das nicht. Dann bist du verloren in deinem Körper und deinem Umfeld und darauf angewiesen, dass andere dich verstehen. Du musst erst den Findungsprozess durchlaufen, wer du bist, in einer Gesellschaft, die keine oder hauptsächlich abwertende Worte dafür hat, was und wer du bist. Nach einer Weile kannst du dich, wenn du Glück hast, vielleicht sogar artikulieren und formulieren, wie du dich fühlst, nur um dann auf Leute zu stoßen, die es nicht verstehen wollen/können und um in den Medien zu lesen oder am eigenen Leib zu erfahren, dass Menschen, die ähnliche Prozesse durchlaufen, misshandelt werden, zum Outing gezwungen werden, sich das Leben nehmen, weil sie keine Hoffnung mehr haben, deshalb ermordet werden. Lilly Wachowski schreibt auch über die überproportional hohe Zahl an Verbrechen an Transmenschen of color. Zudem haben nicht alle das Glück wie Lilly Wachowski, Familie, Freunde und Geld zu haben, um eine Geschlechtsanpassung zu vollziehen und mit eigener Stimme die eigene Identität zu formen, das weiß auch sie und schreibt es mit eindeutigen Worten nieder.

Nur weil etwas bisher nicht der Lebensrealität eines Menschen entsprochen hat, heißt das nicht, dass er sich nicht dafür sensibilisieren muss/soll/kann. Ebenso betrifft die Sturheit der Binarität alles zwischen und außerhalb von Hetero- und Homosexualität. Nur wer das verinnerlicht, kann klischeebefreit über Gender und Sexualität denken. Irgendwann müssen wir darüber reden können, dass wir geschlechtslos, schwul, lesbisch, bisexuell, pansexuell, asexuell, transgender und heterosexuell und noch viel mehr sind, als wäre alles dasselbe und jeder Mensch einzigartig, egal, was er in sich vereint, wo auch immer er auf unserer gepredigten binären Linie zwischen Mann und Frau steht. Worte haben wir dafür nicht viel, aber zu erkennen, dass Binarität nicht der richtige Weg ist, ist ein Anfang. Natürlich gibt es auch nur eine begrenzte Anzahl an Hormonen im menschlichen Körper, aber auch ohne Biologe zu sein, weiß ich, dass ihr Anteil variieren kann, nicht nur zwischen Männern und Frauen. Wer sich damit auseinandersetzt, dass es nicht nur Männer oder Frauen gibt, nicht nur heterosexuell oder homosexuell (und nichtmal das wird von der Mehrheit verstanden), der wird schnell feststellen, wie vielseitig wir sind.

Natürlich gibt es Transmenschen, aber woanders

Es gilt hier dasselbe wie für alle anderen Abweichungen unserer gesellschaftlichen Norm: Transgender existiert in vielen Köpfen. Medien überschütten uns mit simplen Headlines, aber das alles existiert ja woanders, bei irgendwelchen Künstlern, in anderen Ländern, in Hollywood, im Kino. Tatsächlich ist es aber ein Thema, das uns alle betrifft, denn die Gesellschaft muss sich wandeln und irgendwann soll es zur Normalität werden, über alles reden zu können. Irgendwann sollten wir über jegliche empfundene Andersartigkeit reden können, ohne dass wir uns beschämt wegdrehen und uns nicht trauen, nachzufragen, weil wir nicht wissen, ob es angebracht ist und wie wir überhaupt über so etwas reden sollen. Oftmals gilt auch einfach: Wenn wir etwas zu verstehen glauben, sollten wir so lange darüber reden, bis wir wieder Zweifel haben und damit bei uns selbst anfangen.

Mir ist auch klar, dass darüber reden nicht überall so „einfach“ ist wie an bestimmten Ecken Berlins, aber ich wünsche mir, dass ihr darüber redet. Redet mit euren Kindern darüber und gebt ihnen ein Gefühl mit auf den Weg, dass Dinge im privaten wie öffentlichen Kreis an- und ausgesprochen werden dürfen/sollen, aber möglichst im Takt und Ton der Betroffenen. Oder macht es wie meine Eltern und nehmt eure 12-jährigen Töchter mit zu einer Aufführung der Rocky Horror Show der eigenen Verwandten. Und bringt ihnen Menschen wie David Bowie näher, die sich ihr Leben lang gegen Stereotypen gewehrt haben. Auch unaufgeregte Serien zum Thema, beispielsweise Transparent, sind einen Blick wert. Sensibilisiert euch und eure Mitmenschen.

Transparent

Transparent (c) Amazon

Uns fehlt das Vokabular, lasst uns darüber reden

Da viele kluge Leute bereits viel kluge Theorie zum Thema geschrieben haben und ich auch keine Boulevard-wirksame Human-Interest-Story liefern kann, will ich mich nicht mit komplizierten Theorien oder herzergreifenden Tearjerkern aufhalten. Theorien sind auch nur ein Versuch, etwas zu verstehen, das sich so schwer in Worte fassen und kategorisieren lässt wie die eigene Identität. Aber genau darüber können wir schreiben, genau das sollte jeder von uns zu formulieren versuchen und darüber reden. Meine eigene Identität ist geprägt von dem Erkennen, dass ich nicht heterosexuell bin, davon, dass allein das Wort Bisexualität (Bi wie Binarität), das ich zeitweise auf mich angewandt habe, schon beinhaltet, gegen was ich mich zu wehren versuche. Ich habe einen nicht-heterosexuellen Freund und bin dankbar um seine Weltsicht und dankbar für die Erleichterung, meiner Familie gesagt zu haben, dass ich „bisexuell“ bin. Viele weitere Dinge beschäftigen mich, meine Identität betreffend. Dass ich mich nie vollständig mit Mädchensein und später Frausein und Weiblichkeit identifiziert habe, beschäftigt mich. Lilly beschäftigt mich. Der Prozess, den sie beschreibt, beschäftigt mich, denn dabei geht es nicht nur um das Dasein als Transmensch, es geht um Respekt vor dem Fremden und um ein Lebensgefühl, dass etwas, das wir noch nicht verstehen, uns bereichern wird. Ich gebe das Wort am Schluss noch einmal an Lilly ab. Danke für’s Lesen!

Now, gender theory and queer theory hurt my tiny brain. The combinations of words, like freeform jazz, clang disjointed and discordant in my ears. I long for understanding of queer and gender theory but it’s a struggle as is the struggle for understanding of my own identity. I have a quote in my office though by José Muñoz given to me by a good friend. I stare at it in contemplation sometimes trying to decipher its meaning but the last sentence resonates: „Queerness is essentially about the rejection of a here and now and an insistence on potentiality for another world.“ So I will continue to be an optimist adding my shoulder to the Sisyphean struggle of progress and in my very being, be an example of the potentiality of another world.“ (Lilly Wachowski)