Taxi Driver, Martin Heidegger und die Herrschaft des MAN

Filmklassiker randomly revisited #1

In der Benutzung öffentlicher Verkehrsmittel (…) ist jeder Andere wie der Andere.“ (Martin Heidegger)

Robert De Niro und Regisseur Martin Scorsese sind eines der heißesten Duos der Filmgeschichte. Tagein tagaus kutschiert De Niro als Taxi Driver Psychos, Politiker und Notgeile durch ein grindiges New York. „12 Hours at work and I still can’t sleep. Damn. Days go on and on. They don’t end. All my life needed was a sense of someplace to go. I don’t believe that one should devote his life to morbid self-attention. I believe that someone should become a person like other people“, denkt Travis Bickle alleine in seinem Bett, die Hände hinter dem Kopf verschränkt. Seine idealisierte Frau ist „just like the others, cold and distant“ muss er später einsehen. Travis hat das Verlangen, etwas zu tun, doch die Richtung, in die oder auf wen er zugehen soll, ist ihm nicht klar. Er will ein Mensch sein, wie all die anderen. „Don’t worry so much!“, wird ihm mit auf den Weg gegeben. Doch alles was bleibt, ist sein „“Well, I’m the only one here.“ Aber wie soll er sich keine Gedanken machen als sensibles, vom Vietnamkrieg vernarbtes Wesen, das alles um sich herum aufsaugt und zu verstehen versucht. Die Einsamkeit holt ihn immer wieder ein.

Die erste Hälfte von Taxi Driver wird bestimmt von Bickles Reaktionen auf seine Umwelt, auf den Straßenmob in New York, bevor er anfängt von alleine zu Agieren. „Here is a man who would not take it anymore!“, bestimmt Travis für sich. Die Stadt, sein Umfeld, die anderen machen ihn krank. Der Wendepunkt, von dem an es kein Zurück mehr gibt, ist nicht jener, als er einen Verbrecher erschießt, der sich im selben Laden wie der frischbewaffnete Bickle aufhält. Der Wendepunkt ist, als er seinen Fernseher zerstört, weil er das ewige Gefasel nicht mehr ertragen kann. Von da an zählen die eigens getroffenen Entscheidungen. Und die laufen aus dem Ruder.

Erfahrungen, die das Dasein erschließen, sind Langeweile und Angst, meint der deutsche Philosoph Martin Heidegger, der den selben Vornahmen trägt wie Scorsese und im selben Jahr starb, als Taxi Driver in den Kinos anlief. Erst wenn wir uns nicht im Trott der anderen Mittreiben lassen, werden wir zu eigenständigen Menschen. Heidegger beschreibt mit „der Herrschaft des MAN“ unser Leichtnehmen unseres Lebens, immer nur auf äußere Umstände zu reagieren. Diese Abgabe von Entscheidungen nimmt uns Verantwortung ab. So wird jeder zum anderen und keiner bleibt er selbst. Travis Bickle als Taxifahrer macht den ganzen Tag nichts anderes als auf Leute zu reagieren und sich anpassen, Anweisungen befolgen, zuhören, beobachten, dem Trott des zähen Straßenverkehrs folgen. Noch plakativer steht „sie“ dafür ein, das Mädchen, das er an seinem ersten Date in einen Porno ausführt. Mit ihrer netten Aufmachung und einer Arbeit, die „ganz okay“ ist, verkörpert sie die anderen, die sich nach Travis Meinung nicht menschlich verhalten, sondern bloß mit sich und ihren Dingen beschäftigt sind. Wir lassen uns von den anderen formen, indem wir versuchen uns von ihnen abzugrenzen.

Die junge Blondine, welche mitten im Wahlkampf für ihren Chef steckt, ist auf den ersten Blick Materialistin, legt Wert auf penible Erscheinung, ist prüde. Sie identifiziert sich mit dem, was sie hat und was sie konsumiert. Heidegger beschreibt unseren Drang nach Konsum als bestes Heilmittel gegen unsere (Todes)angst. Wer jedoch eigentlich leben will, muss das bloße Dasein ablegen und sein. Travis Bickles Rastlosigkeit, Schlaflosigkeit, Orientierungslosigkeit und Nicht-Zugehörigkeit verwandeln ihn immer weiter in einen Menschen, der die Angaben der anderen nicht länger erträgt. Er will etwas tun. Erst jemand, der seine Möglichkeiten reflektiert und sich eine davon bewusst auswählt, sei es aus Angst oder Langeweile, der ist und ist nicht einfach nur da.

Das macht man so. Den sollte man wählen. Das zieht man heutzutage an. Niemand steht ein für dieses „man“ und niemand muss sich dafür rechtfertigen. Spannend finde ich die Parallele zwischen Bickles Formulierung der „morbiden Selbstaufmerksamkeit“ der Menschen und Heideggers Auffassung, dass die Selbstbezogenheit auf uns und unseren Besitz uns vor der allgegenwärtigen Todesangst ablenkt. Travis verlangt, dass wir zu „normalen Menschen“ werden. Und (über)interpretieren wir noch ein Stück weiter, können wir auch den Präsidentschaftskandidaten als politischen und öffentlichen Menschen, der an Karriere und Ruhm arbeitet, Travis entgegenstellen, der des öfteren betont, wie wenig ihn Politik und damit die gegenwärtigen Themen der Öffentlichkeit interessieren, die man jeden Tag in der Zeitung liest. Der Handlungsfreiraum des Politikers ist stark eingeschränkt. Er will etwas in der Welt bewegen. Oder Ruhm. Oder beides. Doch nur wer sich von dieser Mitwelt befreit, erkennt die Illusion von Unsterblichkeit, welche Ruhm und Geld versprechen. Genau von dieser Unsterblichkeit ist Travis am Ende gar nicht so weit entfernt, nachdem er allen Regeln entsagte und seinen eigenen Pfad beschritt und sich selbst bestimmte. Travis will den Politiker erschießen, entscheidet sich dann aber dazu der jungen Prostituierten zu helfen und stillt damit seinen Drang auszubrechen, der mit der Zerstörung seines Fernsehers, dem ultimativen Unding der Massenhypnose, zwar nicht beginnt, aber besiegelt wurde.

Oder ist Travis Bickle in seinem Drang zu Handeln, weil er die Welt nicht länger erträgt, auch bloß Produkt der Umstände, identifiziert sich mit seinem wichtigsten Besitz – der Schusswaffe – und zelebriert die Orientierung am Haben mit derer exzessiven Anwendung? Eigentlich möchte Travis, dass alle „normal“ sind. Doch diese absurde Vorstellung eines „normalen“ Lebens, das man lebt, an dem er partout nicht teilhaben kann, lässt ihn Amok laufen. Die Orientierung an den anderen treibt ihn in den Wahnsinn und parodiert eine Gesellschaft, in der sich alle durch die Augen der anderen betrachten, um sich selbst der nächste zu sein.

Heidegger, Martin: Sein und Zeit, Tübingen: Niemeyer 1993.

Taxi Driver, Regie: Martin Scorsese, 1976.

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