Filmkritik: CHAINED (USA 2012)

dreistern

INHALT

Als ein kleiner Junge nachmittags sich mit seiner Mutter im Kino ausnahmsweise einen Horrorfilm ansehen darf, weiß er nicht, dass ihm der wahre Horror noch bevorsteht. Denn die beiden steigen daraufhin in das Taxi von Bob, einem Fahrer ohne Lizenz. Während dieser beim Taxifahren etwas Geld verdient, benützt er das Auto meist dafür „Beute“ zu fangen, zu sich nach Hause zu bringen, zu vergewaltigen und zu töten. Danach werden die zahlreichen jungen Frauen unterm Haus begraben. Als die Mutter des kleinen Jungen eben jenes grausame Schicksal ereilt, beschließt Bob sich das Kind zu behalten, in Rabbit zu nennen und als Haushaltshilfe zu gebrauchen…

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FILMKRITIK

Jennifer Chambers Lynch wirft uns mitten ins Geschehen. Ein kleiner, angeketteter Junge greift nach einer Holzboxt und nimmt einen Führerschein heraus. Da klingelt es und hektisch läuft er zur Haustür, um sie zu öffnen. Herein stapft eine männliche Erscheinung mit schreiender junger Frau im Schlepptau. Das Kind kann nur zusehen und sich anschließend unterm Küchentisch die Ohren zuhalten. Gleich von Beginn an werden in CHAINED die Karten auf den Tisch gelegt. Der psychologische Horror-Thriller geht unter die Haut. Stets werden den Zusehern kurze Einblendungen vergewaltigter, entführter und ermordeter Mädchen an den Kopf geworfen, die zwar nicht ausführlich sind, aber die Grausamkeiten ausreichend umreißen. Aufgeschlitzte Kehlen sind keine Ausnahme.

Kein Schauspieler wäre besser geeignet
für die Rolle des Psychopathen als Vincent D’Onofrio. Sein Talent einen kidnappenden, sadistischen Vergewaltiger darzustellen, durfte er bereits unter der Regie von Tarsem Singh im Fantasy-Horror THE CELL unter Beweis stellen. Kein zweiter weiß solch furchteinflößende Präsenz mit bemitleidenswertem Nichtwissen zu versetzen. Der 1,92 große Darsteller gibt schon alleine durch seine mächtige Erscheinung ein skurriles Paar mit dem kleinen, mageren Jungen, den er in seinem Bunker-artigen Haus im Nirgendwo angekettet hat, ab. Dieses Kind wächst jedoch schon bald zu einem hageren, geschlechtsreifen Burschen heran. Reif für seinen ersten Mord, denk sich Bob, der dabei gerne die Rolle des Mentors übernehmen möchte und das Täter-Opfer-Verhältnis mit einer dunkelgrotesken Vater-Kind-Beziehung verwechselt.

Skurril witzig und grausam diabolisch zugleich gräbt Lynch tief in diese Beziehung zwischen Kindesentführer, der den Jungen nicht haben wollte, und einem jungen Mann, der sich dem einzigen Menschen, den er in Jahren gesehen hat (der noch am Leben ist), moralisch überlegen fühlt, ihm körperlich aber nicht das Wasser reichen kann und daraus tiefe Hilflosigkeit und Ohnmacht entstanden sind. Ein ungleiches Duo, dass tagein tagaus die selbe Routine entwickelt und Blut schrubbend und Mädchen tötend sich irgendwo zwischen Snuffvideos und Anatomielexikas arrangiert hat. Doch auch wenn das, was Lynch uns offeriert, tatsächliche Handlungsweisen psychopathischer Individuen widerspiegeln könnte, dann wird alles Hintergrundgeschehen dennoch zu wenig skizziert, um ein befriedigendes Ganzes zu hinterlassen. Viel bleibt im Dunklen. Motivationsgründe für so manche Untaten und die Rolle der Polizei bleiben ein Mysterium. Der Zuseher bleibt mit wichtigen Fragen zurück, die absichtlich gestellt werden, und manche, die die löchrige Qualität des Drehbuchs aufzeigen.

Fazit:
CHAINED ist ein grausamer Kinoakt, ein Psycho-Thriller mit Charakteren, die sich in die tiefen Schluchten der menschlichen Seele gegraben und dort eingenistet haben. Darsteller hat Jennifer Lynch dafür die passenden gefunden, doch die Story lässt außerhalb der Täter-Opfer-Beziehung keinen Raum zur Entfaltung von ansprechenden Parallelhandlungen. So bleibt CHAINED ein verstörendes, tiefschwarzes Drama voller Blut und vergebenem Potenzial.

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