Gedanken zu RUSH (USA/GER/UK 2013)

Niki Lauda und ich

oder: RUSH aus der Sicht einer Österreicherin, die sich nie für Formel 1 interessiert hat

Niki Lauda war mir nie sonderlich sympathisch und dass er nicht der freundlichste aller Zeitgenossen war und ist, wird mit Ron Howards neuem Hollywoodfilm Rush nun auch einem globalen Kinopublikum bekannt. Der dynamische Formel-1-Film beleuchtet in erster Linie die Weltmeisterschaft 1976 und den Konkurrenzkampf zwischen dem britischen Playboy James Hunt (Chris Hemsworth) und dem österreichischen Vernunftsmenschen Niki Lauda (Daniel Brühl). Rush ist sicherlich etwas oberflächlich und pathetisch, und für Auto-Gegner wird so einiges an Abgasen produziert, doch neben einer spannenden und wirklich gut recherchiertenAufbereitung der historischen Details vermag er eines authentisch darzustellen: Niki Lauda.

niki-lauda

Stolz & Fremdschämen

Da ich auch aus Österreich komme, war ich erstens aus irrationalen Gründen ein klein wenig stolz meine Heimatsprache auf der großen Leinwand zu hören und vor allem auch auf diesen Wiener Dialekt gespannt, den Daniel Brühl schon im Trailer sehr angestrengt nachmachte. Und tatsächlich wirkte sein Herumtümpeln im „Bauerndialekt“, wie er manchmal von Freunden aus Deutschland genannt wird, weder befremdlich noch aufgesetzt. Brühl verkörpert den österreichischen Rennfahr-Weltmeister mit trockenem Humor und einem Akzent, der mich fremdschämen lässt, denn seine Aussprache der englischen Worte erinnert mich an jene unserer Spitzenpolitiker, die es leider nicht hinbekommen, ihr Englisch zu verbessern – immerhin konnte es der Niki fließend und speziell das Wort „asshole“ dürfte er wohl oft verwendet haben.

Heimatgefühle

In Österreich kennt einfach jeder diesen Mann mit der roten Kopfbedeckung. Ich bin sozusagen mit Niki Lauda aufgewachsen. Jeden Sonntag sah sich mein Vater das Formel-1-Rennen live im Fernsehen an und je nachdem, in welchem Land es stattfand, mal früh morgens, aber meist am Nachmittag. Da saß ich also genervt von den ständigen Motorengeräuschen aus dem Fernseher, dessen Programm doch so viel mehr Potenzial hat, als ständig Fußball oder Autos zu zeigen. Denn nicht nur gibt es da die Formel-1-Rennen. Da gibt es auch noch Trainings und Vorbereitungen und natürlich ist die Formel 1 längst nicht der einzige Motorsport, der im Fernsehen läuft. Doch diese Erinnerungen geben mir heute nach über 6 Jahren, die ich nicht mehr zu Hause wohne, doch sehr heimelige Gefühle. Zudem verbringe ich gerade ein halbes Jahr in Berlin und die Österreicher, viel mehr noch, der österreichische Dialekt fehlt mit durchaus ein bisschen. Früher ärgerte ich mich oft darüber an dem Hobby meines Vaters teil haben zu müssen, doch heute freue ich mich über diese prägenden Erfahrungen, die diesen Kinogang von Rush zu einem eindringlichen Erlebnis gemacht haben und mich zu einem sehr persönlichen Text zwangen.

Berechnende Präsenz

Mein Vater hatte lange Zeit ein Bild von James Hunt als Bildschirmhintergrund seines PC-Monitors, doch ich habe mich nie sonderlich für diesen Mann mit den langen blonden Haaren interessiert und Niki Lauda empfand ich schlichtweg als nervtötend. Denn der Niki mit seinem verbrannten Ohr ist seit Jahrzehnten im österreichischen Fernsehen präsent. Als früherer Formel-1-Fahrer ist er natürlich auch heute noch bei jedem Rennen vor Ort und gibt dem Österreichischen Rundfunk Interviews. Heute ist er zudem tagtäglich in Werbungen zu sehen und fliege ich mit flyniki zwischen Wien und Berlin hin und her, dann bekomme ich jedes Mal von ihm die Sicherheitshinwese vorgelesen. Und immer schon war dieser Mann berechnend und direkt, doch das weiß ich erst seit ich Rush gesehen habe. Sein Blick ist kalkulierend und seine Art macht keinen Hehl daraus, dass er nichts darauf gibt, was andere Leute von ihm halten, so lange er das tun kann, was ihm Spaß macht. All diese Präsenz und seine unsympathischen Charaktereigenschaften haben mich dennoch daran zweifeln lassen, dass Ron Howard ihn so darstellt, wie er tatsächlich ist. Doch ich habe mich geirrt. Als Bildschirmhintergrund eignet sich der schöne Hunt dann aber doch besser.

Kein Arschkuss

Rush versucht nie dem kühlen Rennfahrer eine nette Seite zu geben, doch beleuchtet er den Ehrgeiz, die Berechnung und den Spaß am Rennfahren so eindringlich, bis ich alles nachvollziehen konnte. Während Chris Hemsworth durchaus gut spielt und als James Hunt der schöne Macho sein darf, der jeden Tag auskostet und jedem Rennen seinen Magen entleert, so bleibt er doch im blass und im Schatten des Niki Lauda, aus dessen Sicht die Geschichte hier erzählt wird. Hunt starb mit 45 jungen Jahren an einem Herzinfarkt, während der vernünftige Niki heute noch auf Achse ist und seine Darstellung im Film mit Sicherheit kein Arschkuss ist. Ganz im Gegenteil: selten wurde ein noch lebender Mann so unsympathisch in einem Hollywoodfilm, in dem er der Protagonist ist, dargestellt. Selbst Niki Lauda schreckte sich ein bisschen bei diesem Porträt. Doch eines macht der Film klar – Niki wäre nicht Niki, wenn er nicht dazu stehen würde.

Im Flieger

Vielleicht ist es der trockene Humor und sein Zynismus, vielleicht ist es auch einfach nur die neue Perspektive auf sein Leben. Was auch immer es ist, Rush hat mir geholfen Niki Lauda zu mögen, obwohl es ihn wahrlich nicht als sympathischen Zeitgenossen porträtiert. Das nächste Mal, wenn mir Niki Lauda im Flieger die Sicherheitshinweise vorlest, werde ich an die Filmszene denken, in der er alle Fahrer versammelt, um abzustimmen, ob das Nürburgring-Rennen abgesagt werden soll, da die Wetterbedinungen einfach zu gefährlich wären. Und dann grinse ich, weil ich nun endlich die Ironie dahinter verstehe.

Es ist schon erstaunlich, dass mich ein Hollywoodfilm in einen Charakter blicken lässt, über den ich all die Jahre hinweggeblickt habe.

RUSH – ALLES FÜR DEN SIEG (USA/GER/UK, 2013)

Deutscher Kinostart: 3. Oktober 2013

rush5

Ein Gedanke zu „Gedanken zu RUSH (USA/GER/UK 2013)“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s