Filmkritik: MAMA (CAN/ESP 2013)

dreistern

INHALT

Den jungen Manager und Familienvater Jeffrey trifft die Finanzkrise so schwer, dass sich sein Verstand eines Tages ausklinkt. Er erschießt seine Frau und hat ebenso den Plan seine beiden kleinen Töchter Victoria und Lilly, sowie sich selbst zu ermorden. Doch dazu kommt es nicht und wie es das Schicksal so will, bleiben die beiden Mädchen ohne Vater in einer einsamen, eingeschneiten Waldhütte zurück. Fünf Jahre verbringen sie dort, denn dann entdeckt sie ein Suchtrupp ihres Onkels – der Bruder des Vaters hat nie aufgegeben, seine Nichten zu suchen und nun fest vor, die beiden verwilderten Geschöpfe bei sich zu Hause aufzunehmen. Seine Freundin Annabel macht ihm zu Liebe mit, doch Freude hat sie an Victoria und Lilly nur wenig. Zudem scheinen diese etwas Unheimliches aus der Waldhütte mitgebracht zu haben, das eine Bedrohung für die ganze Familie darstellt…

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FILMKRITIK

„Mama“ – das erste Wort vieler Babys und absolutes Zentrum kindlicher Geborgenheit und Abhängigkeit. Mutterliebe wird nicht umsonst als die stärkste Emotion, welche ein Mensch fühlen kann, bezeichnet. Im Falle der beiden Mädchen Victoria und Lilly in Andrés Muschietti erstem, abendfüllenden Film MAMA wird ihnen die Mutter brutal im Kleinkindalter entrissen, doch die folgenden fünf Jahre, welche sie mit voranschreitender Abmagerung und Verwilderung in einer abgelegenen Waldhütte verbringe, entwickeln sie eine starke Zuneigung zu einer weiteren Mutterfigur. „Mama“ nennen sie die Wände, dunkle Ecken und diese schwarze, unscharfe Figur, welcher sie abwechselnd mit Furcht und Vertrauen begegnen. Nach coolem, dynamischen Beginn konzentriert sich die ganze Handlung des Films auf diese titelgebende Mama, was sich in der zweiten Hälfte als etwas langwierig erweist, da keinerlei Nebenhandlungen Möglichkeit zur Entwicklung gegeben wird. Doch gekonnte Gruseleffekte werden schon dafür sorgen, dass eure Augen nicht zufallen. Vor allem in der ersten Hälfte gewinnt der Film unheimliche Spannung aus der Zweiheit von mörderischer Unbekannten und liebevoller Mutterfigur, deren Herkunft, Aussehen und Absichten erst noch offenbart werden müssen.

Produzent Guillermo del Toro (als Regisseur unter anderem für das Meisterwerk PAN’S LABYRINTH verantwortlich) war die treibende Kraft, welche aus dem Kurzfilm MAMÁ von Muschietti einen schaurigen Langspielfilm machen wollte. Als Hauptdarstellerin konnte er dafür die wandlungsfähige Jessica Chastain gewinnen, welche für MAMA ihre roten Haarpracht auf einen kurzen schwarzen Bob stutzt. Nach ihrer Rolle als naive Blondine in THE HELP, sowie knallharte CIA-Agentin in ZERO DARK THIRTY, beweist sie einmal mehr, dass sie eine der talentiertesten Schauspielerinnen ihrer Generation ist und trägt auch MAMA als Annabel auf ihren tätowierten Bassistinnen-Schultern zum aufgebauschten Finale. Sie verkörpert einen Charakter, der weit über den Tellerrand einer Scream-Queen hinausschreiten darf. Zu Beginn erfreut über den negativen Schwangerschaftstest, entwickelt sie sich zu einer ernsthaften Konkurrentin der ursprünglichen Mutterfigur der beiden Mädchen aus dem dunklen Wald. Eben dieser Spannungsbogen entpuppt sich Am Ende als Kernstück des vordergründig grusligen Films, der hier seine wahren Dramen-Qualitäten in einer fesselnden Charakterwandlung offenbart. Auch Nikolaj Coster-Waldau („GAME OF THRONES“) wirkt in seiner abrupten Doppelrolle als gelungene Besetzung zwischen besorgter und todesnaher Familienmensch.

 

Vom Horror-Standpunkt aus wird MAMA jedoch von dem selben Problem heimgesucht, das viele Gruselfilme verfolgt – sobald das unheimliche Wesen einmal vom Publikum gesichtet wurde, verschwindet seine schaurige Wirkung. Zwar gewinnt „es“ an dramatischem Gewicht, doch die mäßigen CGI-Effekte sprechen ihm jedwede Ernsthaftigkeit ab. Auch verlässt sich die Handlung zu sehr auf Grusel-Klischees – vom heimgesuchten Kleiderkasten, über Knochenreste Verstorbener, dem Motiv des Nachtfalters –, um wirkliche Spannung auf diesem Gebiet aufzubauen. Etwaige inhaltliche Kopfschüttler (wieso sucht man alleine in der Nacht eine verwunschene Hütte auf?) verweigern MAMA dann endgültig den Aufstieg in den Genre-Himmel. Doch die Verbindung von visuellen und auditiven Schockeffekten kann ungeübte Horror-Gucker schonmal aus dem Kinosessel heben. Das unschuldige Spiel der beiden Mädchen (Megan Charpentier und Isabelle Nélisse) hat dabei große Wirkung, wenn sie dem schwarzen Ungetüm in die Arme laufen.

Fazit:
MAMA entpuppt sich nach spannend rasantem Anfang als Gruselklischee mit dramatischem Wert. Die Menschen-Überreste aus vorangegangenen Jahrhunderten werden von Jessica Chastains Wandlungsfähigkeit erheblich aufgewertet. Andrés Muschiettis Schauer-Film erzeugt mit wenig Blut viel Schockeffekte und einigen klassischen Horror-Elementen viel Vorhersehbarkeit. Ein geeigneter Kandidat also für einen kurzweiligen Geister-Abend ohne eigenem Zutun.

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