Filmkritik: THE GREAT GATSBY (USA/AUS 2012)

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INHALT

Der hoffnungsvolle Nachwuchsautor Nick Carraway (Tobey Maguire) zieht 1922 aus dem Mittelwesten nach New York City, das von lockeren Moralvorstellungen, Jazz-Glamour, mächtigen Alkoholschmugglern und ins Astronomische steigenden Aktion geprägt ist. Auf seiner Suche nach dem amerikanischen Traum wird Nick der Nachbar des gemeinisvollen, rauschende Feste feiernden Millionärs Jay Gatsby (Leonardo Di Caprio). Auf der anderen Seite der Bucht wohnt seine Cousine Daisy (Carey Mulligan) mit ihrem Mann, dem blaublütigen Frauenhelden Tom Buchanan (Joel Edgerton). So erlebt Nick die faszinierende Welt der oberen Zehntausend und lernt ihre Illusionen, Romanzen und Täuschungsmanöver kennen. Eines Tages bekommt Nick eine persönliche Einladung von seinem Nachbarn für eine weitere legendäre Party zugestellt. Scheinbar als einziger geladener Gast entdeckt er bald, was hinter der Fassage von Jay Gatsby steckt und warum dieser so an ihm interessiert ist…

FILMKRITIK

Baz Luhrman ist ein Filmemacher des großen Pomps. Mit Pauken und Trompeten werden Ausstattung, Aufmachung und Emotionen in Gloria getränkt und über die Leinwand getrieben. Dieser Stil, ganz im Sinne eines samtig-glamourösen Roten Vorhangs ist bestens bekannt aus seiner gleichnamigen „Red Curtain Trilogy“, bestehend aus STRICTLY BALLROOM, WILLIAM SHAKESPEARES ROMEO & JULIA und MOULIN ROUGE. Dieses Jahr öffnet sich der Vorhang abermals mit Trommelwirbel bei der Eröffnung in Cannes für seine F. Scott Fitzgerald-20er-Jahre-Romanadaption DER GROSSE GATSBY und vereint die ausufernden Tänze, poetischen Zeilen und großen Liebesschwüre seiner Vorgänger, erstmals in 3D. Doch was als gut durchdachter Bilderrausch beginnt, versinkt schon nach kurzer Zeit in seinem eigenen Übermaß an allem.

Jay Gatsby und all seine rasanten Festivitäten, welche ihn in all ihrem Überschuss kalt lassen – fehlt doch das gewisse Etwas, nämlich das einzige, das er sich mit seinem Geld nicht kaufen kann – entpuppen sich als zutreffende Parabel auf den ganzen Film. Überladenheit vertreibt die Einzigartigkeit, Sprunghaftigkeit die Spannung, die Fülle negiert alle Liebe zum Detail und der Luxus den wahren Kern der Geschichte. Im Ansatz macht Baz Luhrman durchaus alles richtig. Seine sinnlichen und die Sinne überwältigenden Bildkompositionen füllen sich mit Zeilen der Buchvorlage, überlagern sich mit moderner Party-Musik und mystischer Atmosphäre. Zwischendurch schafft er es (so hat er doch gemeinsam mit Craig Pearce das Drehbuch selbst geschrieben) äußerst liebliche und lustige Momente zu kreieren, in welchen die stilisierten Figuren beinahe menschlichen wirken.


Es ist mit Sicherheit möglich, sich in den Film fallen zu lassen ohne sich dabei zu langweilen. Dies erfordert jedoch eine große Vorliebe für die „roaring twenties“, JAY Z (hier nicht nur als Produzent, auch als Soundtrack-Lieferant vertreten) und Luhrman-branded Extravaganza. Nichts spricht dagegen sich einer Buchvorlage in konträrem Stil zu nähern, und jeder, der Luhrmans Werke kennt, darf sich im Nachhinein nicht über ihre Fülle beschweren. Doch selbst diese eigens aufgetragene Unterhaltung gerät hier ins Wanken, wenn DER GROSSE GATSBY 142 Minuten viel zu lange und bis zum Ende kaum an der Oberfläche seiner fulminanten Welt kratzt.

Der eigentliche Hauptcharakter und Erzähler des Films ist nicht der titelgebende Gatsby, sondern sein zurückhaltender Nachbar Nick Carraway. Tobey Maguire als schüchterner Kumpel des großen Millionärs wird in der Filmwelt und auch der Wahrnehmung des Publikums auf die Ersatzbank verwiesen, während der gütige und doch so kontrollierte Grinser von Leonardo Di Caprio siegessicher an ihm vorbeizieht.

Dieser mysteriöse Jay Gatsby steckt voller Widersprüche. Seine Fähigkeit all den Reichtum zu genießen wechselt mit der Besessenheit einer ganz bestimmten Lebensvorstellung ebenso wie Nervosität und absolute Lässigkeit. Sein Festhalten eines Traumes und die katastrophal starre Verwirklichung eben dessen, würden eine große Fläche für dramatische Charaktertiefen bieten. Doch hier wird nichts angedeutet, denn alles wird gezeigt. Während Di Caprio einmal mehr für Luhrman wie ein Wahnsinniger für die eine Frau seines Lebens kämpft (und diesmal mit einem Plan), passen ihm der rosa Anzug und der beige Hut wie angegossen, doch darüber hinaus wachsen kann er nicht. Dazu fehlen ihm die dialogischen Möglichkeiten. Ebenso bleiben alle anderen Darsteller von Carey Mulligan (DRIVE) bis hin zu Joel Edgerton (WARRIOR) in ihren Kostümen stecken, welche perfekt sitzen, doch die Rolle scheint eine Nummer zu klein zu sein. Der Gastauftritt des indischen Superstars Amitabh Bachchan bleibt eines von wenigen isolierten Highlights in der interessanteren ersten Filmhälfte.

Fazit:
DER GROSSE GATSBY ist wahrlich zu groß geraten. Kostümphantasmen, Millionärsanwesen und ganz große Gefühle werden zur Tragfläche einer Buchadaption, die sich mit Überschuss und Überlänge selbst in die glitzernde Robe schneidet. Umso aufgeblasener die Produktion, umso härter müssen die Missgriffe der verschleuderten Unsummen benannt werden. Denn einzig die flüchtige Unterhaltung lässt sich als scheinbares Ziel erkennen. Doch DER GROSSE GATSBY bietet selbst den großen Eskapismus nur häppchenweise an und lässt den Spannungsbogen inmitten des wunderschönen Arrangements gern an der spiegelglatten Oberfläche auflaufen.

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