OSCARS 2013 – LINCOLN (USA 2012)

fünfstern

INHALT

Im Jahr 1865, als der Sezessionskrieg in Nordamerika zu einem Ende kommt und die Union die Südstaaten beinahe besiegt hat, will der 16. US-Präsident Abraham Lincoln (Daniel Day-Lewis) unbedingt den 13. Verfassungszusatz durchsetzen, welcher die Sklaverei in den USA endgültig und gesetzlich für immer verbieten soll. Dieses Vorhaben ist ein Lauf gegen die Zeit, da der Frieden jederzeit eintreten kann und die Südstaaten dies dann zu verhindern wüssten. Um jeden Preis will Lincoln genügend Stimmen im Kongress in den eigenen republikanischen und auch in den demokratischen Reihen sammeln für die Abstimmung über diesen 13. Verfassungszusatz. Und schließlich steht Lincoln vor der wohl wichtigsten Frage seines Lebens – soll er den Krieg beenden oder die Sklaverei abschaffen.

KRITIK

Sklaverei und politische Tatsachenberichte stehen hoch im Kurs bei den 85. Oscars und Steven Spielbergs 12 Mal nominiertes Historien-Drama LINCOLN vereint beides. Teils basierend auf Doris Kearns Goodwins Buch „Team of Rivals: The Political Genius of Lincoln“ verfasste Tony Kushner ein 550-seitiges Skript, woraus letzten Endes dieses epochale Werk voller Charme, Witz und Hintergründigkeit entstand. Spielberg beobachtete, dass in LINCOLN ausnahmsweise die Bilder in die zweite Reihe hinter die Worte treten würden, doch diese Worte – dynamische Dialoge und geschwungene Reden – muten nur als weiteres ästhetisches Stilmittel an, welches er dank der großartigen Darsteller für sein Drama zu nutzen weiß.


Nach einem kurzen Gewöhnungsprozess, dass Mitte des 19. Jahrhunderts noch die Republikaner die liberale, beinahe schon radikal innovative Partei formten, und die Demokraten – hier als das zurückgebliebene Böse dargestellt – die konservative Partei mimten, entwickelt sich der Politikdschungel zu einer zutiefst menschlichen Geschichte, deren historische Fakten zwar ab und an überspitzt oder um Vermutungen erweitert wurden, aber deren Effektivität als fiktionale Geschichte nicht angezweifelt werden kann. So effektiv, dass man sich am Ende nicht für die Sklaven freut, sondern für jene weiße Männer, welche ihnen die Freiheit ermöglichten. Einzig die Nebenhandlung mit Lincolns Sohn Robert und seiner komplizierten Beziehung zum Präsidenten, sowie Lincolns allen bekanntes Ende wirken aufgesetzt und dürfen sich als Mittel zum Zweck verstehen.

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Lincoln war ein Mann der Paradoxe: er war ehrwürdiger und doch witziger Zeitgenosse, liebender Familienmensch und öffentliche Figur, verspielter Geschichtenerzähler und gnadenloser Machtmensch. Der Tod zweier Söhne machten ihn verletzlich, während er stets Haltung bewahrte und für die größere Sache durchaus seine immense Macht zu missbrauchen wusste. Spielberg weiß die Vielschichtigkeit des 16. US-Präsidenten in sagenhaften Bildern zu porträtieren. Im Spiel mit Licht und Schatten, stets die allen bekannten Umrisse des markanten Charaktergesichts im Blick, lässt er neben ästhetisch gelungenem Ton, Schnitt, der Musik und den Farben dem Mann der Stunde der Vortritt: Daniel Day-Lewis, welcher sich einmal mehr als begabtester und hingebungsvollster Schauspieler unserer Zeit beweist. Lincolns hohe Stimme nimmt ihm keine Männlichkeit, während er sich vom Nörgeln seine stets gequälten Frau, eindringlich gespielt von Sally Field, in keine Opfer- oder Täterrolle drängen lässt. Als sympathische und kontroverse Figur nimmt Daniel Day-Lewis dem Mann mit Zylinder seinen Mythos und macht ihn zu einem Menschen aus Fleisch und Blut, dessen Erzählungen nicht nur die Leute im Film gespannt lauschen.

Das eindringlichste Einzelschicksal jedoch ereilt uns mit Tommy Lee Jones grandioser Darstellung des radikalen Kongressabgeordneten Thaddeus Stevens, welcher beispielsweise in TENNESSEE JOHNSON 1942 noch als Bösewicht dargestellt wurde. Doch die Zeiten ändern sich, die Bürgerrechtsbewegung formte neue Ansichten, und in LINCOLN darf er griesgrämig an der Seite der Guten für eine große Sache granteln.

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Fazit:
Spielbergs LINCOLN ist nicht nur eine spannende Geschichtestunde rund um das Ende des Sezessionskriegs und der Sklaverei in den USA, vor allem ist es die faszinierende, ästhetisch anspruchsvolle Erzählung eines großen Menschen, dessen wahrhafte Verkörperung durch Daniel Day-Lewis ihm Leben einhaucht und zu einer realen Figur werden lässt. Spielberg, einer der begabtesten Geschichtenerzähler unserer Zeit, hat einmal mehr die Toten zum Leben erweckt, denn am Ende bleibt der Wunsch sich mit Abraham Lincoln hinzusetzen und zu reden über Gott und die Welt.

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