OSCARS 2013 – Filmkritik: LIFE OF PI – Schiffbruch mit Tiger (USA 2012)

OSCAR-RENNEN:

11 x nominiert, 4 x gewonnen:

Beste Kamera, Beste Regie (Ang Lee), Beste Filmmusik, Beste visuelle Effekte, Bester Schnitt, Bester Filmsong, Bestes Szenenbild, Bester Ton, Bester Tonschnitt, Bester Film, Bestes adaptiertes Drehbuch

INHALT

LIFE OF PI- SCHIFFBRUCH MIT TIGER beginnt und endet in Montréal mit einem Schriftsteller, der auf der Suche nach Inspiration auf die unglaubliche Geschichte des Piscine Molitor Patel stößt. Als Junge zuerst für seinen Namen gehänselt und später von allen Pi genannt, wächst er mit seinem Bruder und seinen liberalen Eltern im Indien der 70er Jahre auf. Sein Vater leitet einen Zoo, wo Pi zwischen all den Tieren – allen voran ein Tiger namens Richard Parker – seine eigenen Ansichten über Trauer, Glaube und die menschliche, sowie animalische Natur, entwickelt. Als jedoch seine Eltern nach Kanada auswandern wollen, muss Pi nicht nur seine erste, große Liebe, sondern sein ganzes bisheriges Leben hinter sich lassen. Auf einem großen Frachtschiff wollen sie den Ozean überqueren, doch so faszinierend Pi die stürmenden Naturgewalten auf dem offenen Ozean auch findet, so unbarmherzig lassen sie das riesige Schiff sinken und Pi auf einem Rettungsboot auf dem offenen Meer zurück mit einem unerwarteten Reisegefährten: Richard Parker.

REVIEW

Bestseller, die als unverfilmbar gelten, haben das höchste Potential auf der großen Leinwand zu floppen, doch findet sich das passend ambitionierte Team, haben sie eine ebenso große Chance etwas Neuartiges und Innovatives zu schaffen, das es bisher noch nie gab. Yann Martels über sieben Millionen Mal verkaufter Abenteuerroman LIFE OF PI – SCHIFFBRUCH MIT TIGER aus dem Jahr 2001 ist eines jener Werke, an das sich bis vor kurzem niemand herangetraut hat aufgrund seiner komplexen und fantastischen Erzählungen voller ästhetischer Herausforderungen. Ang Lee (BROKEBACK MOUNTAIN, TIGER & DRAGON) nahm sich schließlich dem hervorragend umgesetzten Drehbuch von David Magee an und schuf einen Film der seinesgleichen sucht. Magee gewann bereits 2005 für FINDING NEVERLAND – WENN TRÄUME FLIEGEN LERNEN einen Golden Globe, sowie einen Oscar für sein Drehbuch und hatte auch heuer wieder große Chancen auf die begehrte Auszeichnung.

Zwischen all den soliden Nebendarstellern – angefangen bei Irrfan Khan als älterer Pi bis hin zu Gérard Depardieu in dem widerlichsten Kurzauftritt seines Lebens – gewinnt der kleine, 12-jährige Pi, gespielt von Ayush Tandon, das Herz des Publikums, wenn er in und mit sich Hinduismus, Katholizismus und Islamismus vereinen möchte. Auf dem offenen Meer mit einem ebenso hungrigen Tiger ums Überleben kämpfend zieht Newcomer Suraj Sharma seinen Kopf mit Humor und Naivität stets aus der wässrigen Schlinge. Seiner scheinbaren, kindlichen Leichtigkeit ist es zu verdanken, dass der Film, dessen Ausgang man von Anfang an kennt, nicht in düstere Melancholie der Verlassenheit abdriftet, sondern stets ein aufregender Kampf um das eigene Ich bleibt, beinahe schon ein Coming-Of-Age-Drama mit starkem Wellen- und Tiefgang. Ohne Pathos, doch mit umso mehr Herz und Verständnis für seinen Protagonisten, zeigt Ang Lee eine Reise, die keineswegs mit realistischen Grausamkeiten überzeugt, sondern vielmehr als stilisierte Irrfahrt durch das eigenen Bewusstsein eines alleingelassenen Jungen in bezaubernd fremder Umgebung ist.

Schon lange nicht mehr wurde 3D so effektiv und sinnvoll eingesetzt und mit einfachen Strukturen eine so bedeutungsschwere Geschichte vorgeführt. Nicht einmal Jack und Rose können mit der Titanic in 3D so atemberaubend im Eismeer versinken, wie es das Schiff in LIFE OF PI tut. Bei der Bilderflut, welche jeden Tag an unseren Augen vorbeizieht, kann sich ein solcher Film, der mit zahlreichen erstaunlichen, bezaubernden und beeindruckenden Einstellungen und Animationen im Gedächtnis bleibt, als sehenswert auszeichnen. Dass Richard Parker dem Computer entspringt, ist nach kurzer Zeit vergessen. LIFE OF PI schafft Momente, die alles andere als alltäglich sind und tief unter die Haut gehen aufgrund ihrer allesübergreifenden und -durchringenden Metaphorik und Bildgewalt. Dieser Kinobesuch ist Pflicht für alle philosphischen Abenteuer-Liebhaber. Unbedingt ansehen, so lange er noch auf der großen Leinwand läuft.

Und ausnahmsweise gibt’s hier eine 3D-Empfehlung, um die erschaffenen Meeres- und Tierwelten in voller Pracht genießen zu können.

Fazit:
LIFE OF PI – SCHIFFBRUCH MIT TIGER funktioniert auf zahlreichen verschiedenen Ebenen. Nicht nur ist die eigentliche Geschichte spannend und visuell atemberaubend umgesetzt, auch kann jedes Detail im Film als Metapher verstanden werden und letztlich der Film als eine einzige Fabel für das Recht auf Glaubensfreiheit. Und auch wenn der Wert dieser einzigartigen Erzählung weniger Ang Lee, als dem Romanautor Martell zu verdanken ist, so kann man nur staunen über die humorvolle und ästhetisch innovative Umsetzung des Regisseurs und seines Teams. LIFE OF PI ging nicht als größter Favorit ins Rennen um die begehrte Trophäe „Bester Film“, doch verdient hätte er ihn, da er die volle Kraft des Kinos von erzählerischer Spannung bis hin zu magischen Bildern auszuschöpfen weiß.

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