Filmkritik: MONEYBALL – Die Kunst zu gewinnen (USA 2012)

INHALT

Die wahre Geschichte der Oakland A’s handelt von Billy Beane, der einst als künftiger Baseball-Superstar gehandelt wurde, jedoch den hohen Erwartungen am Ende nicht gerecht werden konnte. Nachdem Billy auf dem Spielfeld versagt hat, wird er Manager einer Mannschaft und überträgt all seinen Ehrgeiz und Kampfgeist in diesen neuen Job. Zu Beginn der Spielsaison 2002 befindet sich Billy in einer schwierigen Situation: Sein Team, die Oakland A’s, kämpft mit finanziellen Schwierigkeiten und hat seine Star-Spieler (mal wieder) an reichere und bessere Clubs verloren. Fest entschlossen dennoch zu gewinnen, fängt Billy damit an das bisherige System des Spiels auf den Kopf zu stellen: Er sieht sich außerhalb des Baseball-Sports um, greift die Theorien von Bill James auf, die bisher keiner ernst genommen hat, und heuert den jungen Yale-Absolventen Peter Brand an – einen intelligenten, mit Zahlen jonglierenden Wirtschaftswissenschaftler. Scheinbar gegen jede Vernunft, kommen sie zu dem Schluss, dass sie sich Spieler holen müssen, die vom Rest der Liga entweder übersehen oder kalt gestellt worden sind, sich jedoch gemeinsam als starkes Team etablieren könnten…

REVIEW

2003 veröffentlichte der ehemalige Aktienhändler Michael Lewis ein Buch über Baseball, doch es ging nicht um die athletischen Züge des Sports, sondern um seine Zerlegung in Zahlen. Fakten, Prozentsätze, Strategien und Taktiken waren alles, was von diesem Lieblingssport der Amerikaner in dem umstrittenen Buch übrig blieb. Keine persönlichen Motivationen, charismatisches Auftreten, attraktives Aussehen und Weltruhm der Stars und Spieler zählten. Und genau das war Billy Beanes Ansatzpunkt, woraufhin er als Manager der finanziell benachteiligten Underdog-Mannschaft der Oakland A’s einen beispiellosen Siegeszug hinlegte. Es war ebenfalls der Ausgangspunkt vom Oscar-gewinnenden CAPOTE-Regisseur Bennett Miller und seiner Verfilmung MONEYBALL – DIE KUNST ZU GEWINNEN. Gemeinsam mit dem Kameramann Wally Pfister, welcher in allen von Christopher Nolans Filmen mitwirkte und zahlreich ausgezeichnet wurde, machte er sich auf, um Bilder des puren Realismus zu erschaffen. Denn Miller beherrscht Kunst des gelassen-souveränen Minimalismus, der ruhigen und beruhigenden Erzählweise, die nicht, wie bei den meisten Filmen, an unserer Oberfläche kratzt, sondern uns im Innersten berührt und den wahren Kern einer Sache oder Person erkennen lässt.

Billy Beane und Brad Pitt sind gar nicht so verschieden. Der Oakland A’s Manager Billy ist ein Mensch voller Selbstzweifel und verdrängtem Geltungsdrang, aber auch Mut und Innovation. Dies führt ihn zu immens beharrlicher Motivationen. Er scheut keine Risiken und darin steht ihm Brad Pitt nichts nach. Der Ausnahme-Schauspieler verbeißt sich nur zu gern in ehrgeizige Klasse-Projekte wie MONEYBALL. Er will es zielstrebig vorantreiben und alle, vor allem sich selbst, zu Höchstleistungen motivieren. Und das gelingt ihm ausnahmslos. Noch immer hat Brad Pitt die Erwartungen von seinen Rollen erfüllt (sei es INGLORIOUS BASTERDS, FIGHT CLUB oder RENDEZVOUS MIT JOE BLACK) und war (fast) immer Garant für hochqualitative Produktionen. Und dank Millers einfühlsamer Regiekunst gelingt es Pitt sich noch einmal selbst zu übertreffen und seine bisher beste Performance zu liefern. Gefühlsausbrüche, Gelassenheit und Undurchschaubarkeit prägen das komplexe Ego von Billy Beane, dessen Verkörperung Pitt wie auf den Leib gescheidert zu sein scheint. Fasziniert von Beanes persönlicher Regel, sich nie eines der Spiele seiner Mannschaft live anzusehen, weiß Pitt solche Eigenheiten in sich stimmig darzustellen – trotz inneren Konflikten bleibt er liebenswert und durchaus witzig.

Doch Pitt war nicht der einzige Volltreffer beim Casting. Der allein schon durch sein Aussehen für brachiale Komödien wie SUPERBAD oder MÄNNERTRIP geeignete Jonah Hill übt sich im Minimalismus und verleiht jeder einzigen Gesichts- und Körperregung so eine ganz besondere Wirkung. Billy und sein verkannter und schüchterner Berater Peter Brand, Pitt und Hill, gehen eine perfekte Symbiose ein, die ihnen Höchstleistungen ermöglicht. Beide zeigen sie ähnliche Charaktereigenschaften auf komplett andere Art und Weise. So wie Billy Peter braucht, weil er Köpfchen hat und Peter Billy braucht aufgrund dessen Möglichkeiten, so spielt es sich auch außerhalb der Filmgeschichte ab. Hill fungiert als smarter Side-Act, der sich neben Zugpferd Pitt nicht in die Ecke drängen lässt. Hier spielt niemand jemand anderen an die Wand, denn die beiden gehen eine perfekte Beziehung ein in Nachdenklichkeit, Selbstzweifel und Mutmachung. Und auch Philip Seymore Hoffman war für die kleinere Nebenrolle des Trainers ein sicherer Garant den beiden das Wasser reichen zu können.

Amerikaner verbinden Baseball oftmals mit ihrer Kultur und der eigenen Persönlichkeit. Doch als Nicht-US-Bürger kann es passieren, sich dem Sport so ganz und gar nicht verbunden zu fühlen. Man könnte meinen, das würde dem Film das gewisse Etwas rauben, doch dem ist nicht so. Regisseur Miller nimmt das Material, welches sich perfekt für ein romantisch-glorifizierendes Underdog-Sportdrama voller Tränen und Ehre eignen würde und sucht stattdessen nach den persönlichen Motivationen, Erwartungen und Enttäuschungen der Beteiligten zwischen den Zeilen der endlosen Statistiken. Die unkonventionelle Zugangsweise des Regisseurs zum Material verleitet aufgrund der Unterbrechungen durch Originalaufnahmen der Spiele und Spieler zu weniger Emotionen, und verleiht einen dokumentarischen Charakter. Und doch lässt es sich Miller nicht nehmen das Publikum zu fesseln und die einzelnen Schicksäler sowohl packend, als auch interessant darzustellen. Wer jedoch mit hohen Erwartungen ein mitreißendes Sport-Spektakel wie HELDEN AUS DER ZWEITEN REIHE erwartet, wird während der relativ langen Laufzeit von 133 Minuten vielleicht einschlafen oder zumindest zwischendurch hie und da gähnen, wenn er sich nicht darauf einstellt in diesem Drama auch zwischen und hinter die Bilder schauen zu müssen.

Fazit:
MONEYBALL – DIE KUNST ZU GEWINNEN führt uns vielerlei vor Augen. Zum einen, dass wir nie die fesselnde Kraft zweier harmonierender Schauspieler wie Brad Pitt und Jonah Hill unterschätzen darf. Zum anderen kann eine Underdog-Story, vermischt mit der Wissenschaft Sport auf Statistiken aufzubauen, naturalistisch und authentisch das Schicksal eines Vaters zeigen, der einfach nur sich und seiner Tochter beweisen wollte, dass er den Job wert ist. MONEYBALL lädt ein sich gemeinsam mit Billy Beane auf eine Reise ins Ich zu begeben. Und statt uns bloß ein paar Tränchen oder üppige Lacher zu entlocken, berührt der Film auf einer anderen Ebene. Diese fordert von seinen Zusehenden, viel von sich selbst in seine ruhigen Momente einzuschreiben. Und das alles, obwohl der Film auf dem Glauben an trockene Statistiken beruht.

Filmkritik zu MONEYBALL auf DVD-Forum.at

MONEYBALL auf IMDb.com

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