Filmkritik: IN TIME – Deine Zeit läuft ab (USA, 2011)

INHALT

In nicht allzu ferner Zukunft wird die offizielle Währung durch Zeit ersetzt. Mit 25 Jahren hören die Menschen auf zu altern. Sie sind genetisch so ausgestattet, dass sie nur noch ein Jahr lang überleben können, es sei denn sie schaffen es, sich einen Ausweg und somit mehr Zeit zu erkaufen. Die Reichen können sich Tausende Jahre und somit ewige Jugend und Unsterblichkeit erschleichen, während die Armen um jede einzelne Minute betteln müssen, um nur den Tag zu überstehen. In dieser Welt ist Will Salas einer der weniger Glücklichen. Jeden Tag erwacht er mit nicht mehr als 23 Stunden auf seiner tickenden Lebensuhr und muss sich jeden Tag aufs Neue das Leben erarbeiten. Als jedoch ein steinreicher Fremder in sein Leben tritt und kurz darauf stirbt, wird Will fälschlicherweise des Mordes bezichtigt. Er flieht in eine andere Zeitzone, um den Reichen alles abzunehmen, was sie haben…

REVIEW

Der neuseeländische Drehbuchschreiber und Regisseur Andrew Niccol hat eine Vorliebe für außergewöhnliche Welten mit Hang zur Sozialkritik. 1997 schickte er sein Publikum im Sci-Fi-Klassiker GATTACA in eine Welt voller Genmanipulation und perfekter Menschen. Mit THE TRUMAN SHOW schuf er ein Jahr darauf eine dystopische Zukunftsversion der totalen Überwachung eines Menschen und dem immer fortwährenden Reality-Wahn der Medien. Über zehn Jahre später konnte er für IN TIME, erneut ein Science-Fiction-Thriller aus eigener Feder, die beiden CHILDREN OF MEN – Produzenten Marc Abraham und Eric Newman an Land ziehen. Die Vorliebe dieser drei Männer für furchteinflößende Zukunftsvisionen prägen den Film.

Die Prämisse ist einfach. Zeit ersetzt Geld. Die Busfahrt kostet keine 10 Euro mehr, sie kostet zwei Stunden. Wer sich das nicht leisten kann, muss laufen – im wahrsten Sinne des Wortes. Zeit ist nicht nur Geld, Zeit ist Leben. Ausgehend von dieser originellen und visuell beeindruckend umgesetzten Zukunftsfantasie, erschöpft sich die daran angeknüpfende Story als plattes Roadmovie mit Tendenz zu ROBIN HOOD. Will Salas will genug Zeit für alle! Die reißerische Idee, welche in allen Filmen von Niccol im Mittelpunkt steht, würde sich wunderbar fortspinnen lassen und einen außergewöhnlichen Science-Fiction-Meilenstein erlauben. Jedoch sichert der Regisseur seinen Film lieber finanziell ab und versucht nicht weiter aus den typischen Storykonventionen auszubrechen. Niccol kehrt zudem die eine oder andere Erklärung unter den Tisch und bestückt sein Drehbuch mit zahlreichen Lücken im logischen Ablauf. Es scheint beinahe so, als wolle er einzelne, innovative Kniffe und gut durchdachte Szenen auf Biegen und Brechen aneinanderreihen. Dennoch wird es dem durchschnittlichen Sci-Fi-Blockbaster-Fan bei der furiosen Ausgangsidee und den souveränen Schauspielern ein Leichtes sein, darüber hinwegzusehen.

Hauptdarsteller Justin Timberlake, der sich spätestens seit THE SOCIAL NETWORK als ernsthafter Schauspieler wähnen darf, mimt Will Salas. Dieser ist einer von vielen mit Zeitknappheit geplagten Bürgern aus dem Ghetto. In einer Welt, wo die Menschen ab knackigen 25 Jahren nicht mehr altern, ist es schwer Schwester, Tochter und Mutter auseinanderzuhalten. So sorgt die Einstiegssequenz für einen Lacher, als Protagonist Will Salas die bezaubernde Olivia Wild, im wahren Leben jünger als Justin Timberlake, mit „Hi Mom!“ begrüßt und ihr einen Kuss aufdrückt. Amanda Seyfried hingegen spielt den ihrem Alter entsprechenden Sidekick von Timberlake mit feuerroter Perrücke. Sie war bei den Dreharbeiten die einzige tatsächlich 25-jährige unter den wichtigeren Rollen. Mit ihrer vorangegangenen, bunten Rollenauswahl an Teeniehorror (JENNIFER’S BODY), Musicalverfilmung (MAMA MIA!) und Werwolfromantik (RED RIDING HOOD) bewies sie nicht immer Stärke. Als entführte Milliadärstochter mit Rache- und Freiheitsgelüsten wirkt das junge Talent auch in IN TIME wie immer souverän, jedoch chronisch unterfordert. Der Funke zwischen dem Leinwandpärchen Seyfried und Timberlake scheint nicht überzuspringen, doch rein die Konvention scheint hier als Legitimation für ihre Beziehung auszureichen. Um den nötigen Geek-Faktor genregerecht mit in den Film zu bringen, übernimmt THE BIG BANG THEORY-Star Johnny Galecki die Rolle von Will Salas bestem Freund.

Auf der Seite der Bösewichte und Gegenspieler hat sich Niccol dann doch erlaubt, den 35-jährigen Cillian Murphey zu engagieren, um den gesetzestreuen Timekeepern eine kompetende Dimension zu eröffnen. Der spätestens seit seinem Durchbruch in Danny Boyles 28 DAYS LATER bekannte Ire mit dem soziopathisch bestechendem Blick und außergewöhnlichen Gesichtszügen zeigt auf beeindruckende und überzeugende Weise, wie man einen den speziellen Anforderungen des Drehbuchs gerecht wird und einen zweigeteilten Menschen darstellt – jung nach Außen und doch gealtert im Geist. Als einzige Figur, die sich treu an die Gesetze hält, wird der Timekeeper schon beinahe zum Sympathieträger, will er doch nur das System vor einem Zusammenbruch bewahren. Mit fröstelndem Lächeln und undurchschaubarem Blick steht ihm Multimilliardär Weis, gespielt von Vincent Kartheiser, als Nutznießer des Systems und eigentlicher Bösewicht zur Seite.

Fazit:

Andrew Niccols baut seinen Science-Fiction-Thriller IN TIME in alter Manier auf eine starke Idee auf, die den ganzen Film trägt. Auch wenn sich die Originalität schon nach kurzer Zeit in einer gängigen Hollywood-Story erschöpft. Justin Timberlake ist als Hauptrolle sicher richtig platziert, sowie Cillian Murphey als vielschichtiger Gegenspieler. Wer sich keine bahnbrechende Zukunftsvision mit all ihren sozialkritischen und –geschichtlichen Eigenheiten erwartet, wird von diesem rasanten und schön anzusehenden Spektakel sicher gut unterhalten werden.

IN TIME auf DVD-Forum.at

BATTLE: LOS ANGELES auf IMDb.com

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