Filmkritik: THE DREAMERS – Die Träumer (FR 2003)

INHALT

Der junge, konservativ erzogene Kalifornier Matthew studiert während der Mairevolution 1968 in Paris. Dort lernt er das unzertrennliche, französische Geschwisterpaar Theo und Isabelle kennen, welche dank ihrer wohlhabenden Eltern ein sorgloses Leben genießen können. Beinahe schon gelangweilt von der Vielfalt an Möglichkeiten sind sie jeden Tag im Kino anzutreffen, wo sie rauchen und sich mit anderen jungen Menschen austauschen. Als ihre Eltern für einen Monat die Stadt verlassen, wollen die beiden, dass Matthew bei ihnen wohnt. Nach und nach drängen sie ihn zu einer inzestuösen Orgie, bei der alle drei auch den letzten Funken Unschuld verlieren.

REVIEW

Es scheint, als würde dem italienischen Regisseur Bernardo Bertolucci jedes Jahrzehnt ein außergewöhnlicher Film gelingen. 1968 schrieb er an der Story zu dem wohl bekanntesten Italo-Western SPIEL MIR DAS LIED VOM TOD mit, 1972 beeindruckte er mit DER LETZTE TANGO IN PARIS und sein Drama der DER LETZTE KAISER räumte 1987 neun Oscars ab. Nach erfolglosen Produktionen in den Neunzigern, gestaltete er 2003 mit THE DREAMERS seinen vorerst letzten Spielfilm voller nostalgischer Erinnerungen und erotischer Fantasien. Dieses Erotikdrama ist gespickt voll mit Liebesgeständnissen an die Novelle Vague. Bertolucci macht sich auf die Suche nach einer Antwort für den damaligen Wandel der Gesellschaft. Er beschreibt die 60er Jahre als die schönste Zeit in seinem Leben. Sie erinnern ihn an gestärkte Demokratie und befreite Sexualität. 1968 war Bertolucci 28 Jahre alt, ein Vollblutcineast und ambitionierter Filmemacher. Jenes Jahr lässt er in seinem melodramatischen Kinofilm THE DREAMERS aufleben, jedoch nicht mit seinen eigenen Erlebnissen. Die erzählte Geschichte basiert lose auf Gilbert Adairs Roman The Holy Innocents. Adair schrieb seinen Roman für Bertolucci zu einem Drehbuch um. Daraus entstanden ist eine sowohl interessante, als auch langatmige Hommage an längst vergangene Zeiten und Faszinationen.

Bezüge zur Novelle Vague bestehen in THE DREAMERS unter anderem auf der Ebene der Besetzung. Die beiden Geschwister Theo und Isabelle werden von Louis Garrel und Eva Green dargestellt, welche beide Anfang der 80er in Paris in Schauspielerfamilien mit Novelle Vague – Bezug geboren wurden. THE DREAMERS war Greens erster Kinofilm, für welchen sie von Bertolucci persönlich von der Theaterbühne geholt wurde. Nachdem sie das erste Mal vor der Kamera mit Talent und Schönheit überzeugt hatte, war sie in den Blockbustern KINGDOM OF HEAVEN und als Bondgirl in CASINO ROYAL zu sehen. Dass von den beiden Franzosen gemimte Geschwisterpaar Theo und Isabelle kann und will ihre inzestuösen Fantasien nicht zurückhalten. Im Schoß des wohlhabenden Vaters wehren sie sich gegen die Selbstständigkeit und ziehen sich in die eigenen vier Wände zurück, um gemeinsam mit ihrem neuen neuen Freund Matthew zu dritt alle nur erdenklichen Träume auszuleben. Greens intensives Spiel und stechender Blick wird höchstens von Garrels arrogantem Auftreten überboten. Der kalifornische Student Matthew wird von einem verspielt naiven Michael Pitt dargestellt. Jener begann seine Film- und Fernsehkarriere schon 1999 in der Teenie-Serie DAWSONS CREEK. Voller jugendlicher Hoffnung und Elan stürzt sich Matthew in die neue Freundschaft, welche sich schon bald als ein aggressives Kräftemessen entpuppt. Als nachdenklich und konservativer Amerikaner wird er hier offensiven und aufgeschlossenen Franzosen gegenübergestellt. Wie eine unbekannte, dunkle Macht scheinen ihn die beiden Europäer in ihren Bann zu ziehen und auf eine sexuelle Reise in die unbekannten Gebiete des Tabus mitzunehmen. Bertolucci war bei den Dreharbeiten von allen drei Schauspielern begeistert, wie natürlich und unverklemmt sie sich in all den Nackt- und Sexszenen bewegen. Sie strahlen ein Körperbewusstsein aus, das auch die Zuseher staunen lässt. Während Bertolucci hier mit einer sehr expliziten Darstellung erotischer Fantasien und Bestrafungen hantiert, inszeniert er all diesen sexuellen Ausdruck aber sehr natürlich und authentisch. Von der Masturbation, über die Entjungferung bis hin zur Inzest, Ménage à Trois und Homoerotik wird alles auf verspielte, aber ernsthafte Art dargestellt – jugendliche Experimentierfreude, gesehen durch die Augen eines erfahrenen Mannes.

Neben der Sexualität steht das Kino als zweite Leidenschaft der Studenten im Vordergrund. Immer wieder blendet Bertolucci kurz originale Filmszenen von Werken aus der Zeit vor 68 ein. DER BLAUE ENGEL, JOHNNY GUITARE oder TOP HAT sind zu sehen. Die drei cinephilen Protagonisten spielen Szenen nach von filmgeschichtlichen Meilensteinen wie BAND Á PARTE von Godard, REBEL WITHOUT A CAUSE mit James Dean oder SCARFACE. Diese Kinobilder stehen schon zu Beginn des Films an erster Stelle. Theo, Isabelle und Matthew sitzen in der Cinémathèque français immer am nähesten zur Leinwand, um die Bilder auch als erste sehen zu können. Während Bertolucci grundlegende Fragen wie „Chaplin oder Keaten?“ und „Clapton oder Hendrix?“ diskutieren lässt, passt er den Soundtrack in nostalgischer Manier der Zeit an. Hits von The Doors und Bob Dylan stehen neben Janis Joplins und Edith Piafs Musik. Die Liebe zur Novelle Vague und den 1960ern ist in keiner Szene zu übersehen. Doch während sich Bertolucci in jeder Sequenz an der Sexualität der Darsteller oder der Leidenschaft zum Kino konzentriert, verliert das Coming-of-age-Drama zwischen Nostalgie und Pornografie an Fahrt. Er lässt den Zuseher mit vielen Eindrücken zurück, die sich nur schwer zusammensetzen lassen. Die natürlichen Bewegungungen der nackten Darsteller im Raum, sowie ihr sexuelles Spiel miteinander ist faszinierend und doch kann es die Spannung nicht aufrecht halten. Das subjektive Bild Bertoluccis seiner glücklichen 60er Jahre wird neben der komplexen Rahmengeschichte der Studentendemonstrationen und Revolution zu einem interessanten, aber langatmigem Kammerspiel.

Fazit:
Am Esstisch wird philosophiert, das Kino ist ein Ort der Rauchschwaden und der Befreiung. Die Jugend protestiert auf der Straße und die Revolution steht vor der Tür. Das ist Bertoluccis Paris im Jahr 1968. Sein Film soll der jungen Generation heute zeigen, dass es Filmbegeisterte waren, die den Pariser Mai und all die folgenden gesellschaftlichen Umschwünge herbeiführten. Und doch bleibt THE DREAMERS ein nostalgisches Alterswerk, dass diese aufregende Zeit in der Tradition der Novelle Vague Revue passieren lässt. Der Film scheint aus einzelnen Gemälden zu bestehen, aus einer Collage an schönen Körpern und Erinnerungen. Doch wenn das letzte teure Glas Rotwein getrunken und die letzte Zigarette im Kino ausgeraucht wurde, bleibt der Film bloß eine liebevolle Hommage, welche die Spannung allein ihrer Interpretation vorbehält.

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