Filmkritik: MIDNIGHT IN PARIS (USA 2011)

INHALT

Für den Amerikaner Gil geht ein Wunschtraum in Erfüllung, als er mit seiner Verlobten Inez und ihren wohlhabenden Eltern einen Urlaub in seiner Lieblingsstadt Paris verbringen kann. Seit seiner Jugend schwärmt er von der dortigen Künstlerszene der 1920er Jahre. Er wünscht sich damals in den „Roaring Twenties“ gelebt zu haben. Hemingway, Fitzgerald, Gertrude Stein – das sind die Idole des erfolgreichen Hollywood-Drehbuchautoren Gil. Doch sein Erfolg in Hollywood ist im zuwider, denn er möchte bloß als Roman-Schriftsteller ernst genommen werden. Ein Traum, für den seine Verlobte Inez jedoch kein Verständnis hat. Eines Abends bricht Gil alleine zu einem Mitternachtsspaziergang auf, und etwas Wundersames geschieht. Er wird von einer alten Limousine aufgelesen, die in geradewegs zu einer Party ins Paris der Zwanzigerjahre chauffiert, bei der er all seine Idole der damaligen Zeit kennenlernt. Umso weiter Gil sich in diese Welt hineinsteigert, desto weiter entfernt er sich jedoch von der Gegenwart und seiner Verlobten.

REVIEW

Woody Allens Filme haben beinahe alle eines gemeinsam. Kaum haben sie begonnen, fragt man sich, welch komische und unsympathische Figuren denn bloß auf der Leinwand zu sehen sind. Doch bereits nach wenigen Minuten ist man von der eigenen kleinen Welt dieser Neurotiker so gefesselt, dass man sie nie mehr verlassen möchte. Man lernt die Fehler der Menschen, die man auf der Leinwand beobachtet, lieben und muss in manchen Fällen noch lange nach dem Kinobesuch an sie denken. MIDNIGHT IN PARIS ist ein sensationell gelungenes Beispiel dafür. Auch hier verwendet der 75-jährige Altmeister Allen seine beliebtesten und aus zahlreichen anderen seiner Werke bekannten Themen, wie den Neurotiker (ANNIE HALL, für welchen er im Jahr 1977 drei Oscars gewann, WHATEVER WORKS), wunderschöne Frauen und daraus resultierende Seitensprünge (VICKY CHRISTINA BARCELONA, MATCH POINT).

Woody Allen dachte bei der Hauptrolle des Gil zuerst eher an ein junges Abbild seinesgleichen, also an einen Intellektuellen von der Ostküste. Doch als Casting Director Juliet Taylor ihm Owen Wilson vorschlug, schrieb Allen das Drehbuch noch einmal um und ermöglichte Wilson die Rolle eines facettenreichen Kaliforniers. Multitalent Owen Wilson, der schon in erfolgreichen Actionblockbustern (ARMAGEDDON), unterhaltsamen Tragikomödien (THE DARJEELING LIMITED) und zuletzt auch in weniger gelungenen Liebeskomödien (HOW DO YOU KNOW) zu sehen war, scheint auf den Geschmack des leichten und romantischen Tons gekommen zu sein. So greift er zielsicher zu Woody Allens originellem und charmanten Drehbuch von MIDNIGHT IN PARIS. Seine Leinwand-Ehefrau Inez wird von Rachel MacAdams gespielt, die Scarlett Johansson den Rang als Allens Liebling abzulaufen scheint. Schon bei WEDDING CRASHERS (2005) stellten Wilson und MacAdams ein Liebespaar dar. MacAdams liefert eine frische Performance und zeigt einmal mehr, dass sie sowohl ernst, als auch witzig sein kann. Inez und auch Gil bekommen beide im Laufe der Geschichte Gegenspieler, jeweils gemimt von Michael Sheen (hervorragend als Tony Blair in THE QUEEN) und Marion Cotillard. Obwohl sie 2007 einen Oscar für ihre Performance als Edith Piaf in LA VIE EN ROSE erhielt, wird sie aber den meisten als manische Ehefrau von Lenoardo DiCaprio in Nolans Meisterwerk INCEPTION ein Begriff sein. Cotillard verzaubert auch in diesem Film mit ihrem mysthischen Charme. Kein Wunder, dass ihr die Rolle der geheimnisvollen und umworbenen Muse Adriana wie auf den Leib geschnitten zu sein scheint. Michael Sheen hingegen verleiht dem Film durch seinen Part des intellektuellen Klugscheißers viel Witz und amüsiert die Zuseher mit seiner Pedanterie. In einer besonders lustigen Szene legt er sich mit der Museumsführerin an und wirft ihr vor, geschichtliche Details verwechselt zu haben. Diese wird übrigens von niemand geringerem gespielt als der First Lady von Frankreich, Carla Bruni, selbst. Allen schlug ihr die Rolle spontan beim Frühstück im Hause Sarkozy vor, und sie sagte ebenso spontan zu, ein paar Tage am Set vorbeizukommen. In weiteren Nebenrollen sind die wie immer hervorragend spielenden Oscarpreisträger Kathy Bates als Kult-Lektorin Getrude Stein und Adrian Brody als Maler-Legende Salvador Dali zu sehen. Woody Allen weiß um die Qualitäten jedes einzelnen seiner Schauspieler und setzt diese perfekt in Szene, sodass ein interessantes Zusammenspiel der unterschiedlichsten, großartig dargestellten Charaktere entsteht.

MIDNIGHT IN PARIS ist Woody Allens persönliche Liebeserklärung an Paris. Er formt seinen Film zu einer Ode an die Stadt des Lichts und empfindet sie New York als ebenbürtig. Denn während des Drehs für WHAT’S UP, PUSSYCAT im Jahre 1965 verliebte er sich in die französische Hauptstadt. So wie die Hauptfigur Gil bereut er es ein klein wenig, nicht bei seinem ersten Besuch in Paris gleich dort geblieben zu sein. Doch das wäre damals ein zu großes Abenteuer gewesen. Es macht dem Regisseur jedoch großen Spaß, diese magische Stadt dem Kinopublikum durch seine eigenen Augen zu präsentieren. Daher gestaltet er den Beginn des Films auch als minutenlange Hommage an die schönsten Plätze in Paris. Die Locations des Films reichen von dem bekannten Shakespeare & Co.-Buchladen, über das Gelände und den Spiegelsaal von Versailles, bis hin zu Monets Gärten in Giverny, den Gärten von Nôtre Dame und unzähligen bekannten und prunkvollen Museen, Restaurants und Plätzen in Paris. MIDNIGHT IN PARIS funktioniert unter anderem deshalb so gut, da er selbst für alle, die noch nie in Paris waren, geschweige denn sich jemals mit der Stadt beschäftigt haben, genügend zu bieten hat. Selbst in der Pariser Kunstszene der 20er Jahre muss man kein Experte sein, um all die dargestellten Figuren interessant und amüsant zu finden. Der Pianist Cole Porter sitzt bei der Party in den 20ern am Klavier, wobei Gil in der Gegenwart dann dessen Platten am Flohmarkt kauft. Getrude Stein liest sich Gils unfertiges Skript durch und der Maler Pablo Picasso bekommt neben ihm einen Wutanfall. Das Kult-Skandalpärchen F. Scott und Zelda Fitzgerald tragen ihre Beziehungsprobleme rund um Gil aus, während die Muse Adriana mit dem Schriftsteller Ernest Hemingway nach Afrika durchbrennt. Und Salvador Dali redet bloß von Nashörnern. Gil blüht in den „Roaring Twenties“ auf, da die anderen, bekannten Künstler ihn auf Augenhöhe sehen und sein Werk interessant finden. Dies alles beflügelt die Fantasie, nicht nur von Gil, sondern auch der Zuseher. Woody Allen möchte Hoffnung aufkommen lassen und zelebriert dadurch nicht nur das Kino als Ort der unendlichen Möglichkeiten, sondern auch das Leben selbst. Nicht umsonst erhielt dieses Meisterwerk minutenlangen Applaus und stehende Ovationen als Eröffnungsfilm für das 64. Festival du Cannes.

Fazit:
Der optimistische Grundton von MIDNIGHT IN PARIS ist für Allens Filme nicht selbstverständlich, doch könnte der Regisseur niemals einen Film über Paris drehen, bei dem das Publikum den Saal mit einem unguten Gefühl verlässt. Stattdessen zaubert er ein Lächeln auf die Lippen aller Träumer, Literaten und Kinoliebhaber. Mit großartigen Schauspielern, einem originellen Drehbuch und seiner Liebe für Paris ist ihm eine romantische und kluge Komödie gelungen, die uns eine Geschichte über den hohen Wert des Lebens erzählt. Der Film ist jedem zu empfehlen, der endlich wieder einmal mit richtig guter Laune aus dem Kino gehen möchte.

Filmkritik zu MIDNIGHT IN PARIS auf DVD-Forum.at

MIDNIGHT IN PARIS auf IMDb.com

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