Filmkritik: LAST NIGHT (USA/FR 2010)

INHALT

Michael und Joanna Reed sind ein junges, attraktives Paar, das seit drei Jahren glücklich verheiratet in New York lebt. Was Michael seiner Frau jedoch verschwiegen hat, ist seine Hingezogenheit zu der hübschen Arbeitskollegin Laura. Auf einer Party entdeckt Joanna diese Anziehung zwischen den beiden und macht sich Sorgen über deren anstehenden gemeinsamen Businesstrip. Während ihr Mann bereits zu diesem Wochendtrip aufgebrochen war, wird Joanna von ihrer alten Liebe Alex aufgesucht, welcher nach einem Arbeitsaufenthalt noch eine Nacht in New York verweilt. Die beiden hegen alte Gefühle füreinander und eine lange Nacht voller Versuchung beginnt. Doch nicht nur für Joanna, denn Laura hat es offensichtlich auch auf Michael abgesehen.

REVIEW

Ab wann betrügt man seinen Partner? Das überlegt sich wohl jeder Zuseher des Seitensprungdramas LAST NIGHT schon nach kurzer Zeit. Fängt es beim Verlangen danach an, oder bei Gefühlen für jemand anderen? Bei einem Kuss oder doch erst bei Sex? Mit diesen Fragen sehen sich auch die beiden Hauptdarsteller Keira Knightly und Sam Worthington konfrontiert. Sie mimen eine moderne Ehe in Manhatten, die sich beweisen möchte, sich selbst zu genügen. Tut sie aber nicht. Die beiden Partner kämpfen mit ihrem eigenen Verlangen nach mehr und wollen den Gefühlen und der Lust vorerst keinen freien Lauf lassen. Als junges Ehepärchen sind Situationen, die Eifersucht aufkommen lassen, beinahe unvermeidlich. So auch hier. Die Drehbuchautorin Massy Tadjedin, welcher wir den Psychothriller THE JACKET zu verdanken haben, inszeniert in ihrem Spielfilmdebüt LAST NIGHT ihre eigens geschriebene Geschichte mit einer nur sehr selten gesehenen Einfühlsamkeit.

Die realistische Darstellung von Intimität und Beziehungen ist vor allem Keira Knightly und dem ihr gegenübergesetzten vor Charme und Zerissenheit glühenden Guillaume Canet zu verdanken. Während Sam Worthington und Eva Mendes eine platte und oberflächliche Anziehung simulieren, die zwischen ängstlichem Herantasten und sexueller Spanung hin und her pendelt, gehen Knightly und Canet einen Level höher (oder tiefer?) auf die emotionale Ebene. Der verheiratete Mann und die Single-Frau denken nur an Sex, die verheiratete Frau und der ebenfalls vergebene Mann lassen alte Gefühle wieder aufflammen, nie verarbeiteten Schmerz zu Leidenschaft und Sehnsucht werden. Die Spannung zwischen den beiden nimmt den gesamten Raum ein. Knightly als erfolglose Autorin, die einen aufregenden, inspirierenden Moment in ihrem Leben brauchen könnte, und Canet, der seinen alten Gefühlen erliegt. Hier spielt der Sehnsuchtsmoment gegen die anstehende Ewigkeit danach, Lust gegen Liebe und Trieb gegen Vertrauen. Bis zum Ende ist unklar, welchen Ausgang die Geschichte nehmen wird. Die Charaktere wissen es selbst nicht. Das Ehepaar Joanna und Michael wollen weder den anderen, noch sich selbst betrügen. Die interessante Gegenüberstellung des körperlichen und des emotionalen Hintergehens scheint zuerst aufgesetzt, macht später aber durchaus Sinn. Die Regisseurin gibt keine Wertung ab, was die größere Schandtat sei.

Massy Tadjedin entwirft in LAST NIGHT vier Charaktere voller Fehler und Sehnsüchte, die sich gegenseitig in Situationen befördern, aus denen kein Gewinner hervorgehen kann, sonder vier Verlierer und Anti-Helden des tatsächlichen Lebens. Sie setzt sich mit dem Thema auf eine ernste, und keinesfalls leicht zu verdauende Art und Weise auseinander. Es scheint bei dieser präzisen Darstellung einer breiten Palette an Emotionen nur naheliegend, dass die selbe Frau, welche das Drehbuch geschrieben hat, auch Regie führte. Sie zeigt sich als eine Beobachterin von intensiven Gefühlen und Traurigkeit. Sie wirft die konventionellen, moralischen Vorstellungen über Bord und doch findet man immer wieder einen Ansatz sie einzuhalten. Der Film wirft sehr viele Fragen auf, die er nicht beantwortet. Kann auch in einer heilen Bezieung ein Ausrutscher passieren? Könnte ich einen Seitensprung mit meinem Gewissen vereinbaren? Könnte mir mein Partner verzeihen? Würde ich mir selbst verzeihen?

Fazit:
Der Film erfordert keinen hohen Intellekt, aber ein tiefgreifendes emotionales Verständnis von Beziehungen und gefühlsgeladenen Situationen, die man meist selbst erlebt haben muss, um sie zu verstehen und beurteilen zu können. Wer keine Lust auf Gefühlsverwirrungen, Beziehungsstress und verlorene Seelen hat, der sollte wohl zu einem eher heiteren Film greifen. Denn LAST NIGHT ist das Gegenteil eines Feel-Good-Movies. So könnte es durchaus passieren, sich nach dem Film in einer nachdenklichen Stimmung wiederzufinden. Jedoch um ein paar interessante und heikle Fragen im Hinterkopf reicher.

LAST NIGHT auf DVD-Forum.at

LAST NIGHT auf IMDb.com

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