Filmkritik: EL SECRETO DE SUS OJOS – In ihren Augen (ESP 2010)

INHALT

Argentinien im Jahre 2000. Der pensionierte Kriminalbeamte Benjamin Espósito versucht über einen besonderen Abschnitt seines Lebens einen Roman zu verfassen. Denn seit über 25 Jahren haben ihn die Erinnerungen an einen alten Fall nicht losgelassen. Er beschließt seine unerreichte große Liebe und damalige Kollegin, die Richterin Irene Hastings, aufzusuchen, um in ihrer Beziehung zueinander und in dem besagten Kriminalfall endlich ein befriedigendes Ergebnis zu erzielen. Alles begann 1974, als im korrupten Argentinien ein junges Mädchen vergewaltigt und ermordet wurde. Benjamin war gemeinsam mit seinem alkoholabhängigen Kollegen Sandoval und Irene eingeteilt, den Mord aufzuklären. Bald versuchen Benjamins Vorgesetzte jedoch seine Ermittlungsarbeit zu unterdrücken. Dennoch verstrickte sich der Beamte immer tiefer in den Fall und dessen Betroffenen, sodass er 25 Jahre später noch daran nagen würde.

REVIEW

Im Hinblick auf die (auslands)oscargekrönte Regiearbeit von Juan José Campanella gibt es bloß zwei Momente im Film, die einen spüren lassen, dass man sich gerade keinen Hollywoodfilm ansieht: der kurze Blick auf ein männliches Gemächt und die liebevolle Inszenierung eines mit bebenden Fans gefüllten Fußballstadions. Nicht verwunderlich ist hier die Tatsache, dass der Argentinier Campanella schon bei mehreren Dutzend Episoden erfolgreicher amerikanischer Serien Regie führte, darunter LAW & ORDER und HOUSE M.D.. Seine Erprobtheit im Krimigenre ist den ganzen Film über ein Genuss, denn der erzählt das lückenlose Drehbuch in einem kontinuierlichen Fluss. Einige wenige Momente, die geschulten Krimisehern als zu langsam oder vorhersehbar erscheinen mögen, wirken angesichts der fesselnden Dialoge jedoch nicht weiter erwähnenswert. Schon zu Beginn fällt auf, dass sehr viel Wert auf die auditive Ebene gelegt wird. Gespräche verschallen hinter einem pfeiffenden Teekessel und Bilder lassen Gedanken verstummen. Fließende Übergänge werden geschaffen. Die Bemühung, den Zuseher auf diese Art noch weiter in die Geschichte einzubinden, gelingt.

How do you live a life full of nothing?

Den Film als Krimi abzustempeln, würde ihm aber keineswegs gerecht werden. Vielmehr ist mit diesem Genre ein Rahmen geschaffen, der mit Elementen des Dramas und der Romanze gefüllt wird. Um nicht zu weit ins Düstere abzudriften, wird die bedrückende Stimmung den ganzen Film über konstant durch den subtilen Humor der Charaktere aufgelockert. IN IHREN AUGEN hält viel mehr Lacher bereit, als man vermuten würde. Es gibt aber beinahe keinen Witz, der nicht von stillem Leiden und melancholischer Musikuntermalung begleitet wird. Campanella selbst beschreibt als „treibende Kraft“ seines Filmes die „unerklärte Liebe“ zwischen Benjamin und Irene, sowie die „Frustration und Leere, die die Hauptcharaktere empfinden“. Tragische Wendungen gehören ebenso zu seinen Zutaten wie Romantik und Ekel. Keines davon drängt sich in den Vordergrund, alles zusammen ergibt eine runde Geschichte, von der man keine Minute versäumen möchte.

If you keep going over the past, you’re going to end up with a thousand pasts and no future.

Mit Ricardo Darin als Benjamin und Soledad Villamil als Irene wurden zwei ausdrucksstarke Schauspieler engagiert, die den schmalen Grad zwischen Hoffnung und Hoffnungslosigkeit entlanggehen, ohne auf eine Seite zu fallen. Und auch jene Schauspieler, die auf der Seite der „Bösen“ stehen, hinterlassen einen erschreckend bleibenden Eindruck. Doch in diesem Kontext muss der Maske großer Respekt gezollt werden: Selten wurde ein Schauspieler bei einem Zeitsprung von 25 Jahren sowohl als jüngere, als auch ältere Person dermaßen realistisch dargestellt, so dass man ihm beide Alter sofort abnimmt. Und das bei allen Hauptcharakteren.

Fazit:
IN IHREN AUGEN vereint die melancholische Leere skandinavischer Krimis mit einem Temperament, wie man es von Almodovars Charakteren kennt. Es lässt sich darüber streiten, ob nicht ein anderer Film den Aslandsoscar 2010 eher verdient hätte, da IN IHREN AUGEN sicher der hollywoodähnlichste aller Kandidaten war. Das Prädikat „sehr sehenswert“ verdient er dennoch zweifellos. Nicht nur in den Augen all jener, die immer schon einen Wallander-Krimi nach Argentinien verlegen und ihn mit der Hitze des Landes durchtränken wollten.

Filmkritik zu EL SECRETO DE SUS OJOS auf DVD-Forum.at

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