Filmkritik: HANNA – Wer ist Hanna (USA 2011)

vierstern

INHALT

Hanna ist zwar noch ein Teenager, aber unterscheidet sich stark von anderen jungen Mädchen ihres Alters: Sie verfügt bereits über die Stärke, Ausdauer und Fähigkeiten eines Soldaten. Ihr Vater, ein ehemaliger CIA-Agent, hat sie in der Wildnis von Finnland großgezogen und alles daran gesetzt, sie durch jahrelanges Training zu einer perfekten Killerin zu erziehen. Sie beherrscht unzähliche Kampfsportarten und Sprachen. Auf dem Weg des Erwachsenwerdens erfährt Hannas Leben einen dramatischen Wendepunkt, als ihr Vater sie erstmals auf eine Misssion hinaus in die Welt schickt. Auf der Flucht vor der CIA reist sie quer durch Marocco und Europa, muss dabei Agenten entwischen, die eine skrupellose Geheimdienstleiterin auf Hannah angesetzt haben. Als diese sich ihrer ultimativen Zielperson jedoch nähert, wird Hanna plötzlich mit verblüffenden Enhüllungen über ihre eigene Existenz und unerwarteten Fragen über ihre Menschlichkeit konfrontiert.

REVIEW

Für das 2007 erschienene Drama ATONEMENT castete Regisseur Joe Wright das damals noch unbekannte Mädchen Saoirse Ronan. Als Peter Jackson sie zwei Jahre später für THE LOVELY BONES engagierte, änderte sich der Bekanntheitsgrad der Irin schlagartig: Oscarnominierung für die Beste Nebenrolle in ANTONEMENT, Preise um Preise für die Performance in Jacksons Film. Nun kehrt sie erneut in die Fittiche von Joe Wright zurück. Zwar feiert Ronan erst während den Dreharbeiten zu WER IST HANNA? – wie der Film bei uns vertrieben wird – ihren 16. Geburtstag, schlüpft sie dennoch in die komplexe Hauptrolle. Als Eric Bana, welcher Hannas Vater darstellt, das Script von Seth Lockhard zum ersten Mal las, war er erstaunt: Es erinnerte den Australier an absolut keinen anderen Film. Und eben das zeichnet HANNA aus. Zu dem originellen Drehbuch hat der Regisseur einen ganz besonderen und vielseitigen Zugang gefunden. Denn HANNA ist ein Adventure-Thriller, ein Märchenfilm, eine weibliche Ermächtigungs- und Emanzipationsgeschichte, eine Coming-of-age-Story und ein knallharter Actionstreifen. Alles auf einmal – und es funktioniert. Als großer David Lynch-Fan und Anhänger der Theorie, dass nur die körperliche Bewegung und Actionszenen das Medium Kino ausmachen, kreierte Wright ein dunkles Märchen mit brutalen Faustkämpfen. Nebenbei ist für die Zuseher noch genügend Raum, um über die interessanten Charaktere und sich selbst nachzudenken.

Vom Aussehen her, erinnert die Hauptdarstellerin mit ihrer blassen Haut, den langen blonden Locken und ihrem hellwachen Wesen an Mia Wasikowska in Tim Burtons ALICE IM WUNDERLAND-Interpretation. Doch Hanna ist sowohl tiefgründiger als auch differenzierter. Ronan gelingt es, eine neugierige Teenagerin und von klein auf trainierte Attentäterin in ihrer Performance glaubwürdig zu vereinen. Da es nicht ihre erste Zusammenarbeit mit Wright war, wusste der Regisseur, was er seiner Protagonistin zutrauen kann und wie er das Beste aus ihr rausholt. Das Nachwuchstalent kann der ebenso grandiosen Cate Blanchett als CIA-Agentin Marissa Wiegler mit finsterem, texanischen Akzent auf jeden Fall das Wasser reichen. Als Hannas Vater und Ex-CIA-Agent ist Erik Bana zu sehen, der auf zahlreich actiongeladene Rollen zurückblickt. Vom Hector aus dem antiken TROJA über den grünen, aggressiven Riesen der Comicwelt bis zum dämonischen Nero aus dem letzten STAR TREK-Teil. Nachdenklich und berechnend stellt er jenen Mann dar, der seine Tochter von klein an zu einer wachsamen Killerin herantrainiert, um sie dann in die große Welt hinauszuschicken und eine ganz besondere Mission zu beenden. Auf dieser Reise begegnet Hanna zahlreichen Personen. Tom Hollander als brutaler Auftragsmörder im Tennis-Kostümchen. Olivia Williams und Jason Flemming, welche schon in mehreren Filmen ein Ehepaar spielten und hier während eines Campingtrips durch Marocco auf Hanna stoßen, führen anregende Diskussionen über das Erwachsenwerden und das Leben allgemein. Neben all den tollen Schauspielern sind es diese Gespräche und jene Elemente im Film, welche an Teenagermovies erinnern, in denen sich die jungen Leute in der Welt zurecht und vor allem zu sich selbst finden müssen, und dem Film eine fantastische Vielseitigkeit geben. Eine Strategie, die manchmal funktioniert, leider des Öfteren auch nicht: So lässt der Regisseur an manchen Stellen die Story zu sehr dahinplätschern und der nächste sagenhaft choreografierte Kampf wird von Actionfans herbeigesehnt.

Das Actiondrama HANNA kann auch als modernes Märchen mit alt-archetypischen Figuren gedacht werden. Marissa Wiegler fungiert als böse Schwiegermutter und Hexe, Hanna selbst ist der Protoptyp von Hans Christian Andersens Märchenfiguren. Unheimlich stark und zerbrechlich zugleich, so wie „Das kleine Mädchen mit dem Schwefelhölzern“. Eine junge Superheldin wie aus KICK-ASS und SPY KIDS. Ihr Charakter hat mythische Qualität. Sie scheint eine zerbrechliche Fee und ein Superheld zugleich zu sein. Ihre Augen suchen nicht, sie fixieren zielstrebig. So wie jede einzelne ihrer Bewegungen. Die Welt wirkt auf sie, so wie sie ist. Und die Zuseher nehmen sie durch ihre Augen wahr. Zu jeder solch unschuldigen Figur gehört auch ein finsterer Gegenspieler, und Blanchett als Hexe mit feuerrotem Haar und grünen High-Heels formt eine Stimmung, wie man sie „Hänsel und Gretel“ nur zu gut kennt. Hier spielt Gut gegen Böse. Und die Guten können sich ziemlich gut wehren. In jeder einzelnen, der großartig choregrafierten Kampfszenen, sind Hanna und ihr Vater ihren Gegnern überlegen. Einen nach dem anderen erledigen sie mit Präzision und Muskelstärke. Musikalisch unterstützt, beinahe schon vorangetrieben, werden sie dabei von den Chemical Brothers. Der dadurch erzeugte Rhythmus und die Dynamik der ausgetauschten Gewalt sind pures Kino. Ungekünstelt, ohne Dialoge und coole Sprüche wird zugeschlagen. Denn Joe Wright legte besonderen Wert auf den Sound. Das fällt nicht nur bei den Kämpfen, sondern im gesamten Film positiv auf. Dafür, dass HANNA jedoch zwischen all den brutalen Auseinandersetzungen seine unheilvolle Märchenstimmung nicht verliert, sorgt nicht zuletzt die Landschaft. Die eisigen Wälder Lapplands, schneebedeckten Berge im bayrischen Bad Tölz, heißen Steinwüsten und lebendigen Städte Maroccos tun ihr Übriges. Immer an realen Schauplätzen, nie im Studio, findet der Film seinen Höhepunkt in einem ausrangierten Vergnügungspark im Osten Berlins. Verlassene Geisterbahnen, brüchige schienen und rostige Installationen neben großen Wolfsköpfen und Riesenpilzen. Faszinierend und atmosphärisch, so wie der Rest des Films.

Fazit:
HANNA bietet eine originelle Geschichte, umgesetzt mit Adventure-, Action- und dramatischen Elementen. Ab und an gibt es sogar etwas zu lachen. Die interessante Genremischung funktioniert bestens. Gewalt und Emotion gehen Hand in Hand. Wunderschöne Landschaft, lebendige Bilder, aufregendes Soundediting. Schon der Trailer beginnt märchenhaft: „Unce upon a time there was a special girl who lived in the woods with her father“. Ihr Name ist HANNA und ein Kinobesuch dieser ausgefeilten und feinsinnigen Action lohnt sich allemal.

HANNA auf DVD-Forum.at

HANNA auf IMDB.com

Ein Gedanke zu „Filmkritik: HANNA – Wer ist Hanna (USA 2011)“

Kommentar verfassen

Trage deine Daten unten ein oder klicke ein Icon um dich einzuloggen:

WordPress.com-Logo

Du kommentierst mit Deinem WordPress.com-Konto. Abmelden /  Ändern )

Google+ Foto

Du kommentierst mit Deinem Google+-Konto. Abmelden /  Ändern )

Twitter-Bild

Du kommentierst mit Deinem Twitter-Konto. Abmelden /  Ändern )

Facebook-Foto

Du kommentierst mit Deinem Facebook-Konto. Abmelden /  Ändern )

w

Verbinde mit %s