Filmkritik: FOUR LIONS (UK 2011)

vierstern

INHALT

Vier junge britische Männer sind im Auftrag Allahs unterwegs. Meinen sie. Omar will sich dem Heiligen Krieg anschließen, weil er nicht länger tatenlos zuschauen will, wie das Ansehen junger Moslems auf der Welt mit Füßen getreten wird. Waj hält das für eine gute Idee und schließt sich an, weil der nichts Besseres zu tun hat und Omar ohnehin alle Entscheidungen für ihn trifft. Barry ist als weißer islamischer Konvertit zwar völlig anderer Meinung, aber das macht nichts, denn das ist er grundsätzlich. Aus Prinzip. Als Bombenbauer stößt Faisal zu der Truppe, der allerdings nicht als Attentäter in Frage kommt, da er sich um seinen kranken Vater kümmern muss. Gemeinsam sind sie fest entschlossen die westliche Gesellschaft dort zu treffen wo es weh tut. Fragt sich nur, ob sie ein Streichholz anzünden können, ohne sich dabei im Gesicht zu verletzen…

REVIEW

Was wäre ein besseres Thema für die neue tiefschwarze Komödie von der britischen Comedy-Legende Christopher Morris, als die größte und aktuellste Bedrohung der Gegenwart – dem Terrorismus. Die letzten Jahre und auch gerade in diesen Tagen ein hoch aktuelles Thema. Nach Morris sei es unglaublich, wie wenig die Menschen über Terrorismus wissen, noch über diejenigen, die dahinter stecken und sich als Märtyrer für eine scheinbar höhere Sache opfern. Deshalb sprach der Autor, Produzent und Darsteller (er übernahm die geniale Rolle des Denholm in der britischen Comedy-Serie IT-Crowd) Christopher Morris für seinen ersten Kinofilm mit Terrorismusexperten, Imamen, der Polizei, Geheimdienstlern und vielen Muslimen. Was er entdeckte war Humor. Junge Dschihadisten melden sich mit falscher Garderobe in ihren Ausbildungslagern. Oder fliegen dort hinaus, weil sie rauchen und geben den Juden die Schuld, dass jene die Toilettentüren zu dünn gebaut hätten. Manchmal vergessen die Nachwuchskrieger auch wie man Bomben baut. Umso länger sich Morris mit Terrorismus und den Köpfen dahinter beschäftigte, desto sicherer wurde er sich, dass sich eine Komödie drehen lassen würde. Für das Drehbuch wurden Sam Bain und Jesse Armstrong engagiert, deren Feder die Skandalkomödie BRÜNO entstammt, mit Sasha Baron Cohen in der Hauptrolle. Dass Bain und Armstrong sich beim Schreiben zurückgehalten hätten, kann man ihnen nicht vorwerfen. Jede Szene ist eine erneute Bestätigung, wie absurd, schmerzhaft sinnlos und tief verankert der Dschihad bei einigen wenigen Muslimen (und konvertierten Muslime) ist. Und welch grotesk witzige Situationen und erschreckend banale Probleme dabei entstehen können, wenn eine unfähige Terrorzelle in einer kleinen Stadt nahe London den heiligen Krieg in die eigenen Hände nehmen möchte.

„Bei Terrorismus geht es um Ideologie. Aber es geht auch um richtige Arschgeigen.“ (Morris)

Der scheinbar gut integrierte, muslimische Sicherheitswachmann Omar (Riz Ahmed), ein Möchtegern-Rapper namens Hassan (Asher Ali, der in seinem Auftreten stark an Ali G. erinnert), der selbsterklärte Bombenexperte Faisal (Adeel Akhtar) und Waj (Kayvan Novak), welcher das Denken von Kindheit an immer Omar überlassen hatte. Allen voran steht der fanatische Konvertist Barry mit seinen ganz eigenen Plänen. Gespielt wird er von Nigel Lindsay, ein bekanntes Gesicht im britischen Film und Fernsehen. Morris inszeniert diese kleine Terrorzelle als Gruppe von ganz normalen Kerlen, die sich gegenseitig aufstacheln und ihre alltäglichen Probleme mit zur „Arbeit“ nehmen. Die Darsteller harmonieren in ihrem Auftreten und wirken, als wären sie tatsächlich gewöhnliche Muslime in England, die wir nun dabei beobachten, wie sie von ihrer Bettkante aus den heiligen Krieg planen. Gemischt mit der Tatsache, dass Terrorismus ein aktuelles Thema ist und bei vielen Leuten Angst auslöst, ergibt FOUR LIONS insgesamt die schwärzeste Komödie aller Zeiten. Hier spielen Prahlerei, Inkompetenz, Machismo, Größenwahn und Minderwertigkeitskomplexe eine ebenso große Rolle wie Krähen die zu Selbstmordattentäter trainiert werden. Da Faisal sich um seinen kranken Vater kümmern muss, will er seinen mit Sprengstoffgürtel versehenen, dressierten Vögel die schmutzige Arbeit überlassen. Abseits der komödiantischen Elemente lösen einige Dialoge und Aktionen auch ein sehr beklemmendes Gefühl aus. Christopher Morris weiß, wie er die Thematik in FOUR LIONS richtig umsetzt, um eine ausgewogene Mischung aus Lachern, Ungläubigkeit und Provokation erzielt. Die authentischen Darsteller, allen voran Riz Ahmed und Nigel Lindsay, scheinen alltägliche Menschen zu sein, die sich durch äußere Umstände in glaubwürdige Szenen manövrieren. In jenen Sequenzen werden sich die Zuseher mit weniger schwachen Nerven mit Sicherheit kurz von der Leinwand abwenden. Gepaart mit der viel verwendeten Handkamera gibt Morris dem Film den Eindruck einer Dokumentation, was so manche schockierende Szenen noch realistischer erscheinen lassen. Diese eiskalte Auffassung von schockierenden Tatsachen und Traditionen, wie sie schon oftmals von den Monty Pythons beobachtet wurde, spielt in FOUR LIONS eine große Rolle. Morris verlegt uralte, eingesessene Werte in unsere Zeit, führt sie uns auf erschreckend kompromisslose Weise vor, und durchtränkt sie mit popkulturellen Anspielungen. Bombenzutaten werden auf Amazon bestellt, massenweise iPods und iPhones verwendet, zudem Maroon5 und George Michael erwähnt. Und die Diskussion, ob es sich bei dem Kostüm um einen Wookie aus STAR WARS oder dem Honigkuchenmonster der SESAMSTRASSE handelte, kann Menschenleben kosten. In solchen Momenten fragt sich der Zuseher mit Gewissen und Hintergrundinformationen über dramatische Terroranschläge, ob in FOUR LIONS nicht in einigen wenigen Szenen über die Strenge geschlagen wurde, da weder der Lerneffekt einer Dokumentation, noch unbeschwerter Humor vorhanden sind.

Fazit:
Einen Hauch von politischer Interesse sollte man bei dem Kinobesuch von FOUR LIONS schon mitbringen, sowie einen gesattelten Humor mit Tendenz zum Makaberen. Jedem, den das Thema interessiert, sei diese schwarze Komödie ans Herz gelegt. Doch ohne sich als Fan des britischen Humors zu wähnen, kann man die dilettantische Attentäter, welche von einer Panne zur nächsten stolpern und nebenbei noch eine ganze Stadt in Angst und Schrecken versetzen, weder genießen noch darüber lachen. Starke Nerven sind gefragt, denn wer den Alltag von Bombenbastlern verfolgt, wird auch früher oder später Zeuge einer Explosion werden.

FOUR LIONS auf IMDb.com

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