Filmkritik: DE HELAASHEID DER DINGEN – Die Beschissenheit der Dinge (BEL/NDL 2010)

INHALT

Gunther Strobbe ist erst 13 Jahre alt und hat schon mehr gesehen, als mancher möchte. Er lebt gemeinsam mit seinem Vater und dessen drei Brüdern bei seiner Großmutter, die sich den ganzen Tag für Söhne wie Enkel abrackert. Doch anstatt bei der Lebensweise ihrer Kinder einzugfreifen, drückt sie ein Auge zu oder schaut lieber ganz weg. Denn die vier erwachsenen Männer haben nichts als Unsinn im Kopf. In ihrem Dorf sind sie jedem ein Begriff und haben noch nie bei einem Saufgelage oder sonstigen feuchtfröhlichen Aktivitäten gefehlt. Der junge Gunther wird in diese Lebensweise hineingezogen, ohne sich groß dagegen zu wehren, bemüht sich aber sein Leben im Griff zu behalten. Was man von seinem Vater nicht behaupten kann. 20 Jahre später möchte Gunther vom Schriftstellerdasein leben können, was sich jedoch als frustrierend erweist. Er versucht seine Geschichte zu Papier zu bringen und sieht sich mit seiner schwierigen Jugend konfrontiert.

REVIEW

Vier saufende Vollproll-Brüder mit Vokuhila und einem anständigen, beziehungsweise angehenden Bierbauch. Das sind Celle, Lowie, Pieter „Beefcake“ und Koen Strobbe. Und auch wenn deren täglichen, feuchtfröhlichen Touren nicht alleine schon eine Hauptattraktion wären, geht es in dieser Geschichte um jemand ganz anderen. Der 13-jährige Gunther Strobbe (gespielt von Kenneth Vanbaeden mit hellblondem und schief geschnittenen Vokuhila), Celles Sohn, versucht in dem ganzen Chaos nicht zu versinken, das die vier Alkoholiker rund um ihn und seine liebenswerte Großmutter erzeugen. Ohne die Naivität und Unverantwortlichkeit aller Beteiligten bei der Erziehung des Jungen zu bewerten, will der belgische Regisseur Felix van Groeningen hier eine Familiengeschichte erzählen. Seine Intention ist keineswegs ein Sozialdrama zu veranstalten, sondern die Gewichtung auf die Beziehungen der Charaktere zu legen. Als Mittel dafür fungiert unter anderem die Konsequenzenlosigkeit und als nichtig oder in einem humorvollen Kontext dargestellten Krankenhauseinlieferungen, Gefängnisaufenthalte, häusliche Gewalt und Arbeitslosigkeit. Doch trotz witziger Darstellungen ernster Angelegenheiten driftet der Film keineswegs ins Seichte ab, sondern lockert so schwierige Themen gekonnt auf. Dabei helfen die großartige Schauspielerei der Strobbes und das rasche Erzählen. Doch nach einiger Zeit, genauer gesagt nach einer Stunde, gibt der Film nicht mehr viel Neues preis. Alles ist wie immer und alles ist witzig anzusehen, aber eigentlich für alle Strobbes einfach nur beschissen. Von da an lichten sich die spannenden Momente und es fällt schwer sich weiterhin über das Dahinvegetieren der Familie zu amüsieren.

Gott schuf den Tag und wir schleppten uns hindurch.

Van Groeningen inszeniert mit DIE BESCHISSENHEIT DER DINGE das Buch eines Freundes mit selbigem Titel. 2006 in Belgien und Holland erschienen, hat sich der Autor Dimitri Verhulst mit diesem Buch bereits einen Namen gemacht. Van Groeningen war davon so ergriffen, dass er lange an einer geeigneten filmische Umsetzung der fragmentarischen Erzählart des Romans tüftelte. Letzten Endes verwendete der Filmemacher ein ebenso fragmentarisches Erzählen, was dem Film keineswegs schadet. Die Zeitsprünge und das Fehlen einer eigentlichen Handlung inmitten des Säufer- und Partytums lassen den Zuseher fühlen, dass es für Gunther aus dieser Welt kein Entkommen gibt. Es geht immer um das Eine: Egal ob es sich um ein Nackt-Fahrradrennen handelt oder ein Wettsaufen im Kreise der Dorfgemeinschaft – hauptsache Spaß und an morgen denkt man nicht. Zunächst scheinen die Konsequezen dieses Lebens für den Jungen in den humorgeladenen Szenen zu ersticken. Doch nach und nach ändert sich der Ton des Filmes und ein erwachsener Gunther fragt sich Jahrzehnte später, wie er diese Jugend bloß überstanden hat.

Ein Strobbe läuft nicht weg.

Die Schauspieler (allen voran Koen de Graeve als zottiger Marcel „Celle“ Strobbe) verstehen es, ihre Figuren so darzustellen, dass man ihnen nicht böse sein kann. Sie wissen es nun mal nicht besser. Sie haben eine sehr einfache Vorstellung vom Leben und der gehen sie auch konsequent nach, aber ohne damit jemandem aktiv zu schaden oder unfair zu behandeln. Alle Strobbes haben die Herzlichkeit ihrer Mutter geerbt. Dadurch gewinnen die Charaktere gewinnen beim Publikum viele Sympathiepunkte. Celle wirkt in seiner rasenden Hilflosigkeit wie ein kleines Kind, dem man den Weg weisen möchte. So viel will er für seinen Sohn opfern, ihn fördern und für ihn da sein, doch er steht sich mit seiner Alkoholsucht selbst im Weg.

Fazit:
Viel mehr als eine Tragikomödie ist DIE BESCHISSENHEIT DER DINGE eine schwarze Komödie, die ab und an versucht auf die Tränendrüse zu drücken. Aber nur sehr selten. Lange Zeit kann man lachen über die Sauflieder und selbst erdachten Trinkspiele, die um einiges ausgeklügelter sind als so manches alt bekannte Brettspiel. Der Film hat keine Message, er wertet nicht, er erzählt nur. Wer sich einen Film voller Aufklärungsarbeit und Sozialstudie erwartet, wird bitter enttäuscht sein. Ansehen sollte man sich den Film, wenn man Lust hat auf eine schräge Komödie mit schwarzem Humor. Im Umgang mit Erbrochenem und Nackheit sollte man ebenfalls nicht zimperlich sein.

DE HELAASHEID DER DINGEN auf DVD-Forum.at

DIE BESCHISSENHEIT DER DINGE auf IMDb.com

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