Filmkritik: DER GANZ GROSSE TRAUM (GER 2011)

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INHALT

Der eben aus England heimgekehrte, junge Lehrer Konrad Koch soll in einem konservativen deutschen Gymnasium im Jahre 1874 zum ersten Mal eine lebende Fremdsprache unterrichten: Englisch. Um seine Schüler für diese Aufgabe motivieren zu können, greift er zu noch nie dagewesenen Mitteln und bringt ihnen einen seltsamen Sport names Fußball bei. Mit seiner unkonventionellen Art macht er sich zwar bei den meisten Schülern sehr beliebt, unter den Kollegen jedoch auch Feinde. Diese setzen alles daran, ihn und seinen aus England mitgebrachten Fußball wieder von der Schule zu verbannen. Doch dann ergreifen zum ersten Mal die Schüler die Initiative…

REVIEW

Als sich der ambitionierte Drehbuchschreiber Sebastian Grobler und Produzent Anatol Nitschke vor nicht all zu langer Zeit kennenlernten, verband sie bereits ihre Leidenschaft für den Fußball. Da war es nur naheliegend endlich einmal alle Fans aufzuklären, wie der Fußball eigentlich nach Deutschland kam. Grobler, der schon zu Schulzeiten mit Oliver Bierhoff aus der Parallelklasse kickte, schuf mit seinem Kinodebüt als Regisseur einen gut gelaunten Fußballfilm. Von Anfang bis zum Ende müssen die Protagonisten zahlreiche Rückschläge, vermeintlich traurige und unfaire Begebenheiten in Kauf nehmen, um dann doch den ganz großen Traum realisieren zu können: Fußballspielen. Und alle haben Spaß bei der Sache. Der Lehrer, seine Schulklasse und nach und nach auch die meisten anderen. Grobler wählte für DER GANZ GROSSE TRAUM einen sehr emotionalen Erzähstil, drückt nur allzu oft auf die Tränendrüse, um danach wieder mit Situationskomik und guten Dialogen die Gemüter zu erheitern. Konservative Geister werden befreit, den aufgeschlossenen Menschen wird Raum gegeben sich zu entfalten. Grobler hat einen Film gegen Rassismus und für Offenheit gegenüber fremden Kulturen geschaffen. Genau diese Message verpackt er in einer bewegenden Komödie über die Faszination Fußball. Zwar werden nur wenige Überraschungen und keine Originalität geboten, doch der Sport ums runde Leder ist für viele bekanntlich die wichtigste Nebensache der Welt, oder wie Startrainer Giovanni Trapattoni es nennt: „Fußball ist immer ding, dang, dong!“

„Frei nach wahren Begebenheiten“

Daniel Brühl glänzt als perfekte Besetzung des aufstrebenden Sympathieträgers Konrad Koch. Ein Pionier, der die harte Aufgabe auf sich genommen hat, in einem engstirnigen Deutschland eine als anarchistisch und barbarisch angesehene Sportart einzuführen. Er ist ein zugleich ein verantwortungsbewusster Englischlehrer und offener Freigeist, der Spaß in seinen Unterricht bringen möchte. Vor DER GANZ GROSSE TRAUM harmonisierten Daniel Brühl und Burghart Klaußner, welcher hier den experimentierfreudigen Schuldirektor mimt, der Koch mehrmals unter die Arme gfreift, schon in GOOD BYE LENIN und DIE FETTEN JAHRE SIND VORBEI vor der Kamera. Gobler vereint aber noch weitere Größen des deutschen Films in seiner Fußballkomödie: Justus von Dohnányiun und Thoms Thieme, welche gemeinsam an DER UNTERGANG mitwirkten, sind alt eingesessene Charakterschauspieler und verbünden sich hier als konservative Front gegen die neue Sportart. Doch die eigentlichen Stars sind die Burschen der Schulklasse, welchen Konrad Koch das Spielen lehrt. Anfangs eingeschüchtert und hochnäßig entdecken sie mehr in sich, umso öfter sie das Leder treten dürfen. Angeführt werden die von Grobler absichtlich gewählten „Charakterköpfe“ von Theo Trebs, der schon unter Hanekes Leitung in DAS WEISSE BAND zu sehen war und sich mit einer tragenden Rolle im originellen Zombiestreifen RAMMBOCK einen Namen machte. Doch jeder einzelne Schüler der Klasse wirkt authentisch und durchläuft eine nachvollziehbare Entwicklung vom strebsamen Lernenden zum neugierigen Entdecker.

„Ja gut, es gibt nur eine Möglichkeit: Sieg, Unentschieden oder Niederlage!“ (Franz Beckenbauer)

In DER GANZ GROSSE TRAUM prallen zwei verhärtete Fronten aufeinander. Der einen geht es um die Beibehaltung der Sitten, den persönlichen Sieg und das Richtigstellen von fehlgeleiteter Erziehung. Das andere Team versieht sich auf friedliches Zusammenspiel und den Spaß an der Sache. Alles hat sich damals im 19. Jahrhundert tatsächlich so ähnlich zugetragen. Auch wenn nicht jedes Detail im Film und jede Angabe über Koch genau der Wahrheit entspricht, erfahren wir beispielsweise, dass es von der Gründung des ersten Fußballclubs 1857 in England bis 1927 dauerte, bis in Bayern das Fußballspielen erlaubt wurde. Viele spannende Facts werden verraten, allerdings erscheinen sie vermutlich weniger spannend, wenn man sich nicht für Fußball begeistert. Ab und an lässt Grobler für die Geschichte nicht föderliche Melancholie einfließen, welche das Ende unnötig hinauszögert. Es kommen jedoch kaum langwierige Szenen auf, da der Film 30 Jahre Fußballgeschichte in sich vereint. So wird der größte Kritikpunkt – die Verdichtung von einer jahrzehntelangen Entwicklung in einen 2-stündigen Film, der sich innerhalb weniger Wochen abspielt – eine der größten Stärken: Die Story macht zwar in manchen Szenen aufgrund ihrer Schnelligkeit, mit welcher die Ereignisse vorangetrieben werden, einen unglaubwürdigen Eindruck. Doch diese Tatsache stört wenig, da DER GANZ GROSSE TRAUM nicht den Anspruch hat den Zusehern eine Geschichtestunde zu geben, sondern eine Erfolgsgeschichte in hohem Tempo und eben deshalb ohne Langatmigkeit erzählt.

„Wir müssen gewinnen, alles andere ist primär.“ (Hans Krankl)

Fazit:
Jeder Fußballfan, dem es um mehr geht als Bier und das WM-Finale, wird in DER GANZ GROSSE TRAUM einen überraschenden Film über den Zusammenhalt schaffenden Sport Fußball sehen. Wer Lust hat auf ein deutsches Feel-Good-Movie mit viel Selbstironie, Humor und Menschen, die aus ihren Fehlern lernen und nach Rückschlägen über sich selbst hinauswachsen, der sollte sich Sebastian Groblers Kinodebüt zu Gemüte führen. Es müssen nicht immer milliardenschwer vermarktete Fernsehübertragungen sein. Manchmal tut es gut an den Ursprung zurückzukehren und Daniel Brühl zuzusehen, wie er betrunken, aber mit vollem Einsatz Auld Lang Syne grölt. Denn „Man darf bei Fußball nicht denken wie Beamter: 0:0 halten bis Feierabend!“ (Trapattoni)

Filmkritik zu DER GANZ GROSSE TRAUM auf DVD-Forum.at

DER GANZ GROSSE TRAUM auf IMDb.com

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