Filmkritik: CARMEN JONES (USA 1954)

INHALT

Joe ist ein GI, der den Auftrag erhält, die verhaftete Fabrikarbeiterin Carmen Jones wegen Körperverletzung in das entfernt gelegene Gefängnis zu bringen. Während des Transports flieht die Gefangene jedoch und lotst ihren Verfolger Joe bis in ihr Heimatdorf. Dort verführt sie ihn und ist am nächsten Morgen verschwunden. Der GI muss deshalb selbst ins Gefängnis. In seiner Not und hörigen Liebe zu Carmen desertiert er aus der Armee, doch seine Liebe wird von Carmen nicht in der selben Intensität erwidert. Joe befürchtet, Carmen an den Boxchampion Husky Miller zu verlieren.

REVIEW

Georges Bizet komponierte die Oper CARMEN lange bevor es das Kino gab. Die Uraufführung fand 1875 statt, knapp 20 Jahre später war der allererste Film im Kino zu sehen. Der Stoff der vollblütigen Femme fatale Carmen und ihrer unbändigen Leidenschaft fand sofort großen Anklang, wurde unzählige Male aufgeführt und verfilmt. Bizets CARMEN ist die am öftesten aufgeführte Oper und der am häufigsten adaptierte Stoff. Keiner anderen Oper wurde die letzten 130 Jahre auf der Bühne und im Film so viel Aufmerksamkeit gewidmet. Und doch werden stets neue Wege gefunden, den Stoff zu inszenieren. Im Laufe des 20. Jahrhunderts wurden einige wenige Opernfilme gedreht, die aufgrund ihrer Kürzungen, Veränderungen und Neuinterpretationen herausstechen. Manche Regisseure nahmen sich die Freiheit, die originalen Opernfassungen zu bearbeiten, ihren Sinn zu verändern und sie in die Gegenwart zu verlegen. Otto Premingers CARMEN JONES aus dem Jahre 1954 ist ein ganz besonderes Beispiel dieses Subgenres.

Die Musical-Verfilmung des österreich-amerikanischen Regisseurs Preminger erregte nicht nur dadurch Aufsehen, dass es der erste Film mit ausschließlich dunkelhäutigen Darstellern war, sondern auch weil große Änderungen an Bizets Original vorgenommen wurden. Premingers Werk respektiert die Quelle, hat sich jedoch meilenweit von der originalen Geschichte entfernt. Nach der Eröffnung von CARMEN JONES als Musical am Broadway Theatre in New York 1943, kam es, wie oben erwähnt, in abgeänderter Version 1954 als Spielfilm in die Kinos. Zahlreiche Regisseure haben sich an diesem Stoff versucht und immer wieder entstanden neue Adaptionen der Carmen-Figur und ihrem lebhaften Gesang. Jedoch passte sich keine so sehr an ein anderes Milieu und eine andere Zeit an, blieb aber der Grundstruktur treu, wie CARMEN JONES es macht. Premingers Werk verlegt die hitzig spanische Geschichte in den Süden der Vereinigten Staaten und spielt während des zweiten Weltkriegs. Im Mittelpunkt stehen nicht mehr Zigeuner, aber die soziale Randgruppe der dunkelhäutigen Arbeitergesellschaft. Im Detail passt Preminger seine Charaktere und die Handlung an das neu geschaffene Umfeld an, die grobe Struktur hat er jedoch von Bizet übernommen. Abgesehen von dem in den Süden der Vereinigten Staaten verlegten Schauplatz, ist der wohl größte Unterschied von CARMEN JONES zu seiner Vorlage die Sprache. Sowohl die Dialoge, als auch alle Liedertexte wurden ins Englische übersetzt und in eben dieser Sprache gesprochen und gesungen.

In der Hauptrolle ist Dorothy Dandridge als Carmen Jones, mit der Stimme von Marilyn Horne zu sehen, beziehungsweise zu hören. Ihr heißblütig angebeteter Don José, in diesem Film Joe genannt, wird von Harry Belafonte dargestellt und Le Vern Hutcherson gesungen. Seine Verehrerin Michaela, hier Cindy Lou, gibt Olga James ein Gesicht und auch die Stimme, während der Stierkämpfer Escamillo, in CARMEN JONES Boxchamp Husky Miller genannt, von Joe Adams gespielt und Marvin Hayes gesungen wird. Da die synchronisierten Darsteller beim Dreh jedoch tatsächlich sangen, kann man ihnen diese physische Anstrengung auch ankennen. CARMEN JONES wurde außerdem für zwei Oscars nominiert. Eine der Nominierungen erhielt der Film für die beste Hauptdarstellerin und eine weitere für die Kategorie „Musik (für Musical)“.

Carmens Charakter wurde für die Verfilmung abgeschwächt. Sie ist keine Femme fatale, ihr fehlt die vulgäre Animalität. Carmen Jones entfernt sich von unkontrollierten Ausbrüchen und unerfüllbaren Wünschen. Trotz der behaltenen Lebenslust, Spontanität und dem Drang frei zu sein, scheint sie ein weitdenkender und kluger Mensch zu sein. Sie lässt sich meist, jedoch nicht ausschließlich von Gefühlen leiten. Carmen Jones steht im Mittelpunkt. Sie ist eine Heldin, die ihren Platz nicht in einem dramatischen Gefüge hat, sondern vom Gefüge umspielt wird. Von ihrem ersten Auftritt an, dreht sich jede Szene nur mehr um sie. Unterstützt wird sie dabei von der Kamera, welche den Blick immer auf sie richtet. Dies gibt einen subjektiven Eindruck und lässt die Welt aus Carmens Sicht erscheinen. Sie weiß mit ihren weiblichen Reizen zu spielen, um eben jenes zu bekommen.

Fazit:
CARMEN JONES lässt sich als schwungvolle Musicalverfilmung bezeichnen, welche für Fans von Bizets Original einige Entdeckungen und Änderungen bietet. Die Hauptdarsteller sind zwar stereotype Figuren, welche die Musik jedoch nicht nur in ihre Sprache, sondern auch in ihre Kultur transferieren. Gesanglich und dramatisch ist Otto Premingers Werk eine gelungene Musical-Verfilmung.

Filmkritiken von CARMEN JONES auf DVD-Forum.at

http://www.imdb.com/title/tt0046828/

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