Wir machen es uns zu einfach: Lilly Wachowski und unser Irrglaube namens Binarität

lgbt

Nachdem sich vor vier Jahren die Filmemacherin Lana Wachowski als transsexuell geoutet hat, hat sich auch Lilly Wachowski als Transfrau geoutet – die meisten kenn die beiden als Regisseurinnen des Science-Fiction-Klassikers Matrix. Auch die LGBT-affine Netflix-Serie Sense8 stammt von ihnen. Das Schlimme an diesem Outing ist, dass Lilly Wachowski eigentlich noch mehr Zeit wollte, bevor sie die Öffentlichkeit in ihre Geschlechtsanpassung einweiht, sich jedoch vom Boulevard-Blatt DailyMail.com bedroht gefühlt hat, da ein Journalist ihr gegenüber die falschen Worte gewählt hat. Die DailyMail dementiert eine Nötigung, vielleicht war auch einfach Lillys Angst zu groß, die Kontrolle über ihre Geschichte zu verlieren. Wer kann es ihr verübeln, viele tun sich schwer mit dem, was sie nicht nachfühlen können. Aber es gibt auch eine gute Seite des Ganzen, nämlich, dass Lilly Wachowski einen bewegenden und humorvollen Text geschrieben hat, in dem sie sich outet, die Presse an den Pranger stellt und ihre Sicht der Dinge darlegt. Und die Leute reden darüber – aber leider nicht so, wie Lilly und viele andere Menschen, die sich mit dem Thema beschäftigen, es gerne hätten, meist, weil schlicht die Sensibilisierung und das Vokabular für die Thematik fehlen.

Um also einer von ihr befürchteten Medien-Hetzkampagne zu entgehen, veröffentlichte Lilly Wachowski am 8.3.2016 auf der Chicagoer LGBT-Seite Windy City News, dass sie die letzten Jahre auf folgende Schlagzeile gewartet habe: SEX CHANGE SHOCKER—WACHOWSKI BROTHERS NOW SISTERS!!!“ Und genau diese Schlagzeilen kamen zuhauf. Der Spiegel griff die Problematik hinter diesen Schlagzeilen auf. Dort ist zu lesen, dass es zwar wichtig sei, dass es in den Medien sichtbare Transmenschen gibt wie Caitlyn Jenner, Orange Is The New Black-Darstellerin Laverne Cox und Moderatorin Janet Mock, doch sobald ein (Trans)Mensch medienwirksam geoutet wurde, verliere er die Kontrolle über seine eigene Geschichte. Der Spiegel hebt hervor, wo – neben der Gefahr, nicht für das Outing bereit zu sein – deshalb das eigentliche Problem liegt, was auch Lilly in ihrem Statement betont: Sie sei „transitioned“, aber nicht eben erst jetzt vom Mann zur Frau, sie „transitioned“ ihr ganzes Leben – so wie jeder einzelne von uns auch. Eine korrekte deutsche Übersetzung dafür, gibt es wohl (noch) nicht, wie der Spiegel anmerkt.

Wir verändern uns unsere gesamte Lebensspanne

Lilly schreibt, es sei schwer für sie, Wörter wie „transgender“ und „transitioned“ zu verwenden, da im Mainstream-Dschungel ihre Komplexität verloren gehe und es heruntergebrochen werde von und für Leute, die ab und an davon in den (Mainstream)Nachrichten lesen. Dort gibt es dann bloß Männer oder Frauen. Transsexualität sei akzeptiert beziehungsweise wird sie verstanden geglaubt, aber nur in einer binären Welt, in der man entweder eine Frau oder ein Mann sein kann und sich sein ganzes Leben lang kaum verändert und irgendwann an den Punkt kommt, wo man von einem zum anderen wechselt, als würden es sich Transmenschen aussuchen per Fingerschnipp. Schnipp, Frau. Deal with it. So stellen es sich viele vor. Leute hätten zwar mittlerweile mitbekommen, wenn auch nicht unbedingt akzeptiert geschweige denn verstanden, dass das biologische Geschlecht sich nicht richtig anfühlen kann und es Geschlechtsanpassungen gibt. Lilly Wachowskis Text spricht daher den schwierigen Punkt der indoktrinierten Binariät an. Unser Leben sei komplexer als der binäre Entweder-Oder-Entwurf. Wachowski wehrt sich gegen einen binären Lebensentwurf:

But the reality, my reality is that I’ve been transitioning and will continue to transition all of my life, through the infinite that exists between male and female as it does in the infinite between the binary of zero and one. We need to elevate the dialogue beyond the simplicity of binary. Binary is a false idol.“

Anti-Binarität ist zu komplex für den Mainstream

Binary is a false idol“, Binarität sei eine falsche Götze (holprige Übersetzung), ist im Statement von Lilly Wachowski zu lesen. Natürlich gibt es Frauen und Männer im biologischen Sinn, doch Menschen haben nicht nur ein biologisches Geschlecht, das ihnen zur Geburt verpasst wurde. Jeder hat eine Lebensspanne, eine sexuellen Orientierung, eine Identität und eine Ausdrucksform, die sich über diese Spanne hinweg immer wandeln werden, bei manchen mehr, bei manchen weniger, aber es passiert. Genau so, wie sich die Allermeisten mit 80 nicht immer noch zu 13-Jährigen hingezogen fühlen, wie sie es mit 13 taten. Genau so fühlen sich viele Menschen im Laufe ihres Lebens zu den verschiedensten Menschen hingezogen, oftmals auch zu verschiedenen biologischen Geschlechtern. Es ist unmöglich vorherzusagen, von wem wir uns in 30 Jahren angezogen fühlen werden und als wer wir uns in 30 Jahren fühlen, unser eigenes Rollenempfinden wechselt, das Einfachste Bild ist wohl der Wandel von der Tochter zur Mutter. Aber auch hier gilt: Jemand der Mutter ist, ist immer auch Tochter. Weniges ist so einfach, wie wir es gerne hätten, doch anstatt uns dafür zu schämen, so wenig zu wissen, sollten wir uns darüber freuen und dankbar sein, nicht ein Leben lang die dummen und unbeholfenen Teenager zu bleiben, die wir mit 13 waren. (Wenn das jemand liest, der 13 ist, und sich für das Thema interessiert, Hut ab!)

Jeder wandelt sich sein ganzes Leben lang und diese Wandlung sollte von jedem Willkommen geheißen werden. Ich finde es wichtig, darüber zu reden, dass das biologische Geschlecht, die Gender-Identität, die sexuelle Orientierung und die Art, wie wir das alles ausdrücken, bei jedem anders aussieht. Einen interessanten Ansatz, dieses komplexe Thema verständlich zu machen, bietet beispielsweise die Genderbender Person von it’s pronounced METROsexual:

Genderbread-Person

Natürlich wird auch vereinfacht, aber genauso wie wir uns hier auf Zick-Zack-Linien bewegen (können), ist niemand ein Jahr später noch derselbe. Es ist keine Schande, seine Meinung zu revidieren, seine Ansichten zu überdenken und seine Erscheinung an sein Gefühl anzupassen, immer wieder. Manche, so wie Lilly, gehen dafür einen weiten, visuell offensichtlicheren Weg, auf den sich die Medien so gerne stürzen. Die stupiden Headlines des deutschen Boulevard-Giganten Bild und des österreichischen Pendants dazu, der Kronenzeitung, sind nicht umsonst identisch und im gleichen Maße peinlich:Die „Matrix“-Brüder sind jetzt Schwestern“. So einfach ist das leider nicht.

Es ist ein Luxus, sich wohlzufühlen

Die Sichtweise, dass jemand nur ein Mann oder eine Frau sein kann, schmerzt viele Menschen, die sich ihre Identität nicht so leicht machen können. Manche haben nicht den Luxus, sich in ihrer Haut wohl zu fühlen, mit ihrem Geschlecht wohlzufühlen, diese Unsicherheiten ziehen nur in den wenigsten Fällen die in den Mainstream-Medien abgearbeiteten Fingerschnipp-Geschlechtsanpassungen nach sich. Viele stehen ihr Leben lang zwischen den Stühlen, wollen sich keinem der beiden biologischen Geschlechter zuordnen lassen, aber wie sollen sie darüber reden und wie sollen sie verstanden werden, wenn es laut so vielen so etwas (in unserer Gesellschaft) gar nicht gibt/geben darf? Es fehlt vielen das passende Vokabular, überhaupt erst damit anzufangen, über Anti-Binarität zu reden, weil das Thema so wenig öffentlich verhandelt wird.

Ein Gedankenspiel: Was, wenn du dich weder als Mann noch als Frau fühlst oder in einer Umgebung lebst, die dich nicht als das akzeptiert, was du fühlst, dass du bist? Du hast einen Penis, also bist du ein Mann, du musst stark und kantig sein, Geld verdienen, mit (vielen) Frauen schlafen. Aber vielleicht willst du das nicht. Dann bist du verloren in deinem Körper und deinem Umfeld und darauf angewiesen, dass andere dich verstehen. Du musst erst den Findungsprozess durchlaufen, wer du bist, in einer Gesellschaft, die keine oder hauptsächlich abwertende Worte dafür hat, was und wer du bist. Nach einer Weile kannst du dich, wenn du Glück hast, vielleicht sogar artikulieren und formulieren, wie du dich fühlst, nur um dann auf Leute zu stoßen, die es nicht verstehen wollen/können und um in den Medien zu lesen oder am eigenen Leib zu erfahren, dass Menschen, die ähnliche Prozesse durchlaufen, misshandelt werden, zum Outing gezwungen werden, sich das Leben nehmen, weil sie keine Hoffnung mehr haben. Lilly Wachowski schreibt auch über die überproportional hohe Zahl an Verbrechen an Transmenschen of color. Zudem haben nicht alle das Glück wie Lilly Wachowski, Familie, Freunde und Geld zu haben, um eine Geschlechtsanpassung zu vollziehen und mit eigener Stimme die eigene Identität zu formen, das weiß auch sie und schreibt es mit eindeutigen Worten nieder.

Nur weil etwas bisher nicht der Lebensrealität eines Menschen entsprochen hat, heißt das nicht, dass er sich nicht dafür sensibilisieren muss/soll/kann. Irgendwann müssen wir darüber reden können, dass wir schwul, lesbisch, bisexuell, transgender und heterosexuell und noch mehr sind, als wäre alles dasselbe und jeder Mensch einzigartig, egal, welche Eigenschaften er in sich vereint, wo auch immer er auf unserer gepredigten binären Linie zwischen Mann und Frau steht. Worte haben wir dafür nicht viel, aber zu erkennen, dass Binarität nicht der richtige Weg ist, ist ein Anfang. Natürlich gibt es auch nur eine begrenzte Anzahl an Hormonen im menschlichen Körper, aber auch ohne Biologe zu sein, weiß ich, dass ihr Anteil variieren kann, nicht nur zwischen Männern und Frauen. Wer sich damit auseinandersetzt, dass es nicht nur Männer oder Frauen gibt, nicht nur heterosexuell oder homosexuell (dessen Akzeptanz wäre dann das nächste große Fass), der wird schnell feststellen, wie vielseitig wir sind.

Natürlich gibt es Transmenschen, aber woanders

Es gilt hier dasselbe wie für alle anderen Abweichungen unserer westlichen Norm: Transsexualität (mir ist die Problematik des Wortes aufgrund ihrer Implikation des Sexuellen bewusst) existiert in vielen Köpfen. Medien überschütten uns mit simplen Headlines, aber das alles existiert ja woanders, bei irgendwelchen Künstlern, in anderen Ländern, in Hollywood, im Kino. Tatsächlich ist es aber ein Thema, das uns alle betrifft, denn die Gesellschaft muss sich wandeln und irgendwann soll es zur Normalität werden, über alles reden zu können. Irgendwann sollten wir über jegliche empfundene Andersartigkeit reden können, ohne dass wir uns beschämt wegdrehen und uns nicht trauen, nachzufragen, weil wir nicht wissen, ob es angebracht ist und wie wir überhaupt über so etwas reden sollen. Oftmals gilt auch einfach: Wenn wir etwas zu verstehen glauben, sollten wir so lange darüber reden, bis wir wieder Zweifel haben – und damit bei uns selbst anfangen.

Ich will nicht die Moralkeule schwingen und euch damit niederknüppeln und mir ist klar, dass darüber reden nicht überall so „einfach“ ist wie an bestimmten Ecken Berlins, aber ich wünsche mir, dass ihr darüber redet. Redet mit euren Kindern darüber und gebt ihnen ein Gefühl mit auf den Weg, dass Dinge im privaten Kreis an- und ausgesprochen werden dürfen/sollen, aber möglichst im Takt und Ton der Betroffenen. Oder macht es wie meine Eltern und nehmt eure 12-jährigen Töchter mit zu einer Aufführung der Rocky Horror Show der eigenen Verwandten. Und bringt ihnen Menschen wie David Bowie näher, die sich ihr Leben lang gegen Stereotypen gewehrt haben. Auch unaufgeregte Serien zum Thema, beispielsweise Transparent, sind einen Blick wert.

Transparent

Transparent (c) Amazon

Uns fehlt das Vokabular, lasst uns darüber reden

Da viele kluge Leute bereits viele kluge, theoretische Sachen zum Thema geschrieben haben und ich auch keine Boulevard-wirksame Human-Interest-Story liefern kann, will ich mich nicht mit komplizierten Theorien oder herzergreifenden Tearjerkern aufhalten. Theorien sind auch nur ein verzweifelter Versuch, etwas zu verstehen, das sich so schwer in Worte fassen lässt wie die eigene Identität. Aber genau darüber können wir schreiben schreiben, genau das sollte jeder von uns zu formulieren versuchen und darüber reden. Meine eigene Identität ist geprägt von dem Erkennen, dass ich bisexuell bin, davon, dass allein das Wort (Bi wie Binarität) schon beinhaltet, gegen was ich mich zu wehren versuche. Ich habe einen bisexuellen Freund und bin dankbar um seine Weltsicht und dankbar für die Erleichterung, meiner Familie gesagt zu haben, dass ich bisexuell bin (vor wenigen Monaten, war ziemlich witzig), und viele weitere Dinge beschäftigen mich meine Identität betreffend. Dass ich mich nie vollständig mit Mädchensein und später Frausein und Weiblichkeit identifiziert habe, beschäftigt mich. Lilly beschäftigt mich. Der Prozess, den sie beschreibt, beschäftigt mich, denn dabei geht es nicht nur um das Dasein als Transmensch, es geht um Respekt vorm Fremden und um ein Lebensgefühl, dass etwas, das wir nicht verstehen, uns bereichern wird. Ich gebe das Wort für den Schluss dieses Monologs, an dem ein Hauch Science Fiction zu spüren ist, noch einmal an Lilly. Danke für’s Lesen!

Now, gender theory and queer theory hurt my tiny brain. The combinations of words, like freeform jazz, clang disjointed and discordant in my ears. I long for understanding of queer and gender theory but it’s a struggle as is the struggle for understanding of my own identity. I have a quote in my office though by José Muñoz given to me by a good friend. I stare at it in contemplation sometimes trying to decipher its meaning but the last sentence resonates: „Queerness is essentially about the rejection of a here and now and an insistence on potentiality for another world.“ So I will continue to be an optimist adding my shoulder to the Sisyphean struggle of progress and in my very being, be an example of the potentiality of another world.“ (Lilly Wachowski)

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Leonard Nimoy – Wenn Science und Fiction verschmelzen

Fox

Nimoy in Fringe, (c) Fox

#SciFiStuffy Nr. 1

Leonard Nimoy war wohl der Inbegriff des Zusammenhalts von Science und Fiction, von Wissenschaft und Kunst, von Wissen und Glaube. Um ihn trauern nicht nur seine Familie, Millionen Fans, zahlreiche Film-Kollegen und Hollywood-Bekannte, ihn verabschieden Wissenschaftler mit berührenden Gesten – auch aus dem All. Weil sie nicht nur die ikonische Rolle des spitzohrigen und -findigen Spock aus Raumschiff Enterprise vor Augen haben, sondern einen Künstler, der sich sein Leben lang in verschiedensten Kunstformen mit Identität, Unendlichkeit und Entdeckung auseinander gesetzt hat. Zahlreiche NASA-Angestellte fühlten sich durch ihn inspiriert. Das Star Trek-Franchise startete 1966, also etwa in der Zeit, als meine Eltern auf die Welt kamen. Nimoy war damals 35. Er selbst hatte die Idee für den vulkanischen Gruß, der nun nach seinem Ableben einmal mehr um die ganze Welt geht – bis in den Weltraum, von wo aus sich Astronaut Terry W. Virts verabschiedet.

Ich habe, wenn es hoch kommt, bloß eine Handvoll Star Trek-Episoden und einen der Filme mit Originalbesetzung gesehen. Die Science Fiction betreffend hab ich mich bisher hauptsächlich mit Körper-invasiver Zukunftstechnologie und terrestrischen Dystopien auseinandergesetzt. Doch der unbändigste Entdeckergeist liegt wohl in der Erforschung der Unendlichkeit des Weltraums. Kaum ein zweites Phänomen der Popkultur steht dafür ein wie das Raumschiff Enterprise. Ich bin der Meinung, ich muss nicht viel des Franchise gesehen haben, um den Mythos nachvollziehen zu können und zu mögen.

Ein konkreter Fakt dieser wundervoll aufbereiteten Reise im Planetarium wird mich nicht mehr loslassen. Reisen wir mit Lichtgeschwindigkeit von der Erde los, dauert es eine Sekunde zum Mond. Bis zu den Planeten dauert es teils mehrere Minuten, doch sind wir an Pluto vorbei, kommt erst einmal acht Jahr lang absolut nichts (für’s Auge). Diese scheinbare Unendlichkeit und unser begrenztes Wissen sind nicht erdrückend, sondern befreiend – es gibt so viel mehr da draußen als unser Leben und unser Denken. Die Konsequenz, die ich daraus ziehe: Begegne deinem Leben und dem Moment mit Respekt, aber nimm dich nicht zu ernst und höre nicht auf, weiterzusuchen und neugierig zu sein. Leonard Nimoys letzter Tweet seines Accounts vor der Todesnachricht berührt: